«Es braucht eine Tabula rasa»

Mark Pieth wurde als Reformer von der Fifa ausgebremst. Nun will sich der Verband wandeln. Was der Basler Strafrechtsprofessor davon hält.

«Ich wurde nicht nur von der Fifa, sondern auch von der Uefa ausgebremst»: Mark Pieth mit Sepp Blatter (verschwommen im Vordergrund) bei einer Pressekonferenz.

«Ich wurde nicht nur von der Fifa, sondern auch von der Uefa ausgebremst»: Mark Pieth mit Sepp Blatter (verschwommen im Vordergrund) bei einer Pressekonferenz.

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Die Fifa plant ein Council mit 36 Personen statt eines Exekutivkomitees mit 25 Mitgliedern, es gibt neu eine Frauenquote, Lohntransparenz und klare Strukturen. Wie sind die Reformvorschläge zu werten?
Ich bin hoch erfreut darüber, dass die Fifa plötzlich bereit ist, meine Reformideen anzunehmen. Das hat mich überrascht. Bis vor kurzem hat François Carrard als Leiter der Reformgruppe nur Ohnmacht signalisiert. Bisher war der Widerstand innerhalb der Fifa einfach zu gross, vor allem die arabische Seite stellte sich lange quer. Es gibt ein Papier von Carrard aus der letzten Sitzung des Exekutivkomitees, das noch sehr bescheiden war. Ein heikler Punkt war damals die Amtszeitbeschränkung des Präsidenten.

Die Reformen basieren auf Ihren Vorschlägen aus dem Jahr 2011. Zwei Jahre später zogen Sie sich aber zurück, weil der Wille zur Veränderung fehlte. Nun scheint ihr Aufwand endlich Früchte zu tragen.
Das ist tatsächlich sehr positiv, aber ich hatte lange Zweifel. Die Ethikkommission wie auch die Audit- und Compliance-Kommission, die wir zu meiner Zeit ins Leben gerufen haben, zeigen endlich Wirkung. Das war so nicht zu erwarten. Der entscheidende Schritt war, dass die beiden Kommissionen die Strafverfolgungsbehörden der USA und der Schweiz miteinbezogen haben. Nur so war es möglich, innert kurzer Zeit fast 40 Funktionäre vor die Tür zu stellen. Eine entscheidende Rolle hatte dabei der externe Fifa-Aufseher Domenico Scala.

Er wurde von Sepp Blatter im vergangenen Juni installiert.
Blatter erklärte sich einverstanden, eine unabhängige Person in die Fifa zu holen. Blatter versuchte aber auch schon damals mit mir, die Reformen loszutreten. Das muss man ihm zugestehen. Aber vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, was danach alles passieren würde.

Verspüren Sie eine Form der Genugtuung, dass Sie am Ursprung dieser Reformen stehen?
Ja, auf jeden Fall. Als ich mich damals von der Fifa abwandte, war ich schon ein bisschen frustriert. Es war eine schwierige Situation, wir wurden nicht nur von der Fifa, sondern auch von der Uefa ausgebremst. Vor allem Platini wehrte sich gegen eine Amtszeitbeschränkung, und auch die Integritätsprüfung lehnte er ab. Ich dachte, es wäre einfach ein Hickhack zwischen ihm und Blatter. Aber jetzt wissen wir, warum er sich sperrte.

Die Amtszeit soll nun auf zwölf Jahre beschränkt werden. Das ist immer noch eine lange Zeit.
Ja, das stimmt, aber immerhin soll es nun eine Beschränkung geben. Die Frage ist allerdings: Kann ein Mitglied des Exekutivkomitees zwölf Jahre im Council sein und dann anschliessend noch einmal zwölf Jahre als Präsident amten?

Im Moment sitzt Issa Hayatou auf dem Präsidentenstuhl, obwohl er verdächtigt wird, in Bezug auf die WM-Vergabe an Katar bestochen worden zu sein.
Hayatou ist eine Notfallperson. Über ihn will ich mich gar nicht äussern. Er muss sowieso gehen. Eigentlich müssen alle gehen. Es braucht eine Tabula rasa. Mit dem Reformpaket allein ist es nicht getan. Es braucht neue Leute, die Führung muss komplett ersetzt werden.

Wie wahrscheinlich ist, dass die Reformen tatsächlich umgesetzt werden?
Es hängt davon ab, ob der Kongress im Februar die Vorschläge absegnet. Es braucht jedoch nicht nur die Änderungen auf dem Papier, sondern einen fundamentalen Kulturwandel. Ich bin zuversichtlich, aber wir reden immer noch von der Fifa. Man darf den Tag nicht vor dem Abend loben. Die Fifa hat bisher wenig Selbständigkeit bewiesen, allen voran die Araber.

Ein wesentlicher Punkt ist die Machtverschiebung. In Zukunft wird nicht der Präsident, sondern der Generalsekretär die Fäden in der Fifa ziehen.
Diese Idee kommt aus der Privatwirtschaft. Der Generalsekretär amtet wie ein CEO. Irgendjemand muss ja die Macht haben, aber sie wird getrennt. Die einen üben sie aus, und die anderen kontrollieren sie. Das heisst nicht, dass die Macht verschwindet.

Erstellt: 05.12.2015, 16:04 Uhr

Mark Pieth

Der Basler Strafrechtsprofessor amtete 2011 bis 2013 als Vorsitzender der unabhängigen Kommission für Governance bei der Fifa.

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