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Der Turm leuchtet wieder

In Hoffenheim litt Fabian Schär, in La Coruña ist er nun glücklich. Mit dem Nationalteam hat er einen klaren Plan für diese Woche.

Fabian Schär (25) fühlt sich so gut wie lange nicht mehr. In La Coruña kann er den Fussball wieder riechen. Das gefällt ihm. Foto: Jesus Sancho
Fabian Schär (25) fühlt sich so gut wie lange nicht mehr. In La Coruña kann er den Fussball wieder riechen. Das gefällt ihm. Foto: Jesus Sancho

Vielleicht wird dieser Moment kommen, in dem ein Freiwilliger gesucht ist. Einer, der keine zittrigen Knie bekommt bei der Vorstellung, dass er sich einsam im Kegel des Scheinwerferlichts bewegt. Einer, den in diesen Sekunden nicht eine Versagensangst lähmt, weil er weiss: Der Elfmeter entscheidet darüber, ob die Schweizer an der WM dabei sind oder im Juni 2018 Zwangsferien haben.

Fabian Schär zieht eine Augenbraue hoch, es macht den Anschein, als ­würden vor seinem geistigen Auge Bilder ablaufen. Wie Zehntausende im ­Stadion auf ihn schauen und erwarten, dass die Nerven halten. Wie er Nord­irlands Torhüter bezwingt. «Natürlich würde ich mich melden, das macht den Reiz aus», sagt er in einem Ton, der suggeriert: Es gibt Unangenehmeres für ihn als Fussballer.

Und Schär hat schon Unangenehmes erlebt.

Der Mann strahlt etwas Unerschütterliches aus und hat doch eine sensible Seite; er wirkt stoisch und nimmt trotzdem nicht alles emotionslos hin; er gibt zuvorkommend Auskunft und gewährt gleichwohl nicht schnell einen tiefen Einblick in sein Inneres. Er sagt: «Ich brauche eine gewisse Zeit, bis ich mich öffne.» Schär klopft nicht kumpelhaft auf eine fremde Schulter, er hat kein ­Interesse daran, mit knackigen Sprüchen zu punkten. Und wenn er in ein neues Umfeld kommt, beobachtet er ­zuerst aus der Distanz, bevor er redet.

In diesem Sommer ist der 25-jährige Schär in eine neue Welt eingetaucht, er ist nach La Coruña gezogen, an den nordwestlichen Zipfel Spaniens in eine Stadt am Atlantik mit 250 000 Einwohnern und dem Herkulesturm als Wahrzeichen. Deportivo hat nicht die Ausstrahlung von Real Madrid oder Barcelona. Den Meister von 2000 drückten bis vor drei Jahren noch Schulden von 160 Millionen Euro, aktuell belegt er in der Liga nur Platz 16. Aber in Galicien spürt Schär, dass er benötigt wird, bei Deportivo soll er der Turm sein, der wieder dauerhaft leuchtet.

Eine Ehrenrunde in Wil

Die Geschichte des Fabian Schär ist die eines Ostschweizers, der in Wil neben dem Stadion Bergholz aufwächst und liebend gern kickt. Schär schafft den Sprung als B-Junior in den Junioren-­Spitzenfussball aber nicht und denkt um: Breitensport, KV-Lehre bei der Raiffeisenbank, Berufsmatura. Die Ausbildung zieht er durch. Und wird erstaunlicherweise doch Profi. Axel Thoma, Trainer und Sportchef in Wil, sieht Schär in der zweiten Mannschaft spielen, holt ihn ins Challenge-League-Team und registriert, was die Leute denken: «Wie kannst du dem nur einen Vertrag geben?»

Und Schär? Er spielt einfach. Und so gut, dass der FC Basel ihn 2012 verpflichtet. Schär gilt in der Hierarchie als ­Innenverteidiger Nummer 4. Die Basler schlagen ihm deshalb vor, ihn zuerst an einen anderen Club auszuleihen, um dort Spielpraxis zu sammeln. Schär winkt ab. Er will sich beim FCB durchbeissen. «Wir fanden das cool», erinnert sich der damalige Sportdirektor Georg Heitz, «da kommt einer, der sich nicht vor der Konkurrenz scheut.»

Heitz lernt Schär als «sehr schweizerisch» kennen, was für ihn so viel heisst wie: diszipliniert, arbeitsam, pflegeleicht. «Aber er bringt etwas mehr Selbstbewusstsein mit als der Durchschnitt.» Schär schert auf die Überholspur aus, steigt zur Stammkraft auf, zieht stets die spielerische der rustikalen Lösung vor und erinnert an Murat Yakin. Er wiederum profitiert von Yakin, als der Trainer beim FCB wird: Bei ihm darf er auch einmal einen Fehler machen, ohne des­wegen seinen Platz zu verlieren.

Nach drei Jahren ruft die Bundesliga, Hoffenheim, die nächste Stufe. Schär ist dreifacher Schweizer Meister, er kennt die Champions League, man könnte meinen: Hoffenheim, das packt einer mit diesem Selbstverständnis problemlos. Aber die Eigenschaften sind nicht mehr in dem Mass vorhanden wie im ersten Jahr beim FCB. «Damals konnte ich tun, was ich wollte: Es gelang einfach», sagt er, «Highlight reihte sich an Highlight: erstes Länderspiel, Meister­titel, Europa-League-Halbfinal. Wenn es so gut läuft, muss man nichts hinterfragen.» Aber jetzt beginnt er auf einmal zu überlegen. Viel mehr als sonst. Und er kann es nicht abstellen.

