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Die befremdliche Geschichte hinter den Nazi-Pöbeleien von Prag

Dass die Hooligangruppe «Faust des Ostens» beim Spiel der Deutschen in Tschechien ihr Unwesen treiben konnte, hat auch mit der trägen Justiz zu tun.

Das Stadion als Bühne genutzt: Rechtsradikale beim WM-Qualifikationsspiel Tschechien gegen Deutschland. (1. september 2017)
Das Stadion als Bühne genutzt: Rechtsradikale beim WM-Qualifikationsspiel Tschechien gegen Deutschland. (1. september 2017)
Keystone

Dresden ist nach den Pöbeleien während des WM-Qualifikationsspiels zwischen Tschechien und Deutschland am Freitag mal wieder als Hochburg der Rechtsradikalen in den Schlagzeilen. Laut «Bild» gehören die Krawallmacher von Prag zum grössten Teil den beiden Gruppierungen «Hooligans Elbflorenz» und «Faust des Ostens» an. Letztere ist seit Jahren im Visier der Justiz, weil die Richter des Dresdner Landgerichts überlastet sind, wurde der Prozess jedoch immer wieder auf die lange Bank geschoben.

Dabei ist die Staatsanwaltschaft Dresden überzeugt, dass es sich bei «Faust des Ostens» um eine kriminelle Vereinigung handelt. 162 Aktenordner umfasst das belastende Material. Gegen fünf mutmassliche Anführer wurde schon vor vier Jahren Anklage erhoben. Zum Prozess – geschweige denn zu einer Verurteilung – kam es nie. Eine zweite Hilfskammer soll das Verfahren nun endlich beschleunigen, zumal sich Verzögerungen jeweils strafmildernd auswirken.

«Hoch gewaltbereite und gewaltaffine Kriminelle»

Die Aktionen von «Faust des Ostens» beschränken sich derweil längst nicht nur auf den Fussball, zumal die Gruppe in Dresden längst Stadionverbot hat. Bei den schweren Neonazi-Ausschreitungen in Leipzig-Connewitz am 11. Januar 2016 waren Mitglieder von «Faust des Ostens» dabei und wohl auch bei einer Schlägerei mit Migranten am Dresdner Stadtfest im vergangenen Jahr. «Das alles zeigt, dass es sich hier um hoch gewaltbereite und gewaltaffine Kriminelle handelt, gegen die man auch vorgehen muss», sagte der Grünen-Politiker Valentin Lippmann dem Sender MDR Sachsen.

Bitter sind die Versäumnisse auf juristischer Ebene auch für den Verein Dynamo Dresden. Der achtfache DDR-Meister, der endlich seine Schulden aus den Neunzigerjahren abbezahlt hat und sich in der 2. Bundesliga etablieren möchte, wird wegen Randalierern aus Dresden und Umgebung bundesweit stigmatisiert. Das wirkt sich auch auf die Zusammenarbeit mit potenziellen Sponsoren aus.

Eine lange Liste von Projekten gegen Rassismus

Dabei tut Dynamo mehr als die meisten anderen Clubs, um das rechte Gedankengut aus dem Stadion zu bekommen. Der Wahlspruch «Rassismus ist kein Fangesang» steht auf jedem Ticket, ebenso auf der Anzeigetafel. Einmal pro Saison laufen die Dresdner Spieler in Sondertrikots mit der Aufschrift «Love Dynamo – Hate Racism» auf, die nachher jeweils versteigert werden. Seit elf Jahren gibt es die antirassistische Faninitiative 1953 international und seit längerer Zeit auch einen mit 5000 Euro dotierten Preis für Projekte zur Integration von Ausländern. 2015 und 2016 veranstaltete Dynamo vier Anti-Diskriminierungs-Workshops in Dresdner Jugendhäusern.

In Sachsen, wo die äusserste Rechte viele Unzufriedene anzieht, kann der Club den Kampf gegen Rechts aber nicht alleine gewinnen. Und so fühlten sich die Verantwortlichen bei Dynamo auch vom Deutschen Fussball-Bund (DFB) immer wieder im Stich gelassen. Statt einer Förderung der antirassistischen Projekte gab es nur reihenweise Strafen, meist für Vorkomnisse bei Auswärtsspielen. Dass die Hooligans nun bei einem Länderspiel die Sicherheitsvorkehrungen des DFB umgehen konnten, ist für den Verband mehr als peinlich.

Dynamo Dresden leidet praktisch seit der Wende unter dem politischen Klima in Ostdeutschland. Besonders nach dem Lizenzentzug 1995 und dem Sturz in die sportliche Bedeutungslosigkeit nutzten Rechtsradikale das damals noch veraltete Stadion als Bühne. Inzwischen laufen die Heimspiele fast immer ohne Zwischenfälle ab. Der letzte Skandal – ein in den Stadioninnenraum geworfener Bullenkopf beim Pokalspiel gegen RB Leipzig im Sommer 2016 – hatte mit Rassismus nichts zu tun.

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