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Der Sehnsuchtsstiller

Harry Kane ist der Star der Tottenham Hotspurs und der Stürmer, der nichts fürchtet – auch nicht Real Madrid heute Abend in der Champions League.

MeinungThomas Schifferle
Kane hat noch Zeit, die allergrössten Erwartungen zu erfüllen. Foto: Andy Rain (Keystone)
Kane hat noch Zeit, die allergrössten Erwartungen zu erfüllen. Foto: Andy Rain (Keystone)

Sein Übername ist Programm. Hurricane, Wirbelsturm. Bürgerlich heisst er Harry Edward Kane. Von Beruf ist er Torjäger bei den Tottenham Hotspurs.

In England feiern ihn die Medien laut. Die «Daily Mail» erklärt ihn zum «tödlichsten Stürmer der Welt», als gäbe es keinen Ronaldo oder Messi. Ob er einmal den Ballon d’Or für den weltbesten Fussballer gewinnen könne, fragt die BBC aufgeregt. Bis dahin wird es noch dauern, solange es Ronaldo, Messi oder Neymar gibt.

Auf ihre Art drücken die Engländer ihre Sehnsucht nach verlorener Grösse aus, nach Spielern wie Moore, Bobby Charlton, Keegan, Lineker, Gerrard, Shearer oder Beckham, die sich alle auf Weltniveau bewegten. Kane hat durchaus das Potenzial dazu. Die jüngste Adelung hat er von Zinédine Zidane erhalten: «Kane ist gut in allem. Er ist ein kompletter Spieler.»

Preisschild: 250 Millionen Euro

Zidane, Zizou für alle, die bis heute von ihm als Spieler schwärmen, hat es vor zwei Wochen gesagt, bevor er mit Real Madrid in der Champions League das Hinspiel gegen Tottenham bestritt. Und kaum hatte er das als Trainer der Spanier getan, sahen die Engländer Kane schon im Bernabéu.

Reals Präsident Florentino Perez bereitete solchen Fantasien noch vor dem Rückspiel von heute Abend ein schnelles Ende. «Kane unter Vertrag zu nehmen, würde mir im Leben nicht einfallen», sagte er in einem lokalen Radiosender, «Kane ist grossartig, aber wir ­haben Benzema.» Kane hat auch seinen Preis. Tottenham will ihn nicht für ­weniger als 250 Millionen Euro ziehen lassen, das sind 28 Millionen mehr, als Paris St-Germain für Neymar bezahlen musste.

Kane hat noch Zeit, die allergrössten Erwartungen zu erfüllen. Im vergangenen Juli ist er erst 24 Jahre alt geworden. Seine Statistik macht jedoch Eindruck, seit er vor drei Jahren bei Tottenham den Durchbruch geschafft hat: 83 Tore in 111 Spielen der Premier League. «Er ist nicht statisch, er macht immer Tempo, er spielt immer vorwärts», hat Zidane auch gesagt.

Nur beim Kopfball ist er trotz seiner 1,88 m noch nicht da, wo Alan Shearer einst war.

Ja, das ist Kane: Keiner schiesst in der Premier League so oft aufs Tor wie er, mehr als sechsmal pro Spiel. Er hat Kraft, Wucht, Dynamik, Tempo, er hat ganz viel, was einen grossen Stürmer ausmacht, er hat einen harten, präzisen Schuss, mit links und rechts, und diese unstillbare Lust, ein Tor zu erzielen.

Nur beim Kopfball ist er trotz seiner 1,88 m noch nicht da, wo Alan Shearer einst war. Und Shearer ist der Massstab für alle Torjäger in der Geschichte der Premier League, die mit ihrer Gründung vor 25 Jahren begann. Die 260 ist die Zahl, die mit ihm verbunden ist: Keiner hat auch nur annähernd so oft getroffen wie er, kein Rooney, Henry, Owen oder Agüero. Aber selbst Shearer twittert jetzt: «Er holt mich ein, er holt miiiiiiich ein, er holt mich ein!» Er: Kane, der ­Stürmer, der ganz fein lispelt.

Einer von uns!

Rund zehn Jahre bleiben Kane, um ­Shearers Marke zu erreichen. Immer ­vorausgesetzt, er kann dem Werben ­ausländischer Vereine widerstehen. Die Tottenham-Fans singen schon einmal bangend: «Harry Kane, er ist einer von uns!»

Der Satz ist einfach, die Botschaft umso kräftiger. Einer von uns heisst: einer, der nicht dem grössten Lohn nachrennt, sondern dem Verein seiner ­Jugend treu bleibt; einer wie Giggs, ­Gerrard, Adams, die ihr Berufsleben an einem Ort verbrachten; einer eben, von denen es auch im englischen Fussball nicht mehr viele gibt.

Kane, aufgewachsen im Londoner ­Osten, in Walthamstow, als Sohn einer fussballbegeisterten Familie, ist eigentlich schon von klein auf Tottenham zugetan, als er trotzdem zu Arsenal wechselt. Dass er zu der Zeit erst 8 ist, macht es heute selbst für einen eingefleischten Tottenham-Fan erträglich. Nach einem Jahr wird der kleine Harry wieder weggeschickt, noch immer zum Bedauern von Arsène Wenger, Arsenals Manager.

Harry versucht sich danach ein erstes Mal bei Tottenham und wird abgewiesen. Er versucht sich da nochmals, als er 11 ist. Diesmal wird er aufgenommen. Zu der Zeit ist er noch Mittelfeldspieler. Es drängt ihn auf dem Platz mit der Zeit in eine offensivere Rolle. Aber er muss sich gedulden, bis er in der ersten Mannschaft von Tottenham seine Chance bekommt. Er wird wiederholt ausgeliehen, zu Leyton Orient, Millwall, Norwich und Leicester.

2014 schafft er seinen Durchbruch bei den «Spurs». Es ist das Jahr, als Mauricio Pocchettino von Southampton in den Norden Londons zu Tottenham wechselt und sein Trainer wird. Dass Kane im August jenes Jahres kein Tor erzielt, ist nicht weiter schlimm. Das wiederholt sich Saison für Saison. Aber wenn der September da ist, beginnt er zu treffen. In diesem Jahr braucht er in der Premier League und der Champions League 12 Spiele für seine 13 Tore.

In der englischen Liga ist er eine Ausnahmeerscheinung. Allein schon deshalb, weil er kein Spanier, Argentinier, Brasilianer oder Belgier von Klasse ist, sondern einfach ein Engländer. Zwei Drittel der Spieler hier sind Gastarbeiter, bei den grossen sechs sind es gar drei Viertel. Die Mannschaft der Drei ­Löwen, die Nationalmannschaft Englands, leidet darunter. Seit 51 Jahren wartet sie auf einen Titel.

Keiner wie Rooney

Kane ist kein Glamourboy, wie es Beckham war, kein Nachtschwärmer, wie es Rooney noch immer ist. Kane ist einfach Fussballer: mit einer Frau, die er seit der Schulzeit kennt, einem Kind und zwei Labrador-Hunden, Brady und Wilson, die nach berühmten Quarterbacks des American Footballs benannt sind. Er staunt schon darüber, dass seine Frau fotografiert wird, wenn sie mit den Hunden spazieren geht. Nachtclubs umgeht er, Alkohol trinkt er während einer Saison nicht, dafür hat er einen Ernährungsberater. Für die englische Boulevardpresse ist das alles langweilig, für ihn leistungsfördernd.

Es ist spektakulär, Harry Kane, hurricane, bei seinen Sturmläufen zuzuschauen. Er kann gegnerische Verteidiger aus dem Weg räumen, als wären sie nicht da. Viele haben seine Kraft schon zu spüren bekommen. Die Kraft eines Stürmers, der, sagt er selbst, mit Tottenham Titel gewinnen und einer der besten Spieler der Welt werden will.

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