Der Nomade aus Andelfingen

Pajtim Kasami ist getrieben vom Ehrgeiz, wieder in einer grossen Liga zu spielen. Derzeit aber kämpft er um einen Platz beim FC Sion.

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Was ist das für eine heile Welt, damals, als er 16 ist, unbeschwert und ein grosses Talent. Als Liverpool ruft. Als er keine Gefahren erkennt, kein Risiko. Als ihm seltsame Vorgänge dieses Geschäfts fremd sind. Er denkt nur: Jetzt gehts richtig los. Zweifel? Null. Pajtim Kasami interessiert einzig das Spiel, das er liebt, seit er laufen kann. Er möchte es beherrschen und eifert ­seinem Vorbild Zinédine Zidane nach.

In Montreux ist die Sonne in Bestform. An der Seepromenade fährt ein junger Mann mit dem Bike vor, er ist nicht Tourist, aber auch kein Einheimischer. Derzeit spielt er beim FC Sion und wohnt in Montreux. Er hat eine spöttische Bemerkung von Freunden im Ohr: «Richte deine Wohnung nicht zu schön und zu gemütlich ein, du gehst ja eh bald wieder...»

Der junge Mann heisst Pajtim Kasami, und als er den Satz zitiert, muss er selbst grinsen. «Stimmt ja irgendwie schon», sagt er, «ich bin so etwas wie ein Nomade.» Vor zehn Jahren hat der Mittelfeldspieler die Schweiz verlassen, begleitet vom festen Willen, sich von niemandem aufhalten zu lassen. ­Carlos Bernegger, der ihn damals bei den GC-Junioren trainiert hat, sagt: «Pajtim ging sehr früh ins Ausland, aber mit Überzeugung. Er übernahm Verantwortung, war reif und belastbar.»

Aber seine Geschichte hat einen komplizierten Inhalt bekommen, es ist die eines 26-Jährigen, der an Kreuzungen zuweilen falsch abgebogen ist. Und in dem die Einsicht gereift ist: «Ich bin zu naiv gewesen und habe mich zu leicht beeinflussen lassen.»

Die wilde Reise

Kasami erzählt von seiner langen, wilden Reise, die ihn aus dem Liverpooler Nachwuchs nach Rom zu Lazio geführt hat, zurück in die Schweiz zu Bellinzona und weiter nach Palermo, wo er seinen Berater kennen lernt. Aus Italiens Süden geht es mit 19 nach London zu Fulham, im Februar 2013 für vier ­Monate nach Luzern, erneut zu Fulham und schliesslich zu Olympiakos Piräus. Er berichtet von Trainern, die Interesse zeigten, von Harry Redknapp, der ihn zu Queens Park Rangers holen wollte, oder Roberto Di Matteo zu Schalke.

Und dann schildert er, wie die Griechen ihn zu Nottingham Forest abschoben, in die zweite englische Liga. Er sagt, er habe das gar nicht gewollt, aber sein Berater habe auf ihn eingeredet. Und der Präsident von Olympiakos wünschte das auch, weil er mit Nottingham geschäftlich verbunden war. Kasami fühlte sich als Spielball, als ferngesteuertes Objekt. Er wagte es nicht, sich aufzulehnen.

Dem Berater hat Kasami lange gehorcht, weil der als Schwergewicht in der Branche gilt. Mino Raiola heisst er, zu seinem Kundenkreis zählt Prominenz von Zlatan Ibrahimovic über Paul Pogba bis Mario Balotelli und Romelu Lukaku. Da hat ein Kasami nicht Priorität. Als er in England unterschreibt, ist der mächtige Manager nicht dabei.

Was genau fehlt?

Der Fussballer hat viel erlebt und ­einiges erreicht. Er ist 2009 mit der Schweizer U-17 Weltmeister geworden. Er hat bei Fulham die Premier League kennen gelernt und mit Olympiakos die Champions League, mit den Griechen ist er zweimal Meister und einmal Cupsieger geworden. Er hat für die Schweiz zwölf Länderspiele bestritten, einen robusten Körper, einen gefühlvollen linken Fuss. Seine Klasse blitzt wiederholt auf, aber nicht konstant. Darum ist seine Geschichte eben nicht nur kompliziert, sondern auch unvollendet.

