Der Patient Fussball

2016 war für das Spiel der Milliarden und Millionäre kein gutes Jahr. Spielerberater, TV-Gelder und wilde Männerfantasien machen ihm zu schaffen.

Die Football Leaks offenbaren Ronaldos Jahreseinkommen: 227 Millionen Euro. Foto: Keystone

Die Football Leaks offenbaren Ronaldos Jahreseinkommen: 227 Millionen Euro. Foto: Keystone

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Er sieht nicht gut aus, der Patient Fussball. Das Jahr 2016 hat ihm zugesetzt. Man kann den Kranken drehen und wenden und all die Wunden betrachten: Korruption, Handel mit Minderjährigen, Steuersünden und der Verlust von beinahe jeglicher Romantik – ja, man kommt zum Schluss, das liebe Geld hat an ihm ein wüstes Werk verrichtet.

Football-Leaks: Fussballer sind auch Menschen

«Hoffentlich haben wir nicht seine Karriere ruiniert . . . Mein Herz ist gebrochen.» Die Antwort: «Guck aufs Bankkonto in den nächsten Tagen, und du wirst anders fühlen.» Oder: «Der Nigger macht Geld für uns.» Es sind Auszüge aus einem Mailverkehr der Spielerberaterfirma Doyen, publiziert vom «Spiegel» im Rahmen der Football-Leaks. Die Dialoge zeigen, wie Fussballer zu Investitionssubstrat werden. Die Recherchen offenbaren, wie schmutzig das Fussballgeschäft sein kann.

So enthalten Verträge oftmals Klauseln, die fast wie Nötigungen wirken. Etwa beim Spieler Ola John von Benfica Lissabon. Doyen hielt für 4,6 Millionen Euro die Hälfte der Transferrechte und vereinbarte, dass bei jedem Geschäftsabschluss mindestens 6 Millionen an ­Doyen gehen. Verkauft Benfica den Spieler für weniger als 12 Millionen, bekommt Doyen 6 Millionen. Bringt er mehr als 12 Millionen, kassiert Doyen 6 Millionen plus 50 Prozent vom Rest. Wenn der Spieler nach drei Jahren nicht verkauft ist – Doyen erhält 6 Millionen. Wenn der Spieler Sportinvalide wird – Doyen kassiert 6 Millionen. Die Clubs lassen sich zu solchen Klauseln hinreissen, weil ihnen selbst das Geld fehlt. Die Fifa hat 2015 mit dem Verbot für Verkäufe von Transferrechten an Dritte einen Schritt dagegen unternommen. Nur, das Verbot kann umgangen werden.

Die Aufregung um die Steuersünden ist gross, die Berichterstattung meist zutiefst moralisierend.

Zugleich haben die Football-Leaks gezeigt, wie Mourinho, Özil oder Ronaldo Geld am Fiskus vorbeischleusen. Sie gründen Briefkastenfirmen in der Karibik; sie treten Bildrechte an Firmen ab, um Steuern zu sparen: statt des Spitzen- wird der Unternehmenssteuersatz fällig. Nebenbei werden mit den Leaks auch der Schlüssellochreiz gestillt und eine Unmenge von Salären offengelegt. So verdient Cristiano Ronaldo jährlich nicht 70 Millionen Euro, wie von «Forbes» angenommen, nein, es sind 227 Millionen Euro. Die Aufregung um die Steuersünden ist gross, die Berichterstattung meist zutiefst moralisierend. Mit der ­Begleiterscheinung, dass schlimmere Missstände – wie der moderne Menschenhandel à la Doyen – beinahe vergessen gehen.

TV-Verträge: Die Brandstifter

England hat einen neuen, Deutschland wartet sehnlichst darauf, und auch die Schweizer Clubs dürfen sich freuen. Es geht um Fernsehverträge. In England werden pro Jahr 3,4 Milliarden Franken verteilt (plus 70 Prozent), in Deutschland sind es ab 2017 1,2 Milliarden (plus 85 Prozent) und in der Schweiz 40 Millionen (plus 70 Prozent). Fernsehverträge sind heute, was Stadionzuschauer und ­Sponsoren vor 20 Jahren waren – die wichtigste Einnahmequelle von Fussballclubs.

Doch sie sind zugleich Brandstifter: Die genannten Beträge reissen einen tiefen Graben der Ungleichheit in die Welt des Fussballs. Gross wird grösser, klein wird winziger. Mit der Folge, dass die Unvorhersehbarkeit und damit auch Attraktivität des Spiels mehr und mehr abnimmt. Gewiss, das Fernsehen hat den Fussball erst so richtig populär gemacht und in aller Herren Länder geführt. Aber auch mitgewirkt, dass der Sport nun mit Geld geflutet wird. 20 Milliarden Franken werden allein in Europa damit pro Jahr umgesetzt. Transfersummen steigen, die Löhne ebenso, und so auch die ­Anreize, am Geschäft mitzuverdienen. Dass damit nicht nur hehre Absichten verfolgt werden, erklärt sich in dieser Welt von selbst.

Champions League: Mit Gier zum Untergang

Englands TV-Vertrag hat Neider hervorgerufen. Leidtragende sind Vereine wie der FC Basel. Wo liegt da der Zusammenhang, mögen Sie fragen? Nun, durch die TV-Millionen verdient Englands Letztplatzierter mehr Geld als die Spitzenverdiener Italiens oder Spaniens; er vermag ihnen gar Spieler abzuwerben. Also ­versuchen die betroffenen Grossclubs, einen Ausgleich zu kreieren, und gelangen an die Uefa, Ausrichterin der Champions League. Sie wollen von ihr mehr Geld. Ihr Argument: Der Chinese oder Amerikaner will Barcelona oder Juventus sehen, dafür zahlt er, dafür sitzt er vor dem Fernseher. Und: Je mehr von diesen Zuschauern existieren, desto mehr sind Sponsoren bereit, zu ­zahlen.

