Die hässliche Fussballwelt

Eine Website enttarnt vertrauliche Fussballverträge und erzürnt so die Fussballbosse. Vor allem die Klauseln haben es in sich.

Es finden sich hochbrisante Dokumente auf der Plattform Football Leaks – wie der Vertrag zwischen Neymar und Barça.

Es finden sich hochbrisante Dokumente auf der Plattform Football Leaks – wie der Vertrag zwischen Neymar und Barça. Bild: Keystone

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Der Mann nennt sich John, und alle wissen, der Mann heisst nicht John. Niemand hat ihn gesehen, niemand mit ihm gesprochen; und doch erhielt dieser John weltweite Präsenz. Er ist Portugiese und munitionierte mit Tausenden von geheimen Dokumenten. Er und acht Kollegen betreiben die Plattform Football Leaks (FL). Eine Sympathie zu Julian Assange und Wikileaks ist unübersehbar. Und: Sie verbreiten mit ihrem Tun gehörig Unruhe in der Fussballwelt.

Denn John und seine Männer haben im Herbst des vergangenen Jahres begonnen, die hochbrisanten Dokumente zu veröffentlichen. Und nur der jüngste Coup war die Enthüllung des Vertrags von Barça-Star Neymar.

Auf einer simplen Website, in Weiss gehalten, erscheinen täglich in schwarzen Buchstaben Mitteilungen wie «Real Madrid & Arsenal – Mesut Özil». Einmal daraufgeklickt, ploppt der ganze Kaufvertrag auf. Es steht etwa darin, dass die Ablösesumme von 44 Millionen Euro in drei Tranchen (24; 15; 5) bezahlt wird. Es beschreibt, wann zusätzliche Zahlungen von einer Million anfallen (jeweils bei der Qualifikation zur Champions League).

Özil und die heiklen Vertragsklauseln

Das sind Informationen, die primär den Schlüssellochreiz befriedigen. Doch im Kaufvertrag ist unter Punkt 4.1 auch festgehalten, dass jegliche Kaufgebote von spanischen Vereinen an Real Madrid gemeldet werden müssen. Und unter Punkt 4.2, dass Real ein Rückkaufsrecht unter der in 4.1 genannten Summe hat. Das ist problematisch, schränkt dies doch die Arbeitsfreiheit von Özil drastisch ein.

«Wir wollen Transparenz schaffen», erklärte John gegenüber des Nachrichtenmagazins «Spiegel». Der Fussball verliere mehr und mehr an Glaubwürdigkeit. «Alles ist tabuisiert: Löhne, Verträge, Klauseln, Vermittler.» Özils Kaufvertrag ist einer unter vielen. Andere tragen die Namen von Kroos, Bale, Martial, Tevez, Hulk: Über 80 von ihnen hat FL mittlerweile veröffentlicht und den Finger auf wunde Punkte im Fussballgeschäft gelegt.

Investmentfonds beeinflussen Fussballtransfers

Da sind einmal die Klauseln – die aggressiv, aber auch absurd sein können. In Gareth Bales Vertrag stand etwa, dass die wahre Transfersumme von 100'759'417 Euro nicht veröffentlicht werden darf, sie wäre höher gewesen als jene von «Ich-bin-darüber-betupft» Cristiano Ronaldo.

Da ist aber auch die Erkenntnis, dass bei vielen Transfers noch Drittpersonen beteiligt sind. Leute, die Anteile an Spielern besitzen und bei Transfers mitbestimmen und mitverdienen. Etwas, das die Fifa seit Mai 2015 verboten hat.

Ein besonderer Fall war Twente Enschede. Die Sportinvestment-Fonds Doyen gab dem Club ein millionenschweres Darlehen – im Gegenzug erhielt der Fonds Anteile an fünf Spielern. Das war, muss man anfügen, zum gegebenen Zeitpunkt legal. Brisant war aber im höchsten Masse die zugehörige Klausel: Falls Twente Angebote für einen der fünf Spieler ablehnt, bekommt Doyen rund 50 Prozent der gebotenen Transfersumme.

Kurz: Der holländische Club gab die Transferpolitik aus der Hand und reichte sie einem profitorientierten Unternehmen weiter. Twentes Präsident musste darauf gehen, der Club wurde für drei Jahre von europäischen Spielen gesperrt.

Obschon der Einfluss von Drittparteien also verboten ist, existiert er laut Football Leaks noch immer. Die Geldflüsse seien einfach als «Scouting- oder Vermittlervereinbarungen» getarnt, sagte John. Er geht noch weiter und schreibt, dass sich die Konstrukte der Spielervermittler trefflich eignen für Geldwäscherei, so sind sie oftmals als Offshoregesellschaften implementiert.

Deren Grundprinzip ist simpel: Investmentgesellschaften suchen nach finanziell angeschlagenen Vereinen. Sie helfen und zwingen ihnen damit ihre aggressiven Bedingungen auf. Es sind Interessen, die jenen des Spiels Fussball diametral entgegenlaufen.

Schweizer Banken beteiligt

Diese Wahrheiten gefielen einigen in der Branche nicht. So brüskierten sich die Clubs, die Berater und – allen voran – Doyen Sports darüber. Die Firma setzte Anwälte auf FL an, wirft ihnen Hackerei vor. Diese bestreiten dies vehement. «Wir haben verschiedene Quellen.» Die FL-Website wurde bereits dreimal lahmgelegt. Trotzdem wollen sie nicht stoppen. Sie haben nach eigenen Angaben noch 500 Gigabyte Material und ein Ziel: ein neues Transfersystem. Mit einer Datenbank mit allen Transferdetails sowie limitierten Befugnissen für Berater und Investmentfonds.

Dafür braucht es die Fifa. Der Weltverband nutzt die veröffentlichten Dokumente bei seinen Ermittlungen, lässt aber vermelden: «Die Typen sind Abtrünnige. Es wäre besser, wenn wir eine nachprüfbare Quelle hätten.» Zu gefährlich für uns, sagt John.

Und Schweizer Vereine, sind sie auch betroffen? John wollte darüber keine Auskunft geben. Die Dokumente zeigen aber, dass Schweizer Banken beteiligt sind: Als Doyen 2012 die Bildrechte von Neymar für 6 Millionen Euro kaufte, lief die Zahlung über ein UBS-Konto in Zürich.

Erstellt: 13.04.2016, 16:29 Uhr

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