Bloss: Was genau fehlt? Woran liegt es, dass er bei Sion gelandet ist und die Begegnung mit ihm nicht irgendwo in Italien oder England stattfindet? Schulterzucken – es ist halt so. Auf dem Platz kann er aufbrausend sein, wuchtig, dominant, aber manchmal wirkt er, als sei er gelangweilt und ohne Lust, sich am Spiel zu beteiligen. Er sagt: «Wer meine Körpersprache negativ interpretiert, zieht einen falschen Schluss.»

Kasami leidet sehr, als er für die EM 2016 kein Aufgebot erhält

Kasami, der sechs Sprachen spricht, stammt aus Mazedonien, besitzt aber nur den Schweizer Pass. Er wächst in Andelfingen auf, seine Eltern leben ­immer noch im Zürcher Weinland. Er mag mit 1,89 m eine imposante Statur haben, nur: Sie schützt ihn nicht vor emotionalen Tiefs. Er leidet, als er zu Nottingham abgeschoben wird. Er ­leidet, als es nicht ins WM-Kader 2014 reicht. Und er leidet sehr, als er für die EM 2016 kein Aufgebot erhält.

Rückhalt findet er bei seiner Familie. Die Schwester, eine Bankerin, kümmert sich um die Finanzen, «sie schaut, dass ich keine Dummheiten mache». Der Bruder, vier Jahre älter, ist eine der engsten Bezugspersonen und ein ehrlicher Kritiker. Nach jedem Match meldet er sich mit einer Einschätzung.

Gegenwärtig befindet sich Kasami in einer heiklen Phase. 2017 ist er von Nottingham nicht nach Piräus zurückgekehrt, sondern zu Sion transferiert worden. Dort hat er einige Turbulenzen erlebt, ist Captain und einmal für ein paar Tage von Präsident Christian Constantin suspendiert worden («Pajtim soll sich überlegen, was er tun muss, um in seiner Karriere zu reüssieren»); er hat gegen den Abstieg gekämpft; und nun hat ihn der neue Trainer Murat ­Yakin dreimal in Folge auf die Bank ­gesetzt.

«Vielleicht hat Yakin die Lösung»

«Die Jungen machen das halt gut», sagt Constantin, «Kasami hat ­alles, um ein überragender Spieler zu sein. Aber er muss viel arbeiten und den ­idealen Platz im Team noch finden. Vielleicht hat Yakin die Lösung.»

Im Sommer wollte ihn der FC Basel. Christian Constantin lehnte die Offerte ab. Aus Italien gab es Anfragen. Constantin schraubte den Preis in die Höhe. Kasami musste bleiben. Er flog darauf extra nach Monaco zu Raiola. Und die Empfehlung des berühmten Beraters? Er solle nicht mehr ins Training gehen und den Weggang erstreiken. Kasami schüttelt nur den Kopf.

Bis 2020 läuft der Vertrag im Wallis, aber den Aufenthalt dürfte er abkürzen. Er ist getrieben vom Ehrgeiz, in einer grossen Liga unterzukommen wie seine Freunde Xherdan Shaqiri, Admir Mehmedi oder Blerim Dzemaili.

Er glaubt, dass er die Geduld aufbringt und auch die Gelassenheit: «Im Kopf bin ich stärker geworden.» Früher regte er sich darüber auf, wenn er kritische Zeilen über sich las. Und heute? «Ist mir vieles egal.»

«Ich will keine dummen Schritte mehr machen»

Wie es bei Sion weitergeht, das kann Kasami nicht abschätzen. Aber klar ist ihm eines: «Ich will ab jetzt alles sauber planen und keine dummen Schritte mehr machen.» Vertraut er weiterhin Raiola? Eine schlüssige Antwort hat er noch nicht.

Die Sonne in Montreux verabschiedet sich langsam, und Kasami muss ­weiter. Im Fitnesscenter will er sein Abo verlängern. Einmal pro Woche trainiert er dort zusätzlich – «ich tue alles für meine Form». Er schwingt sich auf sein Bike und lässt sein Selbstvertrauen noch einmal sprechen: «Ich weiss, dass ich gut bin.» Und weg ist er.

Der FC Sion spielt heute (Samstag, 21. Oktober) gegen die Grasshoppers Zürich. Wir berichten live ab 16 Uhr.

Erstellt: 21.10.2018, 13:41 Uhr

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