Der Voyou im Filou

Franck Ribéry twittert sich im «Steak Gate» ins Abseits. Daheim in Frankreich wurden sie noch nie warm mit dem Starstürmer. Das hat mit ihm zu tun – aber nicht nur.

Frankreich und Franck Ribéry – die Lust aufeinander nahm nach der debakulösen WM 2010 in Südafrika merklich ab. Foto: Mike Hewitt (Getty Images)

Frankreich und Franck Ribéry – die Lust aufeinander nahm nach der debakulösen WM 2010 in Südafrika merklich ab. Foto: Mike Hewitt (Getty Images)

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Im Französischen gibt es einen feinen Unterschied zwischen «Filou» und «Voyou», die samtene Klangfarbe beider Prädikate sollte niemanden täuschen. Und dieser Unterschied muss nun im Nachgang zum «Steak Gate» vielleicht erläutert werden, zwecks soziologischer Vertiefung des Phänomens. Sozusagen. Ein Filou ist ein Lausbub, ein sympathischer Bengel, ein Spässchenreisser, den man auch ganz gerne im weiteren Kreis seiner Familie weiss, damit er dröge Feste mit seinem Esprit aufmische. Auch ein Voyou ist ein Flegel, aber näher am Rüpel. Nicht ganz Gauner, aber viel fehlt nicht.

Franck Ribéry aus Boulogne-sur-Mer im Norden Frankreichs, über dessen Manieren sich jetzt die halbe Fussballwelt und einige fachferne Kreise beugen, gilt den meisten Franzosen als ­Voyou. Nicht erst seit der Nacht mit einer viel zu jungen Escort in einem Münchner Hotel, seitdem aber ganz besonders. Jede Geschichte, die den Ruf des ungehobelten «Ti Franck» bestätigt, wie sie ihn daheim nennen, wird in Frankreich mit kollektiver und ritueller Lust angegangen.

Erregte die Gemüter: Ribéry bei der Zubereitung des goldenen Steaks. Quelle: Twitter

Manchmal war die Kritik völlig überzogen. Oft reagierte er auf die Missliebe, die ihm da entgegenschlug, und das war dann nie hübsch anzuhören. Wenn ­Ribéry Französisch spricht, hat sein Reden entschieden weniger Charme als bei seinem Deutsch mit französischem Einschlag.

Prophet auf Abwegen

In Deutschland, wo er sich nach eigenem Bekunden wohler und heimischer fühlt als in Frankreich, war er bisher immer ein Filou, vielleicht war er sogar der Inbegriff des «Filou», auf und neben dem Platz. Mit seinen frechen Finten auf dem linken Flügel und seinen Schenkelklopfstreichen unter Kameraden. Sah man ihn nicht immer als Ersten mit dem Bierkübel, wenn im Triumph des Trainers Haupt begossen gehörte? Solche Dinge. Aussetzer liefen unter Leidenschaft. In Deutschland fühlte er sich gebührend wertgeschätzt für sein Können, das in guten Zeiten ja beträchtlich war. Immerhin war er für den Ballon d’Or nominiert, zusammen mit Messi und Ronaldo. In Frankreich aber, wo man dem Patriotismus in sportlichen Belangen sonst sehr ungehemmt anhängt, wünschten ihm die Ehre nur wenige, das zeigten die Umfragen. Wie war das noch mit dem Propheten, der im eigenen Land nichts wert ist?

Ribéry war der beste französische Fussballer seiner Generation, nur war seine Generation dummerweise keine besonders gute. Sie war eingeklemmt zwischen zwei gloriosen und weltmeisterlichen: jener von Zinédine Zidane vor ihm und jener von Kylian Mbappé nach ihm. In den Anfängen hofften die Franzosen, «Francky» könnte der neue ­«Zizou» werden, dem das Temperament ja zuweilen auch im Weg stand. Aber das war dann doch zu viel verlangt. An der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 gehörte Ribéry zu den Rebellen von Knysna, die das Training bestreikten und einfach im Teambus sitzen blieben, eines der unrühmlichsten Kapitel in der Geschichte der Bleus. Er bezeichnete sich als deren Sprecher, als Rebellenführer.

