Der Vater baute ihr einen Schreibtisch ins Auto

Jackie Groenen schoss Holland in den WM-Final. Dass sie so weit kam, liegt auch an ihrer Familie.

Groenen schiesst Holland in den WM-Final (Video: SRF)

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Sie schreit ihre Freude in die Nacht, sie sprintet, sie hüpft, die Augen weit aufgerissen, ein grosses Lachen im Gesicht. 99 Minuten mussten die Holländerinnen im WM-Halbfinal gegen Schweden warten. Dann erlöste sie Jackie Groenen mit dem 1:0. Dass die Torschützin so weit kam, hat vor allem mit ihrer Familie, aber auch mit der Fifa zu tun.

Als Jackie Groenen dreijährig war, ging ihre zwei Jahre ältere Schwester Merel zu einem Fussballmatch. Vater Jack spielte damals als Halbprofi beim belgischen Hoogstraten VV. Nach der Partie sagte Merel: «Papa, ich will Fussball spielen.» Und weil Jackie immer das machen wollte, was ihre Schwester machte, rief sie: «Ich auch!» Die Entscheidung sollte die Familie über Jahre prägen.

Drei Spiele am Wochenende

Die Familie Groenen lebte damals im belgischen Poppel. Weil in Holland Mädchen und Jungen bis 19 in gemischten Teams spielen, entschied der Vater aber, seine beiden Töchter in der Heimat in einen Club zu schicken. Von da an gab es für die Mädchen nur noch den Sport. Zeitweise trainierte Jackie viermal pro Woche und bestritt am Wochenende drei Spiele. Als ihre Schwester auch noch Judo für sich entdeckte, machte Jackie natürlich ebenfalls mit. Und die zwei waren auch erfolgreiche Kampfsportlerinnen.

Die Familie war viel beschäftigt, Mutter Lisette De Groot arbeitete als Professorin für Ernährung an der Universität, der Vater war Projektleiter. Weil die sportbegeisterten Töchter die Eltern aber immer mehr vor logistische Probleme stellten, beschloss Jack, seinen Job aufzugeben und zu Hause zu bleiben. Oder eher: im Auto. Darin verbrachten sie fast die meiste Zeit. Und dort hinein baute er aus einer alten Holzbank einen Schreibtisch, damit Jackie und Merel unterwegs ihre Hausaufgaben machen konnten. «Es ist komisch,» erzählt die heute 24-Jährige, «Jungen wachsen mit der Idee auf, dass sie Profis werden. Das hat mich aber gar nicht interessiert. Ich wollte einfach die Beste der Welt sein.» Und sie wollte vor allem eines: Fussball spielen.

In ihrem Spiel hatte sie aber eine Schwachstelle: ihren Schuss. «Ich hatte kaum Kraft, traf von der Strafraumgrenze nicht mal das Tor.» Also musste sie die Tore anders erzielen. Sie begann zu dribbeln wie niemand sonst. Es ist die Eigenschaft, welche die Mittelfeldspielerin noch heute auszeichnet. Dass sie inzwischen sehr wohl Tore von ausserhalb des Strafraums erzielen kann, hat sie am Mittwoch gezeigt.

Viele Tränen

Und Profi wurde sie dann auch schneller als viele Jungen: Als sie mit ihrem Vater zu einem Spiel nach Essen fuhr, sagte dieser: «Ich denke, du kannst das.» Der Trainer der SG Essen-Schönebeck lachte zwar zuerst über die 15-Jährige, die in seinem Profiteam spielen wollte. Doch er lud sie zu einem Training ein. Wenige Tage später unterschrieb Groenen ihren ersten Vertrag.

Der Anfang war nicht einfach. Als sie in die Garderobe kam, grüsste keine Mitspielerin. Im Training traten diese dafür extra hart zu. Und auf dem Heimweg weinte sie jedes Mal im Auto. «Ich bin dann aber sehr schnell aufgewachsen», sagt sie. Ein Jahr später wechselte sie zu Duisburg, nach drei Jahren für eine Saison zu Chelsea. 2015 unterschrieb sie beim FFC Frankfurt. Nebenbei studiert sie Jus.

«WM war wie Tennis»

Etwas war in all den Jahren aber nie Thema: das A-Nationalteam. Groenen sagt: «Als ich die WM 2015 schaute, war das, wie wenn ich Tennis schaue. Es sah super aus, aber es war nichts, das ich auch einmal tun würde.»

Eine mögliche Endrundenteilnahme tauchte erst in ihren Gedanken auf, als es plötzlich eines Tages an der Haustür in Poppel klingelte. Draussen standen drei Männer. Einer sagte: «Hallo, ich bin der belgische Nationaltrainer. Wir wollen, dass du für Belgien spielst.» Groenen sagte zu. Sie absolvierte mit dem Team ein Trainingslager und beantragte den belgischen Pass. Doch nach einem Jahr meldete sich die Fifa und verbot den Wechsel. Er war nicht regelkonform, weil Groenen, als sie 2010 für die U-17 Hollands auflief, den belgischen Pass noch nicht besass.

So rief Groenen am nächsten Tag Roger Reijners an, den damaligen holländischen Nationalcoach, und sagte: «Du weisst vielleicht nicht, wer ich bin, aber ich möchte fürs Nationalteam spielen.» Im Januar 2016 debütierte sie im A-Team.

Das stete Lachen

Seit Sarina Wiegman sechs Monate vor der EM 2017 das Team übernahm, ist der Name Groenen immer in der Kaderliste zu finden. Im ersten grossen Turnier gab es sogleich den Titel. Bei der Feier in Utrecht sang sie zusammen mit Tausenden den holländischen Schlager «Jij krijgt die lach niet van mijn Gezicht». Er ist zur Hymne des Teams geworden. Denn das Lachen bringen sie nicht aus dem Gesicht.

Und wenn Groenen am Sonntag im Stadion von Lyon zum WM-Final einläuft, werden ihr auch ihre Eltern und ihre Schwester Merel, die mittlerweile in Antwerpen arbeitet, zujubeln. Sie sind dabei, wenn sie sich zur Besten der Welt krönen kann.

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Erstellt: 04.07.2019, 20:07 Uhr

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