«Die Fifa ist eine Lachnummer»

Der Basler Korruptionsexperte und Fifa-Kenner Mark Pieth wirft dem Fussballverband vor, sich im Fall von Russland und Witali Mutko schwach zu verhalten.

«Proaktiv alle Kritiker entfernt»: Mark Pieth zeichnet ein vernichtendes Bild des mächtigen Verbands.

«Proaktiv alle Kritiker entfernt»: Mark Pieth zeichnet ein vernichtendes Bild des mächtigen Verbands. Bild: Keystone

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Welches Bild gibt die Fifa im Dopingskandal rund um Russland ab?
Aus meiner Sicht kein überzeugendes. Herr Mutko (2014 Sportminister Russlands, jetzt Vizepremier und OK-Chef der Fussball-WM 2018) wird vom IOK beschuldigt, während der Winterspiele in Sotschi die Dopingproben systematisch manipuliert respektive das Doping organisiert zu haben. Mit dieser Person dürfte man nicht mehr im Geschäft sein. Sie müsste von der Ethikkommission der Fifa auch gesperrt werden. Dabei spielt überhaupt keine Rolle, ob es um Fussballer geht oder sonstige Sportler. So jemand wie Herr Mutko ist nicht tragbar innerhalb der Fifa.

Wieso sperrt die Fifa ihn nicht?
Der Fifa fehlt die nötige Stärke, um sich durchzusetzen. Ich muss noch etwas zur Frage vorher sagen. Die Fifa macht durchaus etwas, seit das russische Doping in Sotschi bekannt geworden ist. Sie konzentriert sich darauf, zu schauen, ob irgendwelche Fussballer und Fussballerinnen gedopt worden sind. Immerhin hat der russische Verband zwei Frauen gefunden, die gedopt waren.

Das ist eine grossartige Leistung. Das ist eine ganz grossartige Leistung. Man konzentriert sich auf die Frage, ob einzelne Leute gedopt worden sind, aber man nimmt den Elefanten im Raum nicht mehr wahr – also den, der vermutlich alles organisiert und dann dafür gesorgt hat, dass es lange nicht aufgedeckt worden ist. Von daher ist Mutko gar nicht mehr tragbar, selbst wenn die Dopingvorwürfe nicht Fussballer betreffen.

Da stellen sich zwei Fragen: Wo ist die Ethikkommission der Fifa? Und die andere ist: Wo ist Gianni Infantino als Präsident? Fangen wir mit der Ethikkommission an. In alter Besetzung (mit Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert) kümmerte sie sich um Herrn Mutko. Aber nicht nur sie, sondern auch der Vorsitzende der Governance-Kommission, Miguel Maduro, sah bei ihm Interessenkonflikte. Aber was folgte darauf? Alle verloren ihre Positionen. Also, die Fifa ist nicht nur scheu, ängstlich, sondern sie hat auch proaktiv alle Kritiker entfernt.

Womit wir bei Infantino wären.
Er hat aus meiner Sicht die Revolution inszeniert. Er war aktiv darum bemüht, dass alle unabhängigen und möglicherweise kritischen Kräfte, die je in die Fifa gekommen waren, entfernt wurden. Darum sage ich: Er geht hinter 2011 zurück, als der Reformprozess begann. Er macht alles rückgängig, was Herr Blatter je an Reformen eingeführt hat.

Welche Art von Präsident ist einer, der so vorgeht?
Infantino muss aus seiner Perspektive innerhalb von drei Jahren das erreichen, was Blatter in dreissig Jahren schaffte. Nämlich die absolute Kontrolle über die Fifa. Weil er ja wiedergewählt werden will.

Im Zusammenhang mit der Absetzung der Ethikfunktionäre Eckert und Borbély sprachen Sie von einer autokratischen Machtergreifung. Das Verhalten der Fifa im Fall Mutko muss Sie darin bestärken.
Das zeigt vielleicht, warum man die unabhängigen Ethiker loswerden musste. Weil offensichtlich ganz grosse politische Interessen der Fifa dahinterstehen.

Wie sehr schadet Infantinos Verhalten dem Weltverband?
Es bringt nichts, ständig neue Namen für die Fifa zu erfinden. Sie ist eine Lachnummer. Es ist betrüblich.

Wenn Mutko behauptet, es habe im russischen Sport nie Manipulationen gegeben, wie glaubwürdig ist er dann?
Ich bin kein Dopingspezialist. Ich nehme einfach zur Kenntnis, dass das IOK der Meinung ist, es reiche jetzt, um Russland von den nächsten Winterspielen auszuschliessen. Und das IOK geht offensichtlich auch davon aus, dass Mutko massgeblich daran beteiligt war. Es hat das mit der Wada (Anti-Doping-Behörde) zusammen abgeklärt. Und das sind die weltweit zuständigen Instanzen.

Das sagt Ihnen genug?
Die machen das nicht einfach so leichtfertig. Umso mehr, als es dem IOK eher Mühe bereitet, harte Entscheide zu fällen. Kann man Russland überhaupt eine Fussball-WM wegnehmen? Das scheint mir ein sehr grosser Schritt zu sein. In diesem späten Stadium ist es nicht mehr möglich. Ich habe diese Stadien gesehen, die sind praktisch fertig.

Was ist für die Fifa das grössere Problem? Die Dopingdiskussion wegen Russland? Oder die Vorwürfe, Katar habe die WM 2022 gekauft?
Beides sind riesige Problemherde.

Glauben Sie nach allem, was bisher bekannt geworden ist, dass Katar die WM tatsächlich gekauft hat?
Es deutet jedenfalls darauf hin, dass es viel mehr Korruption gegeben hat, als man bisher gewusst hat. Die Frage ist immer, ob das genügend gewesen ist, um die entsprechenden Stimmen zu kaufen. Was Garcia suchte, nämlich «the smoking gun», den rauchenden Colt, das scheint mir jetzt gefunden worden zu sein. (Der US-Jurist Garcia untersuchte für die Fifa, ob die WM 2018 und 2022 rechtmässig vergeben worden waren.)

Was würden Sie der Fifa raten?
Sie ist in einer Situation wie ein Unternehmer, dem es von der Governance (Geschäftsführung) her ganz schlecht geht. Bei einem Unternehmer ist in einem solchen Fall das Risiko sehr gross, dass er abstürzt und übernommen wird. Das Problem ist, dass die Fifa-Funktionäre das Gefühl haben, sie würden über dem Recht stehen.

Wie Sie es einmal so schön formulierten: «Über der Fifa ist nur der liebe Gott.»
Genau. Jetzt ist aber das Problem, dass die Amerikaner gesagt haben: «Wenn ihr euch weiter so verhaltet, betrachten wir euch als kriminelle Organisation.» Das ist ein Maximalvorwurf, der weiterhin über der Fifa hängt.

Und den wird sie auch nicht so schnell los.
Auf diese Art absolut nicht.

Erstellt: 09.12.2017, 21:01 Uhr

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