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Der Perfektionist spielt gegen den Wind

Arjen Robben hat viel Ehrgeiz. Damit hatten die Bayern-Fans zunächst lange Probleme. Inzwischen spürt er tiefe Anerkennung.

Dies ist eine Geschichte über einen Perfektionisten. Es ist eine Geschichte darüber, dass der Perfektionist ein Getriebener sein kann, und dass er dadurch unbeliebt wird. Es geht aber auch darum, dass der Perfektionist einfach weitermacht. Weil er nicht anders kann.

In seinen ersten Jahren als Vater fand Hans Robben wie viele andere Väter, dass er einen wahnsinnig besonderen Sohn hat. Er war sich aber nicht sicher, ob sein Sohn wirklich besonders war, oder ob ihn seine eigene Zuneigung täuschte. Hans Robben sah, dass sein Sohn gerne in die Schule ging, er sah, dass er gerne Fussball spielte. Er sah, dass sein Sohn alles ernst nahm. Und er sah, dass ihm dennoch alles leichtfiel. «Dass in Arjen eine Kraft arbeitet, die ihn immer vorantreibt», sagt Hans Robben, «war nicht mehr zu übersehen, als er acht, neun Jahre alt war.»

Diese Kraft liess Arjen Robben zu einem der erfolgreichsten Fussballspieler des 21. Jahrhunderts werden, zum Kapitän der holländischen Nationalmannschaft, zum WM-Finalisten, zum mehrfachen deutschen Meister, zum Champions-League-Sieger. Dieser innere Antrieb machte ihn aber auch zu einem Grenzgänger, der provozierte, der die Abneigung spürte, der erst spät ein Liebling wurde.

Verachtung der einen, Liebe der anderen

An diesem Samstag (18.30 Uhr), wenn Robben mit dem FC Bayern in Dortmund antritt, wird sich beides deutlich zeigen, die Verachtung der einen, die Liebe der anderen. Und beides wird sich auch auf einen Moment beziehen, Robbens entscheidendes Tor im Final der Champions League 2013 in London gegen Dortmund. Auf den einen Moment, in dem er der Perfektion so nah war wie nie zuvor und nie danach.

Hans Robben sagt, dass es die kleinen Dinge waren, an denen er irgendwann erkannte, welch Ehrgeiz in seinem Sohn steckt. Schon als Grundschüler in Bedum, wenige Kilometer von der Nordseeküste entfernt, sei Arjen selbstständig gewesen. Er musste nie geweckt werden. Er musste nie an die Hausaufgaben erinnert werden.

Am meisten beeindruckte Vater Robben, dass sein Sohn jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Schule fahren wollte, 13 Kilometer, bei Regen, bei Kälte, bei Gegenwind. «Als er dann in ein Alter kam, in dem andere wild und rebellisch werden, hat er sich dennoch nicht verändert», erzählt der Vater, «er trank keinen Alkohol, rauchte nicht, achtete auf eine gesunde Ernährung, ging früh ins Bett.»

Als Robben als 18-Jähriger zum PSV Eindhoven gewechselt war, sagt sein Vater, «war er einer der wenigen, die bereit waren, immer noch ein bisschen mehr zu machen». Nach dem Training übte Arjen Robben Freistösse, er feilte an seiner Schusstechnik. «Dieser Wunsch, immer noch ein bisschen besser zu werden, hat nie nachgelassen», sagt Hans Robben.

Nicht in den Jahren beim FC Chelsea, in denen Trainer José Mourinho alle Spieler unerbittlich vorantrieb. Nicht bei Real Madrid, wo der Mythos des Vereins ein Ansporn war. Und nicht beim FC Bayern, bei dem Arjen Robben das erste Mal erkannte, wie eng sein Werdegang mit dem des gesamten Klubs zusammenhängt. "«Arjen war immer ein Fussballer, der besser werden wollte, um mehr Titel zu gewinnen»", sagt sein Vater, «in München hat er gespürt, dass er hier helfen kann, viele besondere Jahre zu ermöglichen.»

Das Alter als zusätzliche Motivation

Der Interviewraum 2 des FC Bayern, Arjen Robben kommt verspätet. Die Massage, entschuldigt er sich, und er entschuldigt sich auch gleich dafür, dass er nicht viel Zeit habe, er müsse seine Kinder abholen. Robben erzählt dann von den Bedürfnissen seines Körpers, davon, dass er spüre, was dieser brauche und auch, was nicht. Damit kommt er auch zum Thema dieses Karriereabschnitt: dem Alter.

Robben könnte klagen, dass er seinen ohnehin so anfälligen Körper noch sorgsamer pflegen muss. Er klagt nicht. Das Alter bedeutet für ihn eine zusätzliche Motivation, er weiss ja, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. Robben sagt: «Ich bin 33, und ich möchte immer noch etwas erreichen.»

Zu spüren war das in den letzten Wochen unter Carlo Ancelotti als Trainer des FC Bayern. Um Robben zu verärgern, reichte ein Pass, der nicht genau in den Fuss kam, sondern ein paar Zentimeter zu weit nach hinten, so dass Robben sein Tempo verlor. Er schleuderte die Arme durch die Luft, schob die Augenbrauen zusammen, drehte sich ab. Was Robben nie lernen wollte, das war, seine Gedanken zu verbergen.

Wie Robben versuchte, Ratschläge an Ancelotti zu senden

Er hat in diesen Wochen im August und September um seinen Karriereausklang gefürchtet; im Sommer läuft sein Vertrag aus. Wenn er noch einmal Mitglied einer erfolgreichen Mannschaft sein wird, dann wohl in dieser Saison. Robben versuchte dezent, Ratschläge an Ancelotti zu senden, zum Beispiel den, dass er besser spiele, wenn Thomas Müller neben ihm angreife.