Protzen – geht nicht

Die damalige französische Sportministerin nannte die Streikenden eine Bande von eigensinnigen «Caïds», von Gangstern. ­Voyous eben. Ribéry war jetzt der Chefvoyou. Soziologen studierten das Phänomen des unverstandenen, ungeliebten Helden. Er sollte sich nie mehr davon ­erholen. Die Insignien des Erfolgs, die Reisen im Privatjet, die Ferien in den Paradiesen dieser Welt: Alles wurde zur Revanche, Ribéry zelebrierte sie in den sozialen Medien. Das machte alles noch schlimmer. Die Franzosen finden reiche Leute nämlich nur dann okay, wenn die ihren ­Reichtum nicht zeigen. Protzen ist ein Sakrileg, es ist Futter für den Klassenkampf, mehr als ­anderswo.

Von Nicolas Sarkozy, dem Präsidenten von 2007 bis 2012, heisst es, er habe sein ganzes politisches Kapital verspielt, als er am Abend seiner Wahl seine Freunde und Mitarbeiter ins Fouquet’s einlud, ein Pariser Nobelrestaurant. «Président des riches» nannte man ihn fortan, Präsident der Reichen. Ein Beiname wie ein Verdikt. Auch der amtierende Präsident Emmanuel Macron muss ihn sich gefallen lassen, seitdem er für eine halbe Million Euro neues Porzellan­geschirr ins Elysée bestellt hat. Am lautesten kritisieren ihn die «gilets jaunes», die Gelbwesten, jene noch schwer fassbare politische Bewegung also, in der ­viele Menschen mitlaufen, die sich vor dem sozialen Abstieg fürchten, vor dem Verlust alter Gewiss­heiten. Bling-Bling kommt ihnen wie boshafter Hohn vor.

«Der Krieg war ­vorbei, aber die Glut ist noch da», schreibt «Libération» über die Kränkung.

In diese besondere Zeit fällt die Geschichte vom «vergoldeten Entrecote» und dem Sturzbach an Vulgaritäten, der sich danach einen Weg durch die Kanäle der sozialen Netzwerke brach. Ribéry hatte sich seit fünf Jahren nicht mehr in der französischen Öffentlichkeit gemeldet, seine Posts waren nie mehr auf Französisch verfasst, die Funkstille hätte wohl für immer dauern sollen. «Der Krieg war vorbei», schreibt die Zeitung «Libération». «Aber die Glut, die ist noch da.» Die Zeit heile die Wunden eben doch nicht.

Erstaunlicherweise ärgerte ihn eine sehr zivilisierte Kritik aus der Heimat ganz besonders, jene von Audrey Pulvar, einer bekannten Fernsehjournalistin und Präsidentin einer gemeinnützigen Stiftung. Falls Ribéry nicht wisse, was er mit seinem vielen Geld anfangen soll, twitterte Pulvar, dann rate sie zur Unterstützung guter Zwecke. Zurück kam ein Tweet, der so elaboriert und informiert ist, dass man in Frankreich annimmt, er stamme von einem Ghostwriter. «Ich ­hoffe, dass Ihnen Ihre Brille mit Schildkrötenmuster für 3000 Euro dabei hilft, eine bessere ­berufliche Zukunft zu finden als die der Pseudojournalistin, die sie heute sind.»

Bezeichnend für Ribérys Stellenwert in der Heimat ist aber auch, wie «L’Equipe», die grosse Sportzeitung, die Affäre um den ehemals besten Fussballer des Landes behandelt: mit 42 Zeilen auf Seite 13. Eine Kurzmeldung.

Erstellt: 07.01.2019, 23:22 Uhr

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