Die Deutschen misstrauen Infantino

«Blatter light» und «Reform-Bremser» – die Begriffe der deutschen Presse für den neuen Fifa-Präsidenten sind alles andere als schmeichelhaft.

Steht er wirklich für den Neuanfang? Gianni Infantino wartet während der Wahl auf das Resultat der Stimmenauszählung. (26. Februar 2016)

Steht er wirklich für den Neuanfang? Gianni Infantino wartet während der Wahl auf das Resultat der Stimmenauszählung. (26. Februar 2016) Bild: Keystone

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«Blatter light» nennt die «Süddeutsche Zeitung» den am Freitag ins Amt gewählten Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Und ihr Autor, der profilierte Fifa-Kritiker Thomas Kistner, bemerkt: «Genauer besehen gibt der neue Chef nur leider wenig Anlass, von einem echten Neubeginn zu reden. Nicht nur seine Herkunft aus Sepp Blatters Nachbarort im Schweizer Oberwallis zeigt ein gemeinsames Wurzelwerk an.»

Infantino dürfe als «klassischer Vertreter des alten Systems» gelten, so Kistner. Als Generalsekretär der Uefa habe er entscheidend dazu beigetragen, den europäischen Kontinentalverband in «eine Art Mikrokosmos der Fifa» zu verwandeln. Oder anders formuliert: «Das runderneuerte Management unter Infantino verfuhr mit markanten Affären so, wie es die Fifa schon immer tat.»

Platinis langer Schatten

«Gianni Infantino kämpfte nach bewährter Sepp-Blatter-Art um Stimmen. Der neue Fifa-Präsident steht jetzt als grosser Sieger da. Aber er wird nicht der starke Mann des Weltfussballs sein», glaubt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», Deutschlands zweite grosse Presseinstanz.

Verfasst hat die FAZ-Analyse die auf Sportpolitik spezialisierte Journalistin Evi Simeoni. Sie findet, Infantinos Wahl gebe keine Antworten auf die Herausforderungen der Fifa, sondern werfe neue Fragen auf: «Schafft der bisherige Reform-Bremser den Aufbruch? Kann er sich von Platinis Einfluss befreien? Kann er sich von den Verbänden distanzieren, die ihn wegen seiner Versprechungen wählten?»

«Das kleinere Übel»

Fast identisch klingt es im ARD-Kommentar von Daniel Hechler zu Infantino: «Er ist in der Vergangenheit eher als Reform-Bremser denn als -Motor aufgefallen. Er arbeitet seit vielen Jahren bei der Uefa als Funktionär und ist ein Mann des Systems, versteht sich auf Strippenzieherei, auf Hinterzimmer-Deals. Im Wahlkampf hat er Pfründe, Macht und Geld versprochen, um Stimmen zu bekommen, ganz die alte Methode Blatter.» Infantino sei aber immerhin noch jung, habe bisher keine gravierenden Fehler gemacht und sich klar für die Reformen ausgesprochen. Insofern hätten sich die Stimmberechtigten für das «kleinere Übel» entschieden.

Skeptisch zeigt sich der Berliner «Tagesspiegel». «Bei der Uefa war Gianni Infantino ein Mann der zweiten Reihe. Jetzt ist er Fifa-Präsident. Dem blassen Schweizer fehlt eine Aura, aber mit seinen Versprechungen hat er sich viele Stimmen gesichert», findet der Autor Dominik Bardow. «Es wird sich zeigen, ob und wie schnell er sich lösen kann von alten Verbindungen und Abhängigkeiten und von seinem Ziehvater Michel Platini.»

Immerhin: Der mächtige Deutsche Fussball-Bund (DFB), der im Zug der WM-Vergabe für 2006 allerdings selbst in unruhige Fahrwasser geraten ist, zählt zu den Unterstützern Infantinos.

Sponsoren fordern schnelle Umsetzung der Reformen

Der Getränkekonzern Coca-Cola und die Kreditkartenfirma Visa, zwei der bedeutendsten Sponsoren der Fifa, geben Infantino wenig Schonfrist. «Wir fordern die neue Fifa-Führung auf, die Reformen als oberste Priorität zu sehen», steht in der Visa-Stellungnahme. «Unsere Erwartung ist, dass die Fifa unverzüglich handelt und eine Kultur der Transparenz, Verlässlichkeit und Integrität schafft.»

Coca-Cola schreibt: «Unter der Führung von Herrn Infantino muss sich die Fifa erneuern, die nötige Transparenz herstellen und ihre Kultur verändern, um ihr Image wieder aufzupolieren.» (ak)

Erstellt: 27.02.2016, 10:44 Uhr

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