«Macht er noch ein paar Tore, werd auch ich zum Muslim»

Seit Mohamed Salah für Liverpool spielt, sind Hassverbrechen gegen Muslime massiv zurückgegangen. Eine Studie ist dem «Salah-Effekt» nachgegangen.

Praktizierender Moslem und gleichzeitig Vorbild für die englische Jugend: Fussballstar Mohamed Salah. Foto: Getty Images

Praktizierender Moslem und gleichzeitig Vorbild für die englische Jugend: Fussballstar Mohamed Salah. Foto: Getty Images

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Torschützenkönig in der englischen Premier League, Afrikas Fussballer des Jahres, Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool: Mohamed Salah gilt aktuell als einer der besten Fussballer der Welt – und als Star, dessen Einfluss weit über den Platz hinausgeht. 28 Millionen Menschen folgen dem Stürmer bei Instagram, fast zwölf Millionen bei Facebook, neun Millionen bei Twitter.

In seiner Heimat und im Mittleren Osten wird der 26-Jährige längst als Idol verehrt. Bei den Präsidentschaftswahlen in Ägypten erhielt er 2018 mehr als eine Million Stimmen, obwohl er überhaupt nicht zur Wahl stand. Jüngst nahm ihn das amerikanische «Time»-Magazin in die renommierte Liste der hundert einflussreichsten Personen der Welt auf.

Auch die Liverpool-Fans feiern den gläubigen Muslim, der ihnen den lang ersehnten Erfolg zurückgebracht hat. «Mohamed Salah, ein Geschenk von Allah», singen sie in ihren Liedern, oder: «Wenn er noch ein paar (Tore) macht, dann werd auch ich zum Muslim.» Ist das blanke Ironie, für die englische Supporter bekannt sind, oder steckt doch mehr dahinter?

Das haben Wissenschaftler der Universität Stanford versucht herauszufinden. Die Forscher analysierten Polizeiberichte über Hassverbrechen, die sich seit Salahs Wechsel nach Liverpool 2015 ereignet haben. Sie durchsuchten 15 Millionen Tweets von Followern britischer Top-Clubs nach antimuslimischen Inhalten. Zudem befragten sie Liverpool-Fans zu ihren Einstellungen.

«Salah baut Vorurteile ab, indem er die Fans mit dem Islam vertraut macht.»Ergebnis der Studie

Die Ergebnisse sprechen tatsächlich für einen Salah-Effekt: So sank die Anzahl der Hassverbrechen gegen Muslime in Merseyside, der Heimatregion des FC Liverpool, seither um fast 19 Prozent. Dass die Quote anderer Verbrechen im gleichen Zeitraum nicht abnahm, weist darauf hin, dass Salah die Einstellungen der Liverpooler zum Islam beeinflusst. Unterstützt wird diese Interpretation auch dadurch, dass der Anteil antimuslimischer Tweets bei den Liverpool-Fans um mehr als die Hälfte (53,2 Prozent) zurückging.

Welcher Mechanismus diesem Effekt zugrunde liegt, versuchten die Autoren der Studie mit ihrer Umfrage unter den Fans zu ergründen. Die Auswertung ergab, dass Salah dazu beiträgt, Vorurteile abzubauen, indem er den Engländern den friedlich praktizierten Islam näherbringt: Seine Tore feiert er in der muslimischen Gebetshaltung (Sudjud), seine Frau beobachtet ganz selbstverständlich im Hidschab die Spiele, seine Tochter ist nach Mekka benannt, und auf Instagram lässt er die Fans nach dem Ramadan am Fastenbrechen teilhaben.

Feiert seine Tore in der muslimischen Gebetshaltung: Mohamed Salah. Foto: Getty Images

Stars wie Salah haben also Einfluss darauf, wie bestimmte Ethnien und Religionen in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Voraussetzungen dafür sind grosse Popularität und Beliebtheit. Der Ägypter ist vielen auch deshalb so sympathisch, weil er weitgehend frei von Starallüren geblieben ist und sich sozial engagiert.

Und natürlich spielt auch sein Erfolg eine entscheidende Rolle für die interkulturelle Akzeptanz. Bleibt dieser eines Tages aus, könnte es mit der Toleranz schnell vorbei sein. Ein gutes Beispiel dafür sind die Schweizer Nationalspieler mit Migrationshintergrund: Sind sie erfolgreich, werden sie als diejenigen Spieler gefeiert, die den Unterschied ausmachen. Läuft es der Nationalmannschaft hingegen nicht, sind sie oft die Ersten, die in der Kritik stehen.

«Wir müssen die Art ändern, wie wir Frauen in unserer Kultur behandeln»: Mohamed Salah im Interview mit dem «Time»-Magazin. Video: Youtube/Time

Einige Experten befürchten deshalb, dass der positive Effekt nicht von Dauer ist und auch nicht übertragbar auf andere. Ist der charismatische Salah nur ein Einzelfall? Nein, sagen die Forscher. Beim Teamkollegen Sadio Mané, einem Muslim aus dem Senegal, der aus seinem Glauben ebenfalls kein Hehl macht, seien ähnliche Effekte zu beobachten.

Auch Liverpool-Trainer Jürgen Klopp betonte die Wichtigkeit solcher Vorbilder: «Er ist Muslim und lebt in einer Welt, in der die Leute sagen: ‹Die sind doch alle gleich.› Es ist schön, dass er voller Lebensfreude und Liebe seine Religion ausübt», sagte er nach Salahs Nomination für die Liste des «Time»-Magazins. Die Auszeichnung zu einer der einflussreichsten Personen sei ein wichtiges Zeichen für die Welt.

Erstellt: 11.06.2019, 11:16 Uhr

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