Der Yakin-Zug rollt an

Zum Einstand ihres neuen Trainers gewinnen die Grasshoppers gegen Sion 3:2 – es ist ein Sieg der Moral, der bei ihnen für die grosse Erleichterung sorgt.

Ein Match und schon Aufbruchstimmung um Murat Yakin bei den Grasshoppers – hier der Trainer mit Andersen und Jeffren. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Ein Match und schon Aufbruchstimmung um Murat Yakin bei den Grasshoppers – hier der Trainer mit Andersen und Jeffren. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Es ist nur eine kleine Geste, ein hoch­gereckter rechter Arm. Mehr an körperlichem Einsatz spart sich Murat Yakin, als das Spiel aus ist. Die tiefe Zufriedenheit, dass alles gut gegangen ist, lässt sich dafür in seinem Gesicht ablesen. Da breitet sich ein breites Strahlen aus, als ihm Hakan, sein Bruder und Assistent, um den Hals fällt.

3:2 gewinnt GC zum Debüt seines neuen Trainers gegen Sion, es ist ein ­guter Sieg, weil Sion ein guter Gegner ist. Es ist ein Sieg, der für die Moral dieser Mannschaft steht, weil sie zweimal in Rückstand liegt, nach 10 und 27 Minuten, und sich doch nicht unterkriegen lässt. «Danke an Sion», sagt Yakin, «danke, dass es uns herausgefordert hat.»

Die Spieler sind losgelöst, als sie in die Kabine gehen. Der CEO, Manuel ­Huber, berichtet strahlend vom Potenzial des Teams. Der Sportchef, Mathias Walther, ist freudig aufgeregt. Er sieht den Auftritt als Bestätigung der Transfers an, die er in einem hektischen Sommer ohne ­finanzielle Mittel tätigen musste.

«Hast du die Tabelle gesehen?»

Als Milan Vilotic in Walthers Rücken vorbeigeht, fragt er ihn: «Hast du die ­Tabelle gesehen?» Nur drei Punkte liegt GC noch hinter dem drittplatzierten ­Basel. ­Langsam, langsam, bedeutet der Captain ohne Worte, nur mit einer Geste. Denn auch der Tabellenletzte Lausanne ist nur drei Punkte entfernt. Walther strahlt trotzdem weiter. Und sagt: «Wir sind keine Abstiegsmannschaft mehr.»

Aufbruchstimmung ist zu spüren bei GC. Das hat viel mit dem neuen Trainer zu tun. Was heisst viel? Alles. Yakin mag zwar nicht gleich die ganze Stadt elektrisieren, weil auch gegen Sion nicht mehr Zuschauer kommen als zuvor in den Heimspielen gegen YB und St. Gallen. Aber er sorgt innerhalb des Vereins für Gefühle, als wäre Frühling.

«Er ist der Mann, der uns die besten sportlichen Perspektiven ermöglichen kann», hat Präsident Stephan Anliker am Samstag im «Tages-Anzeiger» erklärt, und wieso Carlos Bernegger vor zweieinhalb Wochen entlassen worden war. Yakin weiss genau, was mit seinem ­Namen verbunden ist, welche Erwartungen und Hoffnungen. Er fürchtet das nicht: «Ich übernehme gerne Verantwortung. Das belastet mich nicht. Lassen wir jetzt den Zug rollen und die Leute einsteigen, die das wollen. Ich nehme sie gerne mit.»

Vor seinem Einstand spürt er das, was er «Anfangsnervosität» nennt. ­Wobei, erklärt er, «ich und nervös? Ich weiss gar nicht, ob es das gibt.» Er sieht eine Mannschaft, die gleich gut beginnt und nach zwei Minuten durch Doumbia die erste Chance hat. Die dann defensiv ungeordnet steht und durch Schneuwly das 0:1 erhält. Die durch Lucas Andersen den Ausgleich erzielt, den Jeffrén mit einem wunderbaren Aussenristpass einleitet, so wie das im Training der vergangenen zwei Wochen geübt worden ist. Und gleich wieder in Rückstand gerät, weil Doumbia unaufmerksam ist und Kasami im Rücken entwischen lässt.

1:2 steht es nach einer halben Stunde. GC bricht ein. Sion kontrolliert das Spiel mühelos. Yakin setzt sich erstmals auf die Bank. Er ist deshalb aber nicht beunruhigt, im Gegenteil, er ist «völlig gelassen», weil er seinen Spielern vertraut und ihren offensiven Möglichkeiten.

Emil Bergström wuchtet einen Abpraller aus 22 m ins Netz. Der Ausgleich kommt unerwartet, aber er reisst GC aus dem zwischenzeitlichen Tief. Am Tag zuvor hat der Verteidiger seinen Trainer noch gefragt, ob er auch mit nach vorne gehen dürfe. Yakin hat es ihm aus gutem Grund nicht verboten.

GC verteidigt nach der Pause sehr ­diszipliniert, à la Yakin, so eben, wie das von ihm und seinen Mannschaften bekannt ist, ob die früher nun Thun, ­Luzern, Basel oder Schaffhausen hiessen. Sion ist viel am Ball, aber zwingt GC-Goalie Lindner in der ganzen zweiten Halbzeit nur zu einer Parade, bei einem Freistoss von Ucan. Yakin steht wieder am vordersten Rand seiner Coachingzone, als Runar Mar Sigurjonssen in der 55. Minute einen Konter mit dem 3:2 abschliesst. Der Schönheitsfehler ist, dass Bahoui in diesem Moment passiv im Abseits steht und Sions Goalie Mit­ryuschkin behindert.

Yakins Forderung

Sion hat Feld-, aber keine Chancen­vorteile. GC kann immer wieder kontern und macht noch zu wenig daraus. Ein viertes Tor fällt, wird aber wegen Zesigers Offsideposition annulliert. Pusic hat in der 93. Minute eine grosse Chance, Andersen gleich auch noch. Beide ver­geben. Es kostet GC weiter nichts.

Darum ist Sportchef Walther wie aus dem Häuschen, darum sagt er, dass der Erfolg «nicht aus heiterem Himmel gekommen» sei. «Am Anfang der Saison hatte man noch das Gefühl, das sei eine Horde Schwererziehbarer», sagt er. «Aber jetzt sieht man, dass wir eine Mannschaft haben, die mitspielen kann.» Zu Beginn stehen die gleichen elf Spieler auf dem Platz wie beim 2:0 gegen St. Gallen, Berneggers letztem Match. Yakin wählt sie, um Automatismen zu fördern.

Eine Woche kann er nun den nächsten Einsatz vorbereiten, im Cup beim FC Biel. Eine Woche, um die Spieler weiter in dem zu schulen, was für ihn im Zentrum steht: «Dass sie mit Freude und Konsequenz an der Arbeit sind.»

Erstellt: 10.09.2017, 22:56 Uhr

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