Die Folgen einer roten Karte

Im «Fall Nuzzolo» wurde er blossgestellt, nun hört er auf: Schiedsrichter Stephan Klossner leitet am Sonntag seinen letzten Match.

Einer der Besten tritt ab: Stephan Klossner. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Einer der Besten tritt ab: Stephan Klossner. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

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Es geht auf das Wochenende zu, und Stephan Klossner bereitet sich sorgfältig auf seine Aufgabe als Schiedsrichter vor, wie immer. Thun - St. Gallen wird er leiten, das Spiel des Tabellenletzten gegen das Team der Stunde. Das sieht nach Routine aus für einen wie Klossner, der schon über 150-mal in der Super League zum Einsatz gekommen ist und das Fifa-Abzeichen auf seinem Trikot trägt.

Aber ganz so wie sonst ist es nicht. Klossner wird am Sonntag zum letzten Mal in seiner Karriere als Schiedsrichter auftreten. Für diese Partie ist er nicht aufgeboten worden, er durfte sie sich aussuchen. Und die Konstellation passt: Im Berner Oberland ist er aufgewachsen – mit St. Gallen verbindet ihn die Erinnerung an sein Debüt in der Super League am 15. August 2010. Nun schliesst sich der Kreis.

Gelbe Karte in der Hand, Fifa-Abzeichen auf dem Trikot: Stephan Klossner. (Bild: Peter Schneider/Keystone)

Klossner, Doktor der Biologie und Kantonsschullehrer in Willisau, tritt mit 38 ab. Freiwillig tut er das, «weil ich den Schnauf nicht mehr habe, um so weiterzumachen, dass es für mich stimmt». Er ist immer schon von Ehrgeiz getrieben gewesen, aber jetzt merkt er, dass er die hohen Ziele als Schiedsrichter nicht mehr erreichen kann. Und darum ist er im Frühling zur Überzeugung gekommen, dass Ende Jahr Schluss sein soll.

Der bittere Freispruch

In seinem Entscheid bestärkte ihn ein Zwischenfall, der sich an seinem 38. Geburtstag zutrug. Im Barrage-Hinspiel Xamax - ­Aarau verwies er Raphaël Nuzzolo des Feldes und rapportierte, vom Neuenburger bespuckt worden zu sein. Die Disziplinarbehörde sperrte den Spieler für vier Partien, die Rekursinstanz aber hob die Sanktion auf. Und stellte mit dem Freispruch Klossner bloss.

Klossner gab an, von Xamax-Spieler Nuzzolo bespuckt worden zu sein. (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone)

In Thun endet nun eine Geschichte, die vor der Jahrtausendwende begonnen hat. Im September 1999 tritt er erstmals als Unparteiischer auf, als die C-Junioren von Hünibach auf EDO Simme treffen. Nebenbei spielt er mit Leidenschaft beim FC Frutigen – er erzählt vom 9:2 im Derby gegen Reichenbach, in dem ihm sechs Tore gelangen. Sein Talent reicht bis in die 2. Liga, als Schiedsrichter aber steigt er höher. 2008 erreicht er die Challenge League, zwei Jahre später die Super League. Aus dem Hobby wird mehr, ab Dezember 2017 sogar sein Teilzeitberuf.

In den 20 Jahren kommen einige Erlebnisse zusammen, Ärger und Freude, die gesamte Palette. Am vergangenen Sonntag erhält er ein Aufgebot für Basel - YB und bringt den Spitzenkampf so hinter sich, dass er am anderen Morgen sagt: «Der Druck war riesig, aber es ist alles gut gelaufen.» Die Partie entwickelt sich so, dass keine Hektik aufkommen kann. Gegen Ende saugt Klossner die Atmosphäre im ­St.-Jakob-Park noch einmal auf.

40 Leute hat er eingeladen, Familie, Freunde, Göttikinder, Schiedsrichterkollegen – Klossner hat seinen eigenen Fanclub dabei.

Kommen Gefühle von Wehmut auf? Geht er vielleicht doch mit einem weinenden Auge? «Überhaupt nicht», sagt er, «für mich stimmt es, wie es ist.» Versuche seiner Vorgesetzten, ihn umzustimmen, hat es keine gegeben. Wohl auch deshalb nicht, weil sie wussten: Es hätte keinen Sinn gehabt.

Sein eigener Fanclub

Klossner wird in der zweiten Saisonhälfte im Frühling höchstens noch als VAR einspringen. Vorstellbar ist, dass er sich sporadisch als Ausbildner junger Schiedsrichter zur Verfügung stellt. Sicher ist dafür, dass er sein Pensum als Lehrer leicht erhöhen und sich dem Bau seiner neuen Wohnung widmen wird.

Aber zuvor, da ist noch Thun - St. Gallen. 40 Leute hat er eingeladen, Familie, Freunde, Göttikinder, Schiedsrichterkollegen – Klossner hat seinen eigenen Fanclub dabei. Er wird mit ihnen den Sonntag beim Apéro ausklingen lassen und den Wochenbeginn mit seiner Frau geniessen. Auf den Ski in Adelboden.


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Erstellt: 06.12.2019, 16:34 Uhr

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