Als Ancelotti Ende September entlassen wurde, galt Robben als einer der Gegner aus der Mannschaft; er soll sich sogar beschwert haben, dass sein Sohn in der D-Jugend in Grünwald ein besseres Training bekomme. Robben bezeichnete diese Geschichte später als «absoluten Blödsinn». Sein Vater, der ihn auch berät, sagt: «Arjen hat sich sehr geärgert, als er das in der Zeitung gelesen hat.» Solange ein Perfektionist an sein Ziel glaubt, lässt er nicht nach. Auch in diesen Wochen glaubte Robben an den FC Bayern, gegen alle Widerstände.

Der Alleinikow

Ehrgeiz ist keine Eigenschaft, die einen Fussballer beliebt macht. Oliver Kahn wurde respektiert, nicht geliebt. Robert Lewandowski, der in Dortmund wieder für den FC Bayern stürmen wird, geht es zurzeit ähnlich. Arjen Robben trieb sein Ehrgeiz beinahe in die fussballerische Einsamkeit.

2012 verschoss Robben in der Rückrunde einen Elfmeter gegen Dortmund, der FC Bayern wurde Zweiter. Im «Finale Dahoam» in der Champions League verschoss er gegen Chelsea einen Elfmeter in der Verlängerung, der FC Bayern verlor. Wenige Tage später, in einem Freundschaftsspiel des Clubs gegen Holland, wurde Robben kurz vor Schluss eingewechselt, für Holland. Die FCB-Fans pfiffen. Sie nannten ihn: Alleinikow.

Die meisten Spieler wären danach wohl gewechselt. Hans Robben aber sah weiter den Sohn, den er schon 20 Jahre zuvor bewundert hatte. Der sich einfach weiter auf seine Stärken konzentrierte. «Arjen hört nicht einfach auf», sagt sein Vater, «solange er in sich diesen Ehrgeiz spürt, bleibt er bei einem Ziel.»

Das Gesicht der Mannschaft

Robben kehrte nach der Sommerpause zurück, es folgten die beiden besten Spielzeiten seiner Karriere, mit dem Final in der Champions League 2013, gegen Borussia Dortmund. Robben war der beste Mann auf dem Platz, er bereitete das 1:0 durch Mario Mandzukic vor, das 2:1 erzielte er selbst, in der 89. Minute. Seitdem singen die Fans des FC Bayern: «Der Arjen hat's gemacht.» Nun applaudieren auch manchmal die gegnerischen Anhänger, wie am vergangenen Mittwoch, als Robben beim 2:1 in Glasgow ausgewechselt wurde.

Robben ist in diesen ersten Wochen unter dem neuen, alten Trainer Jupp Heynckes, das Gesicht der ganzen Mannschaft. Er weiss, dass er nicht mehr so stark ist wie 2013, er verschwindet manchmal für mehrere Minuten, aber er hat weiter das Tempo und den Willen für das eine, entscheidende Dribbling. Robben kann sich jetzt auch mal gedulden, er muss nicht in jeder Szene die Verantwortung übernehmen, so wie noch 2012. Und so steht er für eine Mannschaft, die sich langsam verabschiedet, die es aber noch einmal wissen will, ein allerletztes Mal.

Ja, sagt Robben, er sei gelassener geworden. Ausführen möchte er das nicht, Gelassenheit klingt ja irgendwie nach Bequemlichkeit. Bequem ist er nicht. Wird er nach dem Karriereende gefragt, sagt er: «Das gehört zum Leben!» Bevor es zu persönlich wird, weitet er das Thema jedoch aus auf Franck Ribéry, seit 2009 sein Pendant auf dem linken Flügel. «Jetzt ist es so, dass wir irgendwann dran sind, Franck und ich. Aber Alter spielt keine Rolle. Du bist gut, oder du bist nicht gut.»

USA oder Groningen

Vielleicht wechselt er in die USA, vielleicht baut er eine Paddle-Tennis-Anlage auf Ob er konkrete Pläne habe? «Wenn der Zeitpunkt kommt, dass du merkst, dass dein Körper nicht mehr kann, dass dir die Motivation fehlt, dann wird es langsam Zeit aufzuhören.» Robben sagt, er denke «die ganze Zeit» darüber nach, wie es weitergehe. «Vielleicht ist es meine letzte Saison? Kann sein! Das ist Gefühlssache.» Sein Vater sagt, dass er sich im Frühjahr mit dem Verein zusammensetzen werde, bis dahin wollen beide Seiten die Saison beobachten, und auch Robbens Körper.

Natürlich, sagt Robben, könne er sich vorstellen zu verlängern. Falls das mal kein Thema mehr sein sollte, schliesst er ein, zwei Jahre in den USA nicht aus. Oder er wird wieder für seinen Heimatverein Groningen spielen, versprechen will er es nicht. «Weil wenn du es versprichst, dann musst du es machen. Und das weiss ich nicht.» Seine Frau und er bauen in Groningen gerade ein Haus, für die ganze Familie. Mit Freunden dort hat er überlegt, eine Paddle-Tennis-Anlage aufzumachen. Robben sagt: «Die Freunde sagen manchmal: Wann ist es endlich so weit?»

Dann flucht Robben, er hat zu lange erzählt. Er, der Perfektionist, wird sich zum zweiten Mal an diesem Tag verspäten. Die Kinder werden auf ihn warten müssen.

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