Zum Hauptinhalt springen

Die Chance der Clubgeschichte

Die Young Boys empfangen im Champions-League-Playoff Dinamo Zagreb. So nahe schienen die Königsklasse und 30 Millionen noch nie.

Die Champions-League-Sterne im Blick: Guillaume Hoarau, Miralem Sulejmani und Thorsten Schick im Abschlusstraining.
Die Champions-League-Sterne im Blick: Guillaume Hoarau, Miralem Sulejmani und Thorsten Schick im Abschlusstraining.
Keystone

Wenn nicht jetzt - wann dann? – So darf die Frage aus Sicht der Young Boys vor dem Champions-League-Playoff formuliert werden. Heute empfangen sie Kroatiens Meister zum Hinspiel, sechs Tage später folgt die Auswärtspartie. Ihnen bietet sich die Chance der Vereinsgeschichte, in den Fokus der Fussballwelt zu rücken. Und das bei der ersten Austragung nach einer umfassenden Reform des Wettbewerbs, die zur am stärksten besetzten Champions League der Historie führt. YB oder Zagreb wird der wohl grösste Aussenseiter unter den 32 Teams sein.

Es gibt gute Gründe, warum die Young Boys erstmals die Gruppenphase erreichen könnten. Zuerst einmal natürlich der überzeugende Saisonstart in der Super League: 4 Spiele, 12 Punkte, 11:2 Tore, Rang 1 - 5 Punkte Vorsprung. Der Trainerwechsel von Meistermacher Adi Hütter zu Gerardo Seoane verlief reibungslos, Seoane setzt auch auf das wirkungsvolle 4-4-2, ist aber flexibel genug, während einer Partie auf ein 4-2-3-1 umzustellen.

Das Team ist selbstbewusst, stilsicher, souverän, es ist eingespielt und wird von einer starken, routinierten Achse zusammengehalten. Abwehrchef Steve von Bergen, Mittelfeldmotor Sékou Sanogo, Techniker Miralem Sulejmani und Torjäger Guillaume Hoarau leiten die begabten Mitspieler an. Verloren hat YB nach dem Meistertitel nur Innenverteidiger Kasim Nuhu, den es zu Hoffenheim zog. Alle anderen sind, teilweise überraschend und trotz verlockenden Angeboten, immer noch da. Vorkämpfer Sanogo, sein hochveranlagter Adjutant Djibril Sow, Flügel Christian Fassnacht, Wirbelwind Roger Assalé und vor allem der stürmende Rechtsverteidiger Kevin Mbabu.

Ende des Verkaufszwangs

Die Young Boys stecken nach einigen wirtschaftlich schwierigen Jahren nicht mehr in finanziellen Zwängen, sie senden klare Signale und sind nur bereit, ihre Leistungsträger abzugeben, wenn die Ablösesumme ihren Vorstellungen entspricht. «Wir müssen niemanden verkaufen», sagt Sportchef Christoph Spycher. «Und wenn keiner mehr ins Ausland geht, sind wir nicht traurig.»

Unzufriedene Akteure sind trotz ausgebliebenen Auslandtransfers nicht zu erwarten. Sanogo möchte seine Karriere bei YB beenden. Er hätte in Russland oder China, Griechenland oder Katar mehr Geld verdienen können. Schlecht bezahlt ist er mit dem neuen Vertrag auch in Bern nicht. Sow wiederum hat nach einem missglückten Engagement bei Gladbach begriffen, dass es besser für seine Entwicklung ist, noch eine Saison in Bern zu bestreiten. Er lehnte - in Absprache mit dem Club - enorm reizvolle Offerten ab. 2019 wird er 22 sein - und möglicherweise auf allergrösster Bühne in der Champions League gespielt haben. Der überragende Mbabu schliesslich wäre längst bereit für eine Topliga. Aber 10 bis 12 Millionen Franken Ablösesumme für einen Rechtsverteidiger aus der Super League (noch) ohne Länderspielerfahrung sind ein stolzer Betrag. Vielleicht ändert sich das nach dem Playoff noch.

