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Die beleidigte Diva

Ist er ein kickender Messias oder nur ein hochbegabter Flegel? Warum sich an Neymar die Geister scheiden.

Messias oder Flegel? Neymar beschwert sich 2015 im Spiel gegen Kolumbien bei Referee Enrique Osses.
Messias oder Flegel? Neymar beschwert sich 2015 im Spiel gegen Kolumbien bei Referee Enrique Osses.
Reuters
Unrühmlicher Abgang: Nach einem Frustschuss und einem Kopfstoss verlässt Neymar das Feld, Osses zeigt ihm Rot. (17. Juni 2015)
Unrühmlicher Abgang: Nach einem Frustschuss und einem Kopfstoss verlässt Neymar das Feld, Osses zeigt ihm Rot. (17. Juni 2015)
Keystone
Schmerzhaft: Neymar zieht sich einen Lendenwirbelbruch zu und muss später zusehen, wie Brasilien im WM-Halbfinal von Deutschland mit 7:1 gedemütigt wird.
Schmerzhaft: Neymar zieht sich einen Lendenwirbelbruch zu und muss später zusehen, wie Brasilien im WM-Halbfinal von Deutschland mit 7:1 gedemütigt wird.
Keystone
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Von einem 23-Jährigen staatsmännische Souveränität und Reife zu verlangen, ist natürlich absurd. Gleichwohl kann einen das Verhalten des brasilianischen Fussballstars Neymar schon ein wenig irritieren. Der Offensivspieler fällt an der Copa América, die in diesen Tagen in Chile stattfindet, mehr als beleidigte Diva denn als sportlicher Überflieger auf.

Das letzte Kapitel der leidigen Geschichte bildet ein Video, das im Internet kursiert und belegen soll, dass Neymar im Spiel gegen Kolumbien seinen Gegenspieler Juan Zúñiga als Hurensohn bezeichnete. Zúñiga hatte ihm an der WM mit dem Knie einen Lendenwirbelbruch zugefügt, was eine regelrechte Hexenjagd nach sich zog. Der Napoli-Profi sei ein Monster, der grösste Verbrecher in der Geschichte des Fussballs, ein Affe, der das Land nicht lebend verlassen dürfe, schrieben erzürnte Fans auf Twitter und Facebook.

Zúñiga entschuldigte sich öffentlich für die Aktion, blieb aber dabei, dass keine Absicht im Spiel gewesen sei. Neymar, der die Hexenjagd gegen den Kolumbianer mit ein paar versöhnlichen Worten hätte stoppen können, nahm die Entschuldigung nicht an. Mit Blick auf die durch das WM-Aus hervorgerufene Enttäuschung eine nachvollziehbare Reaktion. Nun aber ist fast ein ganzes Jahr vergangen, und von Versöhnung kann keine Rede sein.

Nach dem Schlusspfiff des zweiten Copa-América-Gruppenspiels, das die Seleção gegen Kolumbien 0:1 verlor, leistete sich Neymar zudem nicht nur einen Frustschuss in den Bauch von Pablo Armero und einen Kopfstoss gegen Jeison Murillo. Er witterte auch noch eine Verschwörung der Schiedsrichter: «Sie legen die Regeln gegen mich aus. Gegen Peru haben sie mir Gelb gezeigt, weil ich den Freisstoss-Spray wegwischte, nun berührt der Ball – ohne dass ich es wollte – meine Hand, und sie zeigen mir wieder Gelb. Dass sind Dinge, die passieren, wenn man einen schwachen Referee einsetzt. Dann endet ein Spiel mit einer Rauferei.»

Die Rauferei hatte Neymar, der für den Kopfstoss Rot sah, selbst ausgelöst – mit dem besagten Frustschuss. In seiner Argumentation erwähnte er dies mit keinem Wort, sondern betonte: «Mich stören Schiedsrichter, die nicht korrekt pfeifen. Nach dem Schlusspfiff gab es grosse Konfusion. Ich habe jemanden weggeschoben und nicht gesehen, dass ich dafür Rot bekam. Der Referee hätte dann eine ganze Reihe von Spielern ausschliessen müssen, das hat er aber nicht getan.»

Während Dani Alves seinem Teamkollegen den Rücken stärkte und bemerkte, die Schiedsrichter sollten sich gefälligst nicht so in den Mittelpunkt stellen, verpasste der frühere kolumbianische Nationalspieler Faustino Asprilla dem jammernden Neymar via Twitter eine verbale Ohrfeige: Der Barça-Profi sei eine Lüge für den Fussball und solle doch nach Hollywood gehen. Inzwischen hat Asprilla den Tweet wieder gelöscht – weil er wohl wusste, dass er in der Wortwahl etwas danebengegriffen hatte.

Ob Neymar nun tatsächlich nur ein Spiel gesperrt wird, wie es das vorläufige Urteil vorsieht, entscheidet im Verlauf des Tages die Disziplinarkommission des südamerikanischen Verbandes. Auf jeden Fall fehlt der Star seinem Trainer Carlos Dunga wieder in einer entscheidenden Partie, dem letzten Gruppenspiel gegen Venezuela. Als Neymar das letzte Mal in einer wichtigen Turnierphase zusehen musste, ging Brasilien gegen Deutschland mit 1:7 unter.

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