Die Probleme in Hoffenheim beginnen mit einer schlechten Leistung gegen Mainz. «Da kann ich nichts beschönigen», sagt Schär, «aber das gilt für viele andere auch.» Nach 36 Minuten wird er ausgewechselt. Danach wird er noch viermal berücksichtigt. Er möchte weg, und es gäbe Optionen: zuerst Valencia. Dann Schalke, Marseille, Bordeaux. Er hört aber wiederholt: Du musst bleiben, du bist wichtig für uns. Wichtig? Er versteht die Welt nicht mehr. Sagt er. Die Tränen hat er zuvorderst.

Er steht am Morgen auf, Lust aufs Training hat er keine, es ist für ihn ja ­sowieso klar: Zum Einsatz kommt er nicht. Das belastet ihn so sehr, dass ihm zuweilen der wilde Gedanken durch den Kopf schiesst: «Das wars, ich höre auf.» Er denkt an das Leben, das seine Kollegen in der Schweiz haben, an ihre ­vergnüglichen Wochenenden.

«Ich bin wieder glücklich»

Dann fällt er sechs Wochen aus, verletzt. Wirklich unglücklich ist er nicht. In der Ferne denkt Georg Heitz: «Es überrascht mich ziemlich, dass er aus allen Traktanden gefallen ist.» Schär sagt, den wahren Grund für seine Degradierung habe er nie erfahren.

Im letzten Sommer darf er weg, trotz Vertrages bis 2019. La Coruña erlöst ihn und bindet ihn für vier Jahre. Die neue Heimat ist zwar nicht gerade um die Ecke, er kann sich nicht wie in Hoffenheim ins Auto setzen und nach etwas mehr als drei Stunden in Wil sein. Aber die Flugreise nach Hause mit einem ­Zwischenstopp ist auch schon alles, was er an Nachteilen ausmacht. Er lebt am Meer, 20 Minuten ausserhalb des ­Zentrums, und sagt: «Ich bin wieder glücklich.»

Was ihn «richtig sauer» macht? Wenn er ­gefragt wird, ob ihm der Ehrgeiz fehle.

Schär lernt Spanisch, er nimmt Privatunterricht. Und er findet Gefallen am technisch geprägten Fussball. «Er passt perfekt in diese Liga», findet sein früherer Teamkollege Marco Streller, «seine grossen Stärken hat er in der Spielauslösung und bei stehenden Bällen. Und im entscheidenden Moment ist er da, auf ihn kann man sich ver­lassen.» Sein Trainer Cristobal Parralo bilanziert nach den ersten Wochen: «Er ist sehr diszipliniert und fleissig. Und wir werden bald einen noch besseren Fabian sehen.»

Schär hat einen aufrechten Gang, «er ist ein eleganter Verteidiger», sagt Heitz. Aber manchmal legen Kritiker ihm seinen unaufgeregten Stil als lethargisch aus. Das ist dann der Moment, in dem sich das Gesicht von Schär verfinstert. «Ich bin auch schon gefragt worden, ob mir der Ehrgeiz fehle», erzählt er, «das macht mich richtig sauer. Wie kann man bloss auf eine solche Idee kommen?» Und schlechte Laune bekommt er beim Vorwurf, dass ihm regelmässig ein ­grober Fehler unterläuft: «Wann war das ­zuletzt der Fall? Wenn ich finde, zu ­Unrecht in eine Schublade gesteckt zu werden, wehre ich mich.»

Er fühlt sich in so guter Verfassung wie lange nicht mehr, was er auch mit der Umstellung der Ernährung erklärt. In Hoffenheim wurde bei ihm eine ­Histamin-Intoleranz festgestellt. Diese Stoffwechselstörung hat er nun im Griff, weil er konsequent auf Lebensmittel wie Pasta, Tomaten oder Schokolade verzichtet. Er sagt: «Wenn ich keinen Ehrgeiz hätte, würde ich nicht so auf das ­Essen achten.»

Kein Labor, in dem getüftelt wird

La Coruña unterscheidet sich mehrfach von Hoffenheim. Die Heimat des Clubs ist keines dieser Stadien der Neuzeit, sondern das Riazor, Baujahr 1944. Das Trainingsgelände ist nicht ein grosses Labor, in dem getüftelt wird, die Kabinen sind alt, es riecht nach Fussball. Und wenn das Team wie neulich bei Las Palmas antritt, fliegt es erst am Spieltag nach Gran Canaria. So gefällt das Schär.

In diesen Tagen hat er nun ander­weitig zu tun. Schär wird das Trikot der Schweiz überstreifen, und wenn die ­Nationalhymne ertönt, wird er wieder «brutal stolz» sein, in Belfast bestreitet er morgen sein 34. Länderspiel. Nervös, Fabian Schär? «Nein», sagt er, «das bin ich selten.» Richtig aufgeregt war er erst einmal, vor dem Match gegen Albanien an der EM. Die Schweiz gewann. Dank Schärs Tor.

Auf die Zusatzschlaufe in der WM-Qualifikation hätte er zwar gern verzichtet. Aber sie raubt ihm nicht den Schlaf. Er sagt: «Wir müssen beweisen, dass wir uns einen Platz in Russland verdienen.»

Also dann: Vorhang auf, Schein­werfer an.

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