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Der zarte Hooligan

Joey Barton ist eines der letzten Enfants terribles des modernen Fussballs, seine Art scheint auszusterben. Wegen einer 18-monatigen Sperre wird seine Karriere vorzeitig beendet.

Wo er hinkommt, begleiten ihn Kopfschütteln und ein wenig Bewunderung: Joey Barton (34), derzeit und noch für 18 Monate gesperrt. Foto: Lynne Cameron (Getty Images)
Wo er hinkommt, begleiten ihn Kopfschütteln und ein wenig Bewunderung: Joey Barton (34), derzeit und noch für 18 Monate gesperrt. Foto: Lynne Cameron (Getty Images)

Joey Barton ist derb. Joey Barton ist eloquent. Er setzt sich für Schwulenrechte ein und beschimpft einen Gegner als übergewichtigen Ladyboy. Barton schlägt einem Mann 20-mal ins Gesicht, einem anderen drückt er eine Zigarette im Auge aus. Er verkauft seinen Aston Martin, fährt mit dem Moped zum Training, besucht Kunstgalerien und zeltet beim Musikfestival in Glastonbury. Barton beleidigt Politiker und Fussballfunktionäre, er spricht in Oxford über Philosophie, zitiert Nietzsche und zeigt Fans seinen entblössten Hintern.

Joey Barton liebt den Widerspruch, sein Leben ist gesäumt von Ausrastern und liebenswerten Geschichten. Wo immer er hinkommt, begleiten ihn heftiges Kopfschütteln und ein Hauch Bewunderung. Das ist ein Typ, der Probleme hat, aber sich selbst ist. Wobei: Ist das so?

Mit Gerrard aufgewachsen

Der zweifache Vater war Alkoholiker und ist süchtig nach Sportwetten. Das Erste stand ihm in seiner ganzen Karriere im Weg, das Zweite hat sie vorzeitig beendet. Vergangene Woche kam aus, dass der 34-Jährige zwischen 2006 und 2016 insgesamt 1260 Wetten auf Fussballpartien platzierte – er wurde für 18 Monate gesperrt. Barton setzte dabei auch auf Niederlagen des eigenen Teams – aber nur, wenn er selbst nicht aufgestellt war, wie er sagte. Er habe damit seinem Ärger über die Nichtnomination Ausdruck geben wollen.

Barton hat für England ein Länderspiel absolviert und ist wie der ehemalige englische Nationalspieler Steven Gerrard im Liverpooler Viertel Huyton aufgewachsen. Ein Ort, in dem Menschen anderen Menschen auch einmal Gläser über die Köpfe ziehen. Er spielte im Nachwuchs von Everton, wurde mit 14 als zu klein empfunden, stellte sich darauf bei unzähligen Vereinen vor, bis ihn Manchester City aufnahm.

Bisweilen scheint es, dass Barton durch Benzin watet. Ein Funke, und die Sache geht hoch und Barton explodiert.

Er hätte 2002 zu seinem ersten Ligaspiel eingewechselt werden sollen, fand aber sein Trikot nicht und musste weitere sechs Monate warten. 2007 wechselte er zu Newcastle, war zwischenzeitlich 74 Tage im Gefängnis – er schlug einen Mann an der Bushaltestelle zusammen. 2011 folgte der Transfer zu den Queens Park Rangers, wegen einer langen Sperre – er zettelte auf dem Platz eine Keilerei an – wurde er 2012 zu Marseille ausgeliehen.

Die Fans empfingen ihn dort mit dem Banner «Sweet tender hooligan», süsser, zarter Hooligan. In Burnley fand er 2015 zur alten Stärke zurück und stieg in die Premier League auf. Trotz handgeschriebener Liebesbriefe von Burnley-Fans zog er im Sommer 2016 in den Norden zu den Glasgow Rangers, dort verwickelte er sich auf dem Trainingsplatz in ein Handgemenge, also gings im Januar 2017 zu Burnley zurück.

Der Lauf seines Lebens zeigt, dass in seiner Jugend etwas schief gegangen ist. Barton sagte einmal, er sei kein Raufbold gewesen. Weil aber seine Kollegen alle trinken und er kein Aussenseiter sein will, «habe ich mich auch ständig besoffen». Mit 16 löst er sich von den Freunden, doch das süsse Gift der Rauscheslust bleibt in ihm drin. Er hat Rückfälle, und seine Lunte ist kurz. Bisweilen scheint es, dass Barton durch Benzin watet. Ein Funke, und die Sache geht hoch, der Mensch Barton explodiert. «Adrenalin strömt durch meine Adern, und ich denke nicht mehr klar», sagt er.

Der politische Sexist

Barton provoziert gerne: «Manchmal sage ich in einer Diskussion einfach ‹Das ist kompletter Blödsinn› und nehme einen gegensätzlichen Standpunkt ein.» Er hat auf Twitter politische Diskussionen angeregt und wurde in die renommierte BBC-Politsendung «Question Time» eingeladen. Dort elaboriert er, dass die britische Parteienlandschaft zurzeit wie die Wahl «zwischen vier hässlichen Frauen» sei. Da hat der Mann im Kern der Sache einen Punkt, doch die sexistische Wortwahl zieht einen Shitstorm nach sich – dabei geht beinahe vergessen, dass Barton zuvor wortgewandt über den Irakkrieg und die populistische Partei Ukip referierte.

Auf Bartons Website steht in der Titelzeile: «Fussballer. Gast von «Question Time». Philosophie-Student. Künftiger Trainer. Fliessender Französisch-Sprecher. Was wurde aus mir?» Ja, was wurde aus ihm? Barton ist einer der letzten Unangepassten auf Europas Fussballplätzen. Er schert sich einen Deut, was Menschen über ihn denken. Er zeigt sich immun gegenüber Kritik. Er war nie am Tropf von Sponsoren.

Das ist in diesen Tagen anders. Regeln einzuhalten, gehört zum guten Tun eines künftigen Profis. Das Fussballgeschäft verhindert mehr und mehr, dass Talente nicht nur ihr fussballerisches Können, sondern auch ihre charakterlichen Kanten formen. Die Folge: «Das war ein Sieg der Mannschaft»-Typen. Barton sagt ihnen «Handpuppen».

Barton bleibt also mehr mit seinen kniehohen Tacklings, seinen Faustschlägen und Wutreden in Erinnerung als mit seiner Leistung auf dem Platz. Das tut dem Fussballer Barton fast etwas unrecht, er war ein vorzüglicher Mittelfeldspieler. Doch eben, die Aussetzer. Englands Nationaltrainer Capello sagte einmal, Barton sei ihm zu gefährlich.

Weil er um seinen miesen Ruf wusste, hat Barton ihn stets mit intellektuellen Taten konterkariert. Das Gute zum Bösen. Das Spiel mit dem Widerspruch. Dabei blieb offen: Ist er das selbst? Oder beseelt ihn schlicht der Ruf des zarten Hooligans? Barton sagt dazu, das geschehe derart spontan und wahllos, «dass man es nicht erfinden kann».

Barton schrieb nach seiner Sperre einen Brief und gestand seine Schuld ein. Darin steht aber auch: «Falls es die FA ernst meint mit dem Bekämpfen des Gambling, rate ich ihr, ihre Abhängigkeit von der Industrie zu überdenken.» Tatsächlich arbeitet die FA mit dem Wettanbieter Ladbrokes. War das eine typisch bartonsche Provokation? Oder wollte er etwas anregen?

Es passt zu Bartons Leben, dass die Antwort ungewiss bleibt.

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