Der Titel-Hamsterer

Trainer des Jahres und vielleicht bald auch erstmals Meister? Christian Gross hat in Saudiarabien sein Glück wiedergefunden.

Christian Gross in seiner «zweiten Heimat», dem Engadin, wo er mit al-Ahli im vergangenen Jahr im Trainingslager weilte. Foto: Nick Soland

Christian Gross in seiner «zweiten Heimat», dem Engadin, wo er mit al-Ahli im vergangenen Jahr im Trainingslager weilte. Foto: Nick Soland

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Christian Gross meldet sich in bester Laune am Telefon in Jidda und sagt zur Begrüssung: «Wir haben hier Sonne von früh bis spät, und im Moment sind die Temperaturen mit knapp 30 Grad höchst angenehm.» Der Zürcher, mittlerweile 61-jährig und in der zweiten Saison ­Trainer des Spitzenclubs al-Ahli Jidda, hat sich gut an sein neues Leben in der saudischen Hafenstadt am Roten Meer gewöhnt. Er sagt, es sei alles anders als in der idyllischen und wohl organisierten Schweiz, lauter, nervöser, hektischer. ­Gefallen tuts ihm trotzdem: «Ich habe dieses Abenteuer gesucht, ich wollte in meinem Trainerleben noch einmal etwas ganz anderes machen und eine neue ­Kultur kennen lernen.»

Er wohnt in einem den Ausländern vorbehaltenen Residenzviertel von Jidda, umgeben von einer Mauer, auf halbem Weg zwischen Flughafen und Stadion. Er ist der einzige Schweizer, lebt allein, seine Nachbarn sind Expats aus dem Westen sowie dem Libanon. Sein Fahrer, der ihn sicher durch den chaotischen Verkehr und täglich ins Training bringt, kommt aus dem Tschad. Ab und an lässt sich Gross auch ins ­Zentrum der 5-Millionen-Metropole ­fahren, in jüngster Zeit aber sind seine Besuche in der Innenstadt seltener ­geworden. Er kann sich dort nicht mehr frei bewegen, jeder will mit ihm diskutieren oder ein Selfie knipsen. Gross sagt schmunzelnd: «Wahrscheinlich habe ich mit al-Ahli zu oft gewonnen.»

Als Einziger nicht entlassen

Erfolgreich arbeiten – das tut Gross. In der Schweiz holte er mit GC und Basel sechs Meistertitel und wurde neunmal zum Trainer des Jahres gewählt. In Saudiarabien führte er al-Ahli in seiner ersten Saison auf den zweiten Rang, ohne ein einziges Spiel verloren zu haben.

Seinen Job konnte er gleichwohl nur retten, weil er mit dem Club den Prinzen-Cup gewann, einen der beiden Pokalwettbewerbe. Er sagt: «Die Erwartungshaltung an die Trainer ist hier sehr gross, der Druck enorm.» Letzte Saison wurden in den 14 Clubs 17 Coachs entlassen, Gross war der Einzige, der die Spielzeit im Amt überstand. Auch in Saudi­arabien wurde er Trainer des Jahres.

Prinz Khalid, ältester Sohn des im letzten Jahr verstorbenen Königs und Eigentümer von al-Ahli, tat gut daran, am Trainer Gross festzuhalten. Vieles deutet ­darauf hin, dass der Schweizer den Verein in dieser Saison zu seinem ersten Meistertitel seit 32 Jahren führen wird: Vier Runden vor Schluss liegt ­al-Ahli drei Punkte vor dem ersten Verfolger al-Hilal aus der Hauptstadt Riad. In der drittletzten Runde kommt es in zwei Wochen im King-Abdullah-Stadium von Jidda zum grossen Showdown zwischen den beiden Mannschaften. Gross freut sich schon jetzt auf das Duell: «Das Stadion wird ­ausverkauft sein, 60 000 fanatische ­Zuschauer werden uns unterstützen – eine Niederlage ist schlicht verboten.»

Hohe Prämie für den Titel

Für Gross wäre der Meistertitel mit ­al-Ahli, das neben den saudischen Profis vier wenig bekannte ausländische ­Spieler beschäftigt, so wertvoll wie seine Erfolge mit GC und Basel. «Absolut! Absolut!», bekräftigt er dies in der für ihn typischen Ausdrucksweise. Das Niveau der Meisterschaft sei gut. Er ist überzeugt, in der Schweizer Super League mit al-Ahli an der Spitze mitspielen zu können.

Der Gewinn des Titels würde vom saudischen Club nicht nur mit einer ­hohen Prämie, sondern auch mit einem grosszügigen Angebot für eine Verlängerung des auslaufenden Vertrags honoriert. Gross, der schon jetzt in Jidda ­wesentlich mehr verdient als zu seinen besten Zeiten beim FC Basel, beteuert: «Das Geld hat für mich keine Priorität. Meine Zukunft ist völlig offen.»

Als Rentner im Engadin

Er schliesst nicht aus, weiter für al-Ahli zu arbeiten, er könnte sich aber auch gut einen Job in Katar oder in den Arabischen Emiraten vorstellen. Gross spricht es nicht aus, aber auch er weiss von seinen zahlreichen Abstechern in die Golfregion: Dort ist das Leben freier, offener als im restriktiven und sehr stark von der islamischen Religion geprägten Saudiarabien. Als Trainer in die Schweiz zurückkehren will er nicht. Er betont: «Daran verschwende ich keinen Gedanken.»

Klar ist für ihn hingegen, dass er nach Abschluss seiner Trainerkarriere wieder in der Schweiz leben wird, genauer im Engadin. Dort hat er mit seinen diversen Clubs schon viele Trainingslager durchgeführt, dort besitzt er eine Wohnung, in die er sich gern zurückzieht, sei es in den Ferien oder in Zeiten ohne feste ­berufliche Verpflichtung. Christian Gross, der weit gereiste Zürcher aus dem Quartier Höngg, sagt: «Das Engadin ist zu meiner zweiten Heimat geworden.»

Erstellt: 11.04.2016, 23:14 Uhr

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