Weil die Grossclubs zugleich mit einer eigenen Superliga kokettieren, gibt die Uefa nach. Die Clubs der vier grossen Ligen erhalten ab 2018 mehr Geld und 16 statt 11 fixe Startplätze. Zum Leid der Vereine kleinerer Ligen, für sie gibt es künftig weniger Startplätze, und die Ungleichheit wird weiter zunehmen. Ab 2021 drohen gar Champions-League-Spiele am Wochenende und im Ausland.

Einige Ökonomen gehen derweil ­davon aus, dass Grossclubs bis dann bereits ihre eigene Liga gegründet haben.

Fifa: Aus neu wird nicht besser

Es gab eine Zeit, da fürchtete man Woche für Woche, dass die Fussballwelt aufs Neue implodieren würde: Korruption um die Fifa, Korruption um die WM 2006, Korruption um die ganze Welt. 2016 schien es etwas ruhiger zu werden um den Weltfussballverband. Er bekam mit Gianni Infantino einen neuen Walliser als Präsidenten. Doch man irrte. ­Infantino kam und brüskierte. Mit merkwürdigen Käufen von Matratzen (11 440 Franken) und Fitnessstepper (8883 Franken), mit Privatjetflügen ohne Rechnung und Angaben zu Anbieter oder Gönner. Der Verdacht von Interessenkonflikten tauchte auf, begleitet vom Vorwurf, Infantino habe in der Fifa eine Reihe von Kritikern entlassen. Die Fifa bezeichnete die Vorwürfe als «Fehl­informationen und Ablenkungen von Personen, die sich gegen die positiven Veränderungen innerhalb der Fifa ­stellen». Präsident ­Infantino kam un­geschoren davon.

China: Eine seltsame Wiederbelebung

Früher wechselten Spieler mit Geheimratsecken oder Glatzen am Ende ihrer Fussballtage in die USA, ein paar Jahre später war Arabien ihr Mekka. Und heute? Heute ist alles anders, da wechseln bereits 25-Jährige – nach China. Oscar, Paulinho, Hulk, Gervinho, Lavezzi, Jackson Martinez, um nur ein paar ­wenige Namen zu nennen. Die Wechsel sind begleitet von – man darf das sagen – unverschämten Summen. Zwei Beispiele: Für Oscar zahlte Shanghai SIPG 60 Millionen Euro, Lavezzi bekam von Hebei ein Handgeld von 26 Millionen und einen Jahreslohn von 15 Millionen – die 50 Prozent Einkommenssteuern übernimmt der Verein.

Der Import von Fussballern nach China ist das eine, der Export von chinesischem Kapital in die Alte Welt das andere: So gingen in den vergangenen ­Monaten Clubs wie Aston Villa, die beiden Mailänder Vereine, Nice, Sochaux, Espanyol Barcelona und West Bromwich in chinesische Hände über. Es ist eine Offensive, die am 23. Februar 2015 von Staatspräsident Xi Jinping höchstpersönlich ausgerufen wurde. Er lud die einflussreichsten Männer Chinas ins Hauptquartier der Kommunistischen Partei und legte ihnen die «Wiederbelebung des chinesischen Fussballs» nahe. Seither buhlt Chinas Elite mit dem Fussball um die Anerkennung des Präsidenten. Dessen Ziel ist es, die WM 2026 oder 2030 mit einer starken eigenen Mannschaft ausrichten zu können. Übrigens, kürzlich hat auch Weltschiedsrichter Mark Clattenburg ein Angebot von Chinas Liga erhalten.

Challenge League: Bieler und Wiler Sorgen

Geld spielt im Grossen eine Rolle, aber auch im Kleinen. Etwa beim FC Biel. Ein Zürcher Anwalt namens Carlo Häfeli kaufte während einer Sitzung im Bahnhofbuffet Olten den Challenge-League-Club, ohne die Finanzlage zu prüfen, und fuhr den Verein Monate später im Frühling 2016 an die Wand. Was ist passiert? Der Anwalt hatte grosse Ziele und zu ­wenig Geld. Er hat 17 neue Spieler geholt und sie mit Gratisautos und feudalen Wohnungen ausgestattet. Er wollte in die Super und Europa League. Das Budget wuchs von 2,6 auf 3,6 Millionen Franken. Plötzlich drückten Schulden, und Häfeli konnte nicht bezahlen.

Er hat 17 neue Spieler geholt und sie mit Gratisautos und feudalen Wohnungen ausgestattet.

Es kam, was kommen musste: Dem Club wurde die Lizenz entzogen, Häfeli aus Biel verjagt und der Club in die 2. Liga zwangsrelegiert. Überall Scherben – wegen eines grossen Männer-Egos. Eine Metapher, die für den Fussball steht.

Und in Wil, dort pflegt man mit türkischem Geld eine Trainerhistorie, die sich sehen lassen kann. Mit Martin Rueda hat es in 15 Monaten bereits den zehnten Trainer gelupft. Fussball ist wie das ­Leben: Zu viel Geld kann schaden.

Erstellt: 29.12.2016, 08:12 Uhr

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