Der Aderlass bei Zagreb

Dinamo Zagreb, ein anerkannter Ausbildungsverein wie YB, hat dagegen mit Filip Benkovic (zu Leicester), Ante Coric (Roma), Borna Sosa (Stuttgart) sowie El Arbi Soudani (Nottingham) vier Talente und Leistungsträger für 35 Millionen Franken verkauft. Auch deshalb ist der Schweizer Meister favorisiert, so selbstbewusst darf YB die Duelle angehen. Zumal der Kunstrasen im Stade de Suisse ein weiterer Vorteil ist.

----------

Video: Gerardo Seoane vor dem Spiel

Der neue YB-Trainer versprüht Zuversicht. Video: Tamedia

----------

Christoph Spycher sagt, die Young Boys würden gegen Zagreb zwei Topleistungen benötigen, um weiterzukommen. Das ist aus seiner Sicht eine nachvollziehbare Formulierung. In den letzten zwei Jahren allerdings setzte sich YB auf dem Weg ins Playoff gegen die Favoriten Donezk und Dynamo Kiew durch, obwohl nur die Heimspiele überzeugend gerieten. Und Zagreb ist weniger stark als Donezk und Kiew. Sowieso: Nach den hohen Hürden Tottenham, Gladbach und ZSKA Moskau seit 2010 ist Zagreb der schwächste YB-Widersacher im Playoff. Auch das Losglück ist auf Berner Seite.

Totale Konzentration und Leistungsbereitschaft

Selbst die wacklige Performance mit einem verstärkten B-Team in der 1. Cuprunde am Samstag beim viertklassigen Biel darf YB als Weckruf betrachten. Der schmachvollen Serie an Blamagen im Pokal wurde kein Kapitel angefügt, dank eines Tores weit in der Nachspielzeit zum 2:2 und eines Treffers in der 120. Minute zum 3:2 setzte sich der haushohe Favorit glückhaft durch. Es war ein Warnschuss. «Es geht in jedem Spiel nur mit totaler Konzentration und Leistungsbereitschaft», sagt Spycher. «Seit Samstag ist das wieder jedem bei uns bewusst.» Der Sportchef spricht vor dem Kräftemessen mit Zagreb ebenfalls von «grossen Spielen» und einer «guten Chance». Aber er sagt in seiner bodenständigen Art auch: «Egal, was passiert, es wird für uns in drei Wettbewerben weitergehen. Ein Ausscheiden wäre kein Weltuntergang, und auch bei einem Weiterkommen würden wir nicht abheben.»

Diese Young Boys überzeugen seit der Installierung Spychers mit Kompetenz und Professionalität, mit Teamgeist und Ruhe. Und mit gewachsenen, vorbildlichen Strukturen bis tief in die Nachwuchsarbeit. Sie sind geerdet. Und sie sind hungrig. Der sportliche und finanzielle Höhenflug soll nach komplizierten Zeiten ungebremst weitergehen. Rund 30 Millionen Franken würde YB bei einer Champions-League-Teilnahme einnehmen, dazu wären die Spiele gegen die Clubprominenz Europas Wertsteigerungsmultiplikatoren für die Young Boys und ihre verheissungsvollen Fussballer.

Die kleinen Fragezeichen

Zwei Partien, maximal 210 Spielminuten und ein Penaltyschiessen, trennen YB vom Griff nach den Sternen und einem aufregenden Herbst. Aber es gibt schon auch ein paar kleine Fragezeichen. Ist die Innenverteidigung stabil genug? Halten die Nerven der Jungen? Wie stark ist Dinamo Zagreb wirklich?

Dennoch: Wenn nicht gegen den kroatischen Meister im personellen Umbruch, gegen wen will YB dann den Einzug in die Champions League realisieren?

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch