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Der Spätberufene

Hertha-Captain Fabian Lustenberger kommt heute im Test gegen Südkorea zu einer späten Länderspielpremiere – und zu seiner WM-Chance in der Innenverteidigung?

Unaufgeregt und gelassen zum Debüt: Fabian Lustenberger kommt heute in der Nationalmannschaft zum Handkuss.
Unaufgeregt und gelassen zum Debüt: Fabian Lustenberger kommt heute in der Nationalmannschaft zum Handkuss.
Keystone

2007 war er als Unbekannter zur Hertha nach Berlin gekommen. Kaum jemand nahm vom hageren Innerschweizer Notiz. Der extravagante Porsche-Fahrer Marko Pantelic eignete sich besser für eine Boulevard-Story als der blasse Teenager aus Luzern. Als der damalige Hertha-Coach Lucien Favre über das Potenzial des Talents dozierte, überhörten die Reporter den Westschweizer. Die Medien-Stadt befand den Neuen (zunächst) für zu wenig spannend, um Schlagzeilen zu produzieren. Mit anderen Themen beschäftigten sich die Titelmacher lieber: Warum nur verkauft die Hertha die «Ku’damm-Brüder» Boateng?

Abgehärtet von Berlin

Sechs Jahre später ist Kevin-Prince ein Schalker und Jérôme ein Münchner. Die Erinnerungen sind verblasst, Lustenberger ist im Olympia-Stadion inzwischen der erste Ansprechpartner – für die Clubleitung und seine Teamkollegen ebenso wie für die Ultras in der mächtigen Fankurve. Kein Feldspieler ist länger im Berliner Business dabei als der Schweizer. Seit der erneuten Rückkehr in die Bundesliga trägt der 25-Jährige die Captain-Binde. Der ehemals schüchterne Teenager ist zum Patron aufgestiegen. Sein Wort gilt, «Lusti» ist ein Begriff. Alle wissen, wie viele Dramen, Jubel-Exzesse, Abstürze und Aufstiege er miterlebt und ausgehalten hat.

Berlin hat ihn abgehärtet. «Was am Tag zuvor noch spannend war, interessiert schnell einmal nicht mehr.» Vielleicht geht er auch deshalb relativ unaufgeregt damit um, gemessen an seiner Klasse ziemlich spät zum Debüt in der Nationalmannschaft zu kommen. Im Sommer 2011 gehörte er zusammen mit Spielern wie Xherdan Shaqiri, Yann Sommer und Granit Xhaka zu den auffälligsten Figuren jener U-21-Auswahl, die erst im EM-Final von Spanien gestoppt wurde und sich souverän für die Olympischen Spiele in London qualifizierte. Viele hätten Lustenberger nur schon deshalb viel früher im A-Team erwartet.

«Taktisch Weltklasse»

Er habe sich selber eigentlich nicht allzu sehr mit den Gründen der langen Wartezeit befasst. «Ein paar Verletzungen, der Abstieg mit der Hertha. Ich weiss es nicht, es tut auch nicht mehr viel zur Sache. Jetzt bin ich dabei, das ist für mich bereits einmal ein grosser und wichtiger Schritt.» Der Chef aus Berlin drängt in der Nationalmannschaft nicht in den Vordergrund. Er hält es gleich wie im Alltag: «Man muss nicht unbedingt laut sein, um Respekt zu erhalten.» Die Anerkennung sei primär von der Leistung auf dem Rasen abhängig: «Ich habe mir meinen Status bei der Hertha hart erarbeitet.»

Auf dem Terrain geniesst er in Deutschland inzwischen auch ausserhalb der Hauptstadt viel Ansehen. «Taktisch ist Fabian Weltklasse. Er ist unglaublich spielintelligent und hat nochmals einen extrem grossen Schritt gemacht. Menschlich ist er top und in der Kabine ganz wichtig. Er sieht alles.» Das Lob stammt von Gladbachs Trainer Favre. Der ehemalige Förderer verfolgt die Entwicklung Lustenbergers genau.

Faszinierend ist für Favre, wie problemlos Lustenberger sich als jahrelange Nummer 6 innert Kürze zum Chef der Innenverteidigung entwickelt hat: «Es ist schwierig, gegen die Berliner Tore zu schiessen. Das hat mit ihm zu tun.» Pierluigi Tami, an der erfolgreichen U-21-EM in Dänemark Trainer der Schweizer, attestiert ihm die hohe Qualität, «Zweikämpfe ohne Foul zu gewinnen. Er verhält sich in 1:1-Situationen ausgesprochen clever und bringt mit seiner Spielweise Volumen in ein Team.»

Die Fragezeichen im Zentrum

Ottmar Hitzfeld wird den Debütanten in Seoul einer ersten Belastungsprobe unterziehen. Es ist davon auszugehen, dass Lustenberger in seiner WM-Planung eine Rolle spielt – andernfalls hätte er ihn bestimmt nicht für ein Camp in die über 8700 Flugkilometer entfernte Destination in Asien aufgeboten. «Es ist für andere Spieler nun auch eine Chance, sich in den Vordergrund zu spielen», erklärte der Nationalcoach.

Während der erfolgreichen WM-Qualifikationsphase setzte Hitzfeld nahezu immer auf Steve von Bergen, siebenmal auf Johan Djourou und forcierte in der Schlussphase den Basler Nachwuchsmann Fabian Schär – Philippe Senderos kam nur im Ausnahmefall zum Zug, Timm Klose spielte überhaupt keine Rolle mehr. Djourous Status ist wegen seiner Verletzungsprobleme schwierig zu kalkulieren, Senderos ringt schon länger um den Anschluss, Kloses WM-Perspektiven sind wohl unter die 10-Prozent-Marke gesunken. Lustenbergers Ausgangslage ist auf einmal vielversprechend.

(si)

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