Deutschland hat Zahnweh

Eine Generation von Jungprofis soll die deutsche Nationalmannschaft zurück an die Weltspitze führen. Doch im Verband gärt es wegen der Ausmusterung des Bayern-Trios.

Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft treffen am Montag in Wolfsburg ein. (Video: DFB-TV)

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Es gibt so einiges, was gewöhnungsbedürftig ist. Neuanfänge bringen das mit sich. Aber dass es gleich so viel sein musste? Anfang Woche reisten 22 deutsche Nationalspieler nach Wolfsburg, um im Fünfsternhotel einzuchecken, das der Deutsche Fussballbund (DFB) vor dem Testspiel am Mittwoch gegen Serbien (20.45 Uhr, RTL) reserviert hatte. Und sie mussten eine Überraschung verdauen: Der Chef war nicht da.

Bundestrainer Joachim Löw (59), musste sich nach einer kurzfristigen Zahnoperation einer Nachuntersuchung unterziehen. Auch beim abendlichen Training in der Wolfsburger Arena musste er sich durch seinen Assistenten Marcus Sorg vertreten lassen. Es war Manager Oliver Bierhoff vorbehalten, das Team zu begrüssen. Er sprach davon, dass nun aber wirklich der Neubeginn beim Nationalteam anstehe.

Die Stunde null des DFB soll von jungen Profis getragen werden, die noch Geduld brauchen.

Wenn einem die Vokabel auch bekannt vorkommt, so ist sie diesmal doch angebracht. Nach der WM hat man zwar Neustart gerufen – aber mit altem Personal weitergemacht.

Der Jüngste hat Jahrgang 99

«Du weist die neuen Spieler ein!», habe er Leroy Sané von Manchester City aufgetragen, ­berichtete Bierhoff – lachend. Und erzählte, dass er Protest ­geerntet habe. «Ich bin doch der Jüngste», habe Sané geantwortet. Was nicht ganz stimmt, der einstige Schalker ist 23 Jahre alt. Oder: schon 23. Der Leverkusener Kai Havertz etwa hat Geburtsjahr 1999, ist also noch keine 20. Sané hat immerhin schon 17 Länderspiele, und das heisst: Nur elf Spieler aus dem 23er-­Kader haben mehr Länderspiele bestritten als Sané.

«Du weist die neuen Spieler ein»: Der Auftrag an Leroy Sané von seinem Chef. (Bild: Reuters/Fabian Bimmer)

Gleich drei Spieler sind komplette Neulinge (Niklas Stark von Hertha Berlin, Lukas Klostermann von Leipzig und Maxi­milian Eggestein von Werder Bremen). Sie sollen erst einmal «ankommen, sich eingewöhnen, alles beobachten, konzentriert trainieren und ansonsten alles machen, was der Julian ihnen vorgibt», sagte Bierhoff. Mit «der Julian», meinte er Julian Brandt, der bei der Medienkonferenz neben ihm Platz genommen hatte. Auch das sagte Bierhoff im Scherz, aber nur halb. Er dürfte gewusst haben, dass der Leverkusener Brandt (22), gleich eine erstaunliche Reife an den Tag legen und reflektiert über den Fussball der Zukunft sprechen würde, der Deutschland den Weg zurück an die Weltspitze bahnen soll. Oder kann. Oder muss?

Die Stunde null des DFB soll von jungen Profis getragen werden, die noch Geduld brauchen. Sie vollzieht sich aber zu einem Zeitpunkt, in der die Ausmusterung des berühmten Bayern-Trios wie ein Schatten über dem Nationalteam lastet. Auch deshalb, weil es DFB-Präsident Reinhard Grindel mit jeder Äusserung schafft, einen weiteren Auftritt vor einem Mikrofon zu erzwingen, um seine jeweils vorangegangenen Stellungnahmen einzuordnen, zu relativieren oder zu erklären, bis keiner mehr weiss, was er eigentlich will, wen er kritisiert und wofür.

«Keine Verteidigungslinie»

Vorerst will der DFB aber die offen zur Schau getragenen Differenzen in den Griff bekommen. Dieser Tage steht ein Gespräch Bierhoffs mit dem DFB-Präsidium und den Verantwortlichen der Deutschen Fussball Liga (DFL) an, das nötig zu sein scheint, obwohl Bierhoff «mit ­allen Delegationsmitgliedern» schon gesprochen hat. In der ­Defensive sieht er sich nicht: «Ich habe da keine Verteidigungs­linie.»

Dafür verteidigte er Löws überfallartige Visite beim Trainingszentrum von Bayern München. Der Bundestrainer war dort vor zwei Wochen ohne Vor­ankündigung erschienen, um Boateng, Müller und Hummels zu sagen, dass er nicht mehr mit ihnen plane. «Das Wichtigste war, dass die Spieler es von uns, von Joachim Löw erfahren», sagte Bierhoff. «Wenn man das mit Vorlauf macht, dann ist das Risiko gross, dass die Spieler über die Medien oder andere Kanäle etwas erfahren», fügte er hinzu. Wobei offen blieb, ob er mit dem anderen Kanal auch den DFB-Chef Grindel meinte.

Der hatte am Sonntag ja schon das nächste Thema aufgemacht: «Ich würde vorschlagen, dass sich alles setzt. Wenn sich dann die Situation ergibt, dass die Spieler von uns verabschiedet werden möchten, dann werden wir das in einer angemessenen Form tun», sagte Grindel.

Julian Brandt dagegen wollte sich nicht festlegen, was auch dem ausufernden Dank geschuldet war, den er den Verbannten hinterherrief. Die DFB-Tür sieht er für das Trio als nicht endgültig verriegelt an: «Man weiss nie, was im Leben passiert, du spielst eine super Saison und bist plötzlich wieder drin», sagte er. Und: «Ich glaub, man sieht sich immer zweimal im Leben.»

Erstellt: 20.03.2019, 15:06 Uhr

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