Der Satz von Dalí

Ein Gedankenspiel über das Sommermärchen und die Welt des Traumes.

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Du mit deinem schönen Sommermärchen, von dem du damals geschwärmt hast, sagt Luca, wie immer etwas zynisch, wenn er Bruno ärgern will.

Wieso?, fragt Bruno und gibt sich bewusst etwas ahnungslos.

Endgültig bewiesen ist ja nichts, sagt Luca, aber sehr dubios ist alles, mit diesen verschobenen Geldern und undurchsichtigen Zahlungen über irgendwelche Konten, diesen obskuren Verträgen und dunklen Machenschaften und der zweifelhaften Rolle von Franz Beckenbauer, der damals im Helikopter quer über das schwarz-rot-gold gefärbte Jubelland flog, von Spiel zu Spiel schwebte, als WM-Organisationschef und Lichtgestalt, die alles möglich machte.

Und?, fragt Bruno.

Eben, sagt Luca, vieles bleibt ­märchenhaft, und er meint es nicht im positiven Sinne.

Bruno sagt, die schönen Gefühle von damals lasse er sich nicht nehmen. Er war bei der Weltmeisterschaft 2006 einige Tage in Berlin gewesen und konnte sie miterleben, diese Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Deutschen in diesem Sommer, in dem 30 Tage lang die Sonne schien und die Welt sich wunderte über ein Land, das sich so ganz anders zeigte, eben märchenhaft schön, und niemand sich fragte, warum diese Weltmeisterschaft überhaupt dort stattfand, es war ein­ ­4-Wochen-Dauerrausch. Der deutsche Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer hatte in seiner täglichen Kolumne in der «Berliner Zeitung» geschrieben: «Das Bild unseres Landes, das in diesen Sommer­nächten entsteht, ist nicht das Bild Deutschlands, aber das Bild eines Landes, das man sich in Deutschland wirklich wünscht.»

Es war einmal, sagt Luca.

Und ein Abend, sagt Bruno, werde ihm immer in Erinnerung bleiben. Es waren Stunden im Garten des Literaturhauses ganz nahe des Ku’damms in Berlin, eine lauschige Oase unter Bäumen und an runden Tischen in einer schwülen Sommernacht. Plötzlich war einer dagestanden, ein etwas knorriger Typ, er sah wenigstens so aus mit seinem grauen Hut, der sein Gesicht halb verdeckte, keiner wusste, wie er hiess, er hatte sich nicht vorgestellt, er stand einfach da und ging nach einigen Minuten wieder. Der Mann erzählte den Leuten eine ­Geschichte, anfänglich hörten nur wenige zu, doch er erzählte einfach weiter, lächelte dabei immer wieder.

Es war der Abend vor dem Halbfinal Deutschland gegen Italien, später stand dann in der Zeitung, Deutschland lache selbst in der Niederlage, so fröhlich und friedlich waren alle im Lande.

An diesem Abend im lauschigen Garten war der Ball aber plötzlich weit weg, als der knorrige Mann mit seinem Hut auftauchte und zuletzt mit ernstem Gesicht Salvador Dalí zitierte, er sprach noch lauter und sagte diesen Satz: «Eines Tages wird man zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch grössere Illusion ist als die Welt des Traumes.» Er liess uns, sagt Bruno, alle etwas konsterniert zurück mit diesem Satz. Es war einen Moment lang still im Garten, und die Leute schauten einander fragend an.

Überleg dir den Satz mal genau, sagt Luca.

Die Welt des Traumes gefällt mir besser, sagt Bruno.

Erstellt: 08.03.2016, 07:58 Uhr

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