Der spezielle Weg aus der Krise

Lucien Favre (57), der älteste und dienstälteste Bundesliga-Trainer, ist nach Mönchengladbachs fünfter Niederlage in Serie zurückgetreten. Gegen den Willen der Vereinsleitung.

Der Ratlosigkeit folgte der unverrückbare Entscheid: Lucien Favre tritt bei Mönchengladbach ab. Foto: Pixathlon

Der Ratlosigkeit folgte der unverrückbare Entscheid: Lucien Favre tritt bei Mönchengladbach ab. Foto: Pixathlon

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Die letzte Enttäuschung war eine zu viel. Das 0:1 von Borussia Mönchengladbach im Derby am Samstag bei Köln war nicht nur die fünfte Niederlage im fünften Meisterschaftsspiel, sondern auch eine spielerische Bankrotterklärung. Die sonst so spielstarke Equipe kam zu keiner echten Torchance. Am Tag darauf zog Lucien Favre die Konsequenzen, wie er in einem Communiqué mitteilte: «Es ist in dieser Situation die beste Entscheidung, mein Amt als Cheftrainer niederzulegen.»

Der Stratege bat nach vier Jahren und sieben Monaten um Auflösung seines bis 2017 laufenden Vertrages, er glaubt nicht mehr daran, die Energie für den Umschwung aufbringen zu können. Mit seinem Gang an die Öffentlichkeit ­erwischte er die Vereinsleitung auf dem falschen Fuss. «Mit seinem öffentlich ­gemachten Rücktritt hat er Fakten geschaffen, die uns bis ins Mark treffen», sagte Präsident Rolf Königs. «Wir haben mit ihm viereinhalb überaus erfolgreiche Jahre hinter uns und sind sehr traurig, dass dieser gemeinsame Weg nun ­offenbar zu Ende ist.»

Wie ein Absteiger gestartet

Es war offenbar kein Entscheid im ­Affekt, Favre hatte gegenüber Vertrauten bereits während der Nationalmannschaftspause Rücktrittsgedanken geäussert. «Ich habe nicht mehr das Gefühl, der perfekte Trainer für Borussia Mönchengladbach zu sein», sagte er gegenüber der Sportinformation, «da muss ich ehrlich zu mir und zu meinen Partnern professionell sagen: Es geht um den Verein, um den Mythos ­Borussia! Ich muss diese Entscheidung für Borussia und die ­Zukunft treffen.»

Er habe alles unternommen, schrieb ­Favre weiter, den Absturz zu stoppen – zum Leidwesen aller Beteiligten weit­gehend glücklos. Die Meisterschafts-bilanz seit der Sommerpause ist niederschmetternd: kaum Chancen, null Punkte, 2:12 Tore, Zahlen eines Absteigers. Noch schlechter gestartet sind in der Bundesliga-Geschichte nur zwei Teams: Karlsruhe in der ersten Saison (1963/64) mit 2:17 Toren und Oberhausen mit 2:13 (1972/73).

Der tiefe Fall der Gefeierten

Von seinem Vorhaben liess sich der ­Romand, in dessen Team mit Yann Sommer, Granit Xhaka und Josip Drmic drei Leistungsträger der Schweizer Nationalmannschaft stehen, nicht mehr abbringen. Die Verzweiflung bei jenem Mann, der im Februar 2011 gekommen war und die Borussia aus der Versenkung wundersam zum Ligaerhalt und innerhalb von vier Saisons unter die Top 3 führte, überwog alle übrigen Argumente.

Der Zerfall Mönchengladbachs erinnert an den schwarzen Herbst von ­Borussia Dortmund in der vergangenen Saison. Die Fallhöhe ist nach dem sofortigen Rückzug des Trainers nun aber grösser. Vor vier Monaten erst liessen sich Favre und sein Team als Nummer 1 der Rückrunde feiern, sie hatten sogar fünf Punkte mehr eingespielt als Bayern München. Gekrönt wurde die Saison durch den erstmaligen Vorstoss in die Champions League. Zur Saison der Bestmarken (18 Spiele ohne Niederlage) passten der Rekord­umsatz von 130 Millionen Euro und die neue Mitgliederzahl von 70 000. Favre wurde von den Bundesliga-Profis im ­«Kicker» zum zweiten Mal zum Coach des Jahres gewählt.

Einzig der legendäre Meister-Coach Hennes Weisweiler und Jupp Heynckes hielten sich beim Traditionsverein ­länger als der akribische Schweizer, der über 70 Prozent seiner 153 Bundesliga-Partien mit Gladbach nicht verlor und bis zum Einbruch immer wieder Spektakelfussball ­inszenierte. Seit dem Abgang von Jürgen Klopp in Dortmund war der 57-Jährige nicht nur ältester, sondern auch dienstältester Trainer der Liga.

Transferpolitik als Knackpunkt

Zuletzt wurde das lange so wunderbar funktionierende System plötzlich von Blackouts lahmgelegt. Die Entzauberung begann mit einem 0:4 in Dortmund, es folgten vermeidbare 1:2-Niederlagen ­gegen Mainz und in Bremen. Verun­sicherung grassierte, die Ratlosigkeit ­befiel immer mehr Akteure. Beim 0:3 ­gegen den HSV waren erste Indizien für Panikattacken erkennbar, in Sevilla (0:3) wirkte die Mannschaft hilflos.

Sportdirektor Max Eberl stellte sich bis ganz zuletzt noch hinter den Trainer: «Wir sind nach wie vor total davon überzeugt, dass Lucien der perfekte Trainer für uns ist und wir gemeinsam mit ihm die aktuelle, sehr schwierige sportliche Situation überstehen werden.» Hinter den Kulissen hatte es ­gemäss gut informierten Quellen seit Wochen allerdings heftige Diskussionen gegeben. Ins Zentrum der Debatte rückte dabei zunehmend die Transferpolitik des Sportchefs. Die früh bekannten Abgänge von Christoph Kramer und Max Kruse wurden durch Drmic und Lars Stindl nicht adäquat kompensiert. Speziell auf der Innenverteidigerposition hatte Favre offenbar Verstärkung gefordert, um die Verletzungen von ­Alvaro Dominguez und Martin Stranzl abfedern zu können.

Es ist das zweite Mal, dass dem früheren Schweizer Nationalspieler eine desaströse Startphase zum Verhängnis wird. Bei Hertha Berlin war er am 28. September 2009 nach sechs Niederlagen aus den ersten sieben Spielen ebenfalls an letzter Stelle liegend entlassen worden. Dieses Mal bestimmte er den Zeitpunkt der Trennung selber.

(mke/Si)

Erstellt: 20.09.2015, 23:22 Uhr

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