Italiens Fussball taucht ab in Gewalt und Rassismus

Rund um das Stadio San Siro im Mailand trugen sich Dinge zu, von denen man gedacht hatte, sie gehörten einer überwundenen Zeit an.

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Ausgerechnet zur feierlichen Premiere des «Boxing Day all’ italiana», dem ersten Spieltag des italienischen Fussballs am Stephanstag, taucht der Calcio wieder ab in trübe Abgründe: in Gewalt und Rassismus. In Mailand dann noch, der kosmopolitischsten, fortgeschrittensten, vielleicht auch liberalsten Stadt des Landes. Vor und während des abendlichen Spitzenspiels der Serie A zwischen Inter Mailand, dem Tabellendritten, und dem SSC Neapel, dem Zweiten, trugen sich in und rund um das Stadio San Siro Dinge zu, von denen man gedacht hatte, sie gehörten einer überwundenen Zeit an.

Es begann mit Zusammenstössen zwischen den Ultras der beiden Vereine, eine Stunde vor dem Spiel. Hooligans von Napoli hatten sich aus der Eskorte der Polizei gelöst, die sie zum Stadion bringen sollte, und prügelten sich dann mit Schlägern von Inter, die Verstärkung von Ultras aus Varese und, tatsächlich, aus Nizza hatten. Wohl alles geplant und orchestriert. Im Netz zirkuliert ein Video, das die «Stadtguerilla» zeigt, wie es die italienischen Medien jetzt nennen. Man sieht den roten Rauch der Pyros, der sich mit dem Winternebel Mailands mischt, darin rennen Männer wie wild herum, gejagt von Böllern und Gebrüll. Die Polizei fand später Schlagstöcke und Messer, die im Gemenge liegenblieben.

Vier Fans aus Neapel erlitten Schnittwunden, nichts ganz Schlimmes. Ein Ultra aus Varese aber, 35 Jahre alt, der wegen früherer Vorfälle mit einer Stadionsperre belegt war, wurde von einem grossen Auto angefahren. Er erlag am Donnerstag seinen Verletzungen. Zunächst war unklar, wer am Steuer des SUV gesessen hatte und wie die Dynamik des tödlichen Zwischenfalls genau war. Doch der Polizeichef von Mailand, Marcello Cardona, hat offenbar genügend Indizien beisammen, um die härteste Anhängerschaft von Inter zu bestrafen. Drei Männer wurden verhaftet, ein vierter wird gesucht. Bis zum Ende der Saison dürfen die Ultras nicht mehr zu Auswärtsspielen von Inter mitreisen. Und daheim soll ihre Kurve, die Curva Nord im San Siro, bis Ende März geschlossen bleiben.

Da flog auch mal ein Motorrad

Es ist eine sagenumwobene Kurve. 2001 wohnten die Italiener einer schier unglaublichen Szene bei, da fiel beim Spiel Inter gegen Atalanta Bergamo ein Motorrad vom oberen in den unteren Ring. Wie das genau möglich war, dass ein Motorrad auf die Ränge kam, ist noch immer ein Rätsel – und ein Symbol für die alten, anarchischeren Zeiten. Die Zutrittskontrollen sind seitdem stark verbessert worden. Die dumpfe Gesinnung vieler italienischer Fankurven aber, die nicht nur in Mailand von der extremen Rechten unterwandert sind, die blieb ohne Besserung. Und auch dafür bot dieser weihnachtliche Spieltag in Mailand einen traurigen Nachweis.

Das Stadion war voll, 64 000 Zuschauer, viele Familien mit kleinen Kindern waren dabei, war ja schulfrei. Ein Fest sollte es werden, wenn möglich ein memorables. Ein Spieler der Gastmannschaft aber wurde von Beginn weg bei jeder Ballberührung mit Affenlauten bedacht: Kalidou Koulibaly, Innenverteidiger, 27 Jahre alt, geboren in Frankreich, senegalesischer Nationalspieler. Es waren nicht vereinzelte «Buu razzisti», wie man den Affenlauten in Italien sagt: Es war ein immer wiederkehrender Chor, angestimmt von der Kurve, aufgenommen auch in anderen Stadionsektoren. Ein breiter Geräuschteppich von «Buus».

