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Die Gefahr der Schweizer, sich selbst zu überschätzen

Das Spiel gegen Katar ist die Bestätigung für die Schweizer, dass ihr Potenzial nicht so gross ist, wie sie denken. Das kann ihnen am Sonntag gegen Belgien nur helfen.

Das Zeitunglesen am Tag danach kann den Nationalspielern keine Freude machen. Der Tenor ist einhellig: Blamage! «Ja, es ist eine Blamage», sagt Granit Xhaka, als er im Teamhotel hoch über Lugano sitzt, «ja, wir bekommen jetzt auf die Socken. Es heisst, die Mannschaft sei nicht bereit gewesen.» Genau das ärgert ihn.

Xhaka ist der Captain dieser Mannschaft, die als Nummer 8 der Welt gegen die Nummer 96 verloren hat, gegen Katar. Es ist die vierte Niederlage in den letzten sechs Spielen. Xhaka beunruhigt das nicht weiter. «An Qualität fehlt es uns nicht», betont er, ungerührt von Kritik und Leistung.

Länderspiele im November sind oftmals seelenlose Veranstaltungen. In diesen Monat fielen einst das 0:1 gegen Nigeria, das 1:0 in Luxemburg vor 852 Zuschauern, das 0:1 gegen Norwegen oder das 2:3 in der Slowakei. Dieses 0:1 gegen Katar hat trotzdem eine andere Wirkung – unbesehen vom Zustand des Platzes in Lugano, der für ein Länderspiel unwürdig war.

Die Wirkung hat mit dem Namen des Gegners zu tun, mit seiner Reputation, im Fussball nur eine kleine Nummer zu sein, mit der Tatsache, dass die Spieler völlig unbekannt sind. Mit der Frage eben, wie es bloss möglich ist, einem solchen Gegner zu unterliegen. Es hat schliesslich viel mit der Antwort darauf zu tun. Und die ist so kurz wie einfach: Die Schweizer sind an diesem Tag nicht bereit. Sie stören sich daran, dass der Rasen kein Rasen ist, sondern ein Acker, sie halten sich zurück, weil sie sich nicht verletzen mögen. Leidenschaft sieht jedenfalls anders aus.

Xhakas Erkenntnis

In den knapp viereinhalb Jahren unter Vladimir Petkovic haben sich die Schweizer den Ruf erarbeitet, auch unattraktive Aufgaben ernst zu nehmen und erfolgreich zu erledigen. Im ersten Halbjahr besiegten sie die WM-Teilnehmer Panama 6:0 und Japan 2:0. Nun allerdings haben sie das, was der Coach in seiner Wortschöpfung «Betriebsblamage» nennt. Es tut ihnen vielleicht ganz gut, wieder einmal daran erinnert zu werden, dass sie nicht so gut sind, wie sie selbst denken, und darum nichts von allein geht. «Wir wissen schon, dass wir keine Mannschaft mit 60 Prozent Leistung besiegen können», sagt Xhaka.

Petkovic pröbelt wieder einmal. Er kann nicht davon lassen, eine Dreierkette aufzustellen, auch wenn sich gerade Xhaka als strategischer Kopf der Gruppe im 4-2-3-1 wohler fühlt. Petkovic will Léo Lacroix und Ivan Benito in der Defensive testen, er gibt Denis Zakaria und Remo Freuler ein weiteres Mal im Mittelfeld Auslauf, und Christian Fassnacht und Mario Gavranovic will er in der Offensive sehen. Sie fallen durch: zum Beispiel Zakaria, weil er weiterhin nur ein Schatten des Spielers ist, der so viel versprochen hat; Freuler, weil er im Nationalteam einfach ohne jede Ausstrahlung ist; Fassnacht, weil er so tut, als könnte er es sich leisten, sich nicht verausgaben zu müssen; Gavranovic, weil er lieber zaubern statt arbeiten will.

Alle haben ihre Chance vergeben, Acker hin oder her. Und verstärken die Erkenntnis, dass Petkovic nicht so viel personelle Auswahl hat, wie er glaubt. Viele Namen auf einer Liste sind nicht gleichbedeutend mit viel Potenzial. Der geplante Umbau der Mannschaft ist jedenfalls kein schnelles Projekt. Ein neuer Valon Behrami ist nirgends in Sicht. Und ebenso wenig ein Stephan Lichtsteiner. Sein Ehrgeiz und seine Mentalität sind unerreicht. Er hat sich nicht grundlos während sieben Jahren bei Juventus bewährt und ist diesen Sommer trotz seiner 34 Jahre von Unai Emery zu Arsenal geholt worden.

Hinter den Schweizern liegt ein besonderes Jahr, ein emotionales und turbulentes. Die Diskussionen um Doppeladler und Doppelbürger haben es so sehr geprägt, dass der Generalsekretär des Verbandes (Alex Miescher) bereits verabschiedet worden ist, der Präsident (Peter Gilliéron) seinen Rücktritt aufs kommende Frühjahr angekündigt hat und ein früherer Clubpräsident (Bernhard Heusler) eingesetzt worden ist, um die Strukturen des Verbandes zu durchleuchten.

Vieles ist falsch gelaufen rund ums Nationalteam. Anfang September hat sich dann mit dem öffentlichen Mea culpa der Spieler und dem 6:0 gegen Island zum Start in die Nations League vieles beruhigt. Vieles ist sportlich trotzdem labil geblieben, das hat der Mittwoch gegen Katar gezeigt.

Und Vladimir Petkovic ist ein Coach, der wenig um Sympathien kämpft. Wenn er beliebt sein möchte, gelingt es ihm jedenfalls ganz gut, das zu kaschieren. Es wäre wohl auch zu viel verlangt, dass er sich mit seinen 55 Jahren noch grundsätzlich ändert und sich öffnet. Er ist, wie er ist. Darum braucht er erst recht gute Resultate, um nicht bei jedem Ausrutscher gleich grundsätzlich wieder in die Kritik zu geraten.

Die Sinne wieder schärfen

Das Spiel am Sonntag gegen Belgien beendet das Jahr der Nationalmannschaft. Es ist der 14. Auftritt seit dem März und der Final um den Gruppensieg in der stärksten Liga der Nations League. Ein Erfolg gegen die Nummer 1 der Weltrangliste und die Qualifikation für das Finalturnier, bei dem nächsten Sommer der Sieger der Nations League ermittelt wird, wäre ein perfekter, ein versöhnlicher Abschluss für die Schweizer. Er würde vieles in den Hintergrund drängen, was seit dem Sommer passiert und nicht gut gelaufen ist.

«Mehr Motivation können wir nicht haben», sagt Granit Xhaka. Der Mittwoch gegen Katar hat vielleicht doch noch etwas Gutes: Die Sinne der Schweizer müssen wieder geschärft sein. Und wenn nicht, brauchen sie am Montag nicht in die Zeitungen zu schauen.

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