Die falsche Angst vor dem richtigen Pfiff

Mark Clattenburg hat zugegeben, in einem wichtigen Spiel der Premier League bewusst Rote Karten vermieden zu haben. Das Geständnis zeigt, wie stark der Druck der Öffentlichkeit auch auf den Schiedsrichtern lastet.

Liess die Roten Karten stecken: Premier-League-Schiedsrichter Mark Clattenburg im Titelkampf 2016.

Liess die Roten Karten stecken: Premier-League-Schiedsrichter Mark Clattenburg im Titelkampf 2016. Bild: Keystone

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Fussballschiedsrichter haben keine einfache Arbeit – wenn es denn überhaupt ihr Beruf ist. Viele europäische Ligen haben nach wie vor keine Profi-Schiedsrichter, Vorbild ist da für viele die durch und durch professionalisierte Premier League. Einer der bekanntesten und besten englischen Referees der letzten Jahre hat sich nun mit brisanten Aussagen zu einem anderen Dauerthema unter Spitzenschiedsrichtern geäussert: dem Druck der medialen Öffentlichkeit und dessen Auswirkungen auf die Leistung an der Pfeife. Auf der britischen Insel ist eine Debatte über die Schutzbedürftigkeit der Schiedsrichter entflammt.

In einem Podcast der NBC hat Mark Clattenburg erzählt, wie er im Frühjahr 2016 von Beginn weg mit einem «Gameplan» in eine der entscheidenden Partien um die Meisterschaft gestiegen sei. Es war die Saison des Sensations-Champions Leicester City, Verfolger Tottenham musste am drittletzten Spieltag im Auswärtsspiel bei Chelsea gewinnen, um im Meisterrennen zu verbleiben. Clattenburgs erklärtes Ziel sei es von Beginn weg gewesen, es um keinen Preis so weit kommen zu lassen, dass er später in den Medien für die Entscheidung in der Meisterschaft verantwortlich gemacht werden könnte.

Tottenham ging durch Kane und Son in Führung, lag zur Halbzeit mit 2:0 vorne. Die Partie wurde von Beginn weg extrem hart geführt, war geprägt von Rudelbildungen und Nickligkeiten. Als Chelsea im zweiten Durchgang mit zwei Toren ausglich, trieben es die «Spurs» auf die Spitze. Die Sache drohte zu eskalieren, mehr als einmal gab es rotwürdiges Einsteigen. Clattenburg beliess es bei Verwarnungen. Neun Gelbe Karten waren es am Ende aufseiten der Gäste, drei für Chelsea. Drei, eher vier Gelb-Rote Karten hätten es ohne Probleme sein können, die Szenen sind noch heute auf Youtube einsehbar. «Das habe ich vermieden. Ich habe zugelassen, dass sie sich selbst zerstört haben. Die Medien, die Öffentlichkeit sollte urteilen: Tottenham hat den Titel verspielt.»

Die «Schlacht an der Stamfordbridge» im Video

Hätte Clattenburg die Platzverweise ausgesprochen, die öffentliche Wahrnehmung des Spiels wäre eine andere gewesen, der Schiedsrichter möglicherweise am medialen Pranger gelandet. Diese Überlegung hat sich auch der 42-Jährige selber gemacht: «Andere Schiedsrichter hätten vielleicht nach den Regeln gepfiffen, am Ende wäre Tottenham vielleicht noch mit sieben, acht Mann auf dem Platz gestanden. Sie hätten nach einer Entschuldigung gesucht, nach einem Sündenbock.»

Das Geständnis des Spitzenschiedsrichters hat in englischen Medien eine Debatte um die Glaubwürdigkeit Clattenburgs und den riesigen Druck im Profifussball hervorgerufen. Die einen geisseln seine Aussagen als unnötig spätes Aufkochen eines vergangenen Titelkampfes und unterstellen dem einstigen Spitzenschiri Geltungsdrang. «Er hat sich Glaubwürdigkeit verspielt», urteilt der Kommentator des «Independent».

Andere können das Verhalten und das späte Geständnis nachvollziehen. Nach dem Spiel im Mai 2016 pfiff Clattenburg im gleichen Jahr das Endspiel der Champions League sowie den Final an der EM in Frankreich. Ob er nach einem Skandalspiel mit drei oder mehr Roten Karten noch zu diesen Karrierehöhepunkten gekommen wäre, darf stark infrage gestellt werden.

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Clattenburgs Einblick in die schwierige Entscheidungswelt der Schiedsrichter weckt auch Erinnerungen an Momente, in denen der Druck auf die Spielleiter beinahe schlimmere Folgen zeitigte. Den Deutschen Babak Rafati trieb er gar in eine Depression, die 2011 in einem Selbstmordversuch gipfelte. Heute ist Rafati gesund und mahnt immer mal wieder zu Bedacht im Umgang mit Schiedsrichtern.

Mark Clattenburg hat dem europäischen Fussball unterdessen den Rücken gekehrt. Aktuell ist er für den saudiarabischen Verband tätig und arbeitet dort zusammen mit Howard Webb, einst ebenfalls ein Spitzenreferee der Premier League.

Erstellt: 06.12.2017, 20:09 Uhr

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