In der Welt des Fussballs braucht es immer Respekt. Nein zu Rassismus und anderen Beleidigungen und Diskriminierungen. Auch Cristiano Ronaldo äussert sich einen Tag nach dem Spiel auf Instagram zu den Ausschreitungen.

Der Beste wird beleidigt und vom Platz gestellt

Carlo Ancelotti, der Trainer von Napoli, erzählte nach dem Spiel, er habe allein in der ersten Halbzeit drei Mal eine Spielunterbrechung gefordert. So sieht es das Reglement vor. Der Stadionsprecher wandte sich dann auch drei Mal an die buhenden Zuschauer: Wenn sie nicht aufhörten, sagte er, werde die Begegnung suspendiert, dem Club würden dann Sanktionen drohen. Er wurde drei Mal ausgepfiffen. Das Spiel lief einfach weiter, auch nach der Pause, die ja Zeit genug geboten hätte für eine passende Entscheidung. Und Kalidou Koulibaly war mal wieder der Beste der Seinen: unüberwindbar wie so oft, kaiserlich, er führte Regie aus der Abwehr.

Bis zur 81. Minute, es stand noch immer 0:0, da entwischte ihm der rechte Flügelstürmer von Inter, Matteo Politano. Koulibaly fasste ihn beim Laufduell zwei Mal an die Schulter, nur sanft, erhielt dafür Gelb und klatschte dem Schiedsrichter ironisch zu. „Bravo», sagte er, «bravo, bravo.» Der ganze Frust, die ganze Enttäuschung über die Diskriminierung von den Rängen und die feige Reaktion der Sportfunktionäre – sie entlud sich in diesem Moment. Da zog der Referee gleich noch einmal Gelb: streng nach Regelbuch, aber ziemlich unsensibel. Als Koulibaly den Platz verliess, verabschiedete sich das Stadion ganz in lauter Schande.

«Franzose, Senegalese, Neapolitaner: Mensch»

Inter gewann 1:0. Doch davon redet niemand mehr. Ancelotti verkündete: «Beim nächsten Mal hören wir einfach auf zu spielen, und sollten wir deshalb verlieren: Sei’s drum!» Er habe nie verstanden, wie viel es brauche, bis ein Spiel tatsächlich unterbrochen würde. Koulibaly meldete sich schon in der Nacht nach dem Spiel auf Twitter, er schrieb da seinen 114 000 Followern: «Es tut mir leid, dass wir verloren haben, und dass ich meine Brüder allein gelassen habe. Aber ich bin stolz auf die Farbe meiner Haut. Und dass ich Franzose bin, Senegalese, Neapolitaner: Mensch.»

Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala, ein leidenschaftlicher Interista, fühlte sich gedrängt, sich in einem langen Post auf Facebook bei Koulibaly zu entschuldigen - «in meinen Namen und im Namen des gesunden Teils von Mailand». Er war im Stadion dabei. Die «Buus» seien eine Schande gewesen, schreibt Sala. Wenn das noch einmal vorkomme, dann stehe er auf und gehe. «Ich weiss natürlich, dass denen, die diese Affenlaute machen, egal ist, dass ich aufstehe und gehe. Aber ich stehe auf und gehe.» Der Leitung seines Leibvereins rät Sala, in der nächsten Begegnung dem Spieler mit der Nummer 18 die Kapitänsbinde zu geben: Er heisst Kwadwo Asamoah, ist 30, linker Aussenverteidiger, er kommt aus Ghana.

Erstellt: 27.12.2018, 17:37 Uhr

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