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Die Hysterie um den Hosenscheisser

Monacos Kylian Mbappé gilt als die neue Sturmsensation – mit 18 Jahren. Gegen Dortmund ist schon eine Prinzenrolle in der Königsklasse möglich.

Er hat die Zukunft eigentlich noch vor sich – trotzdem gehört er schon zu den ganz Grossen. Mit 21 Toren in insgesamt 37 Toren ist der 18-jährige Kylian Mbappé einer der besten Torschützen Frankreichs und nun europaweit heiss begehrt.
Er hat die Zukunft eigentlich noch vor sich – trotzdem gehört er schon zu den ganz Grossen. Mit 21 Toren in insgesamt 37 Toren ist der 18-jährige Kylian Mbappé einer der besten Torschützen Frankreichs und nun europaweit heiss begehrt.
Aufgefallen ist der Franzose früh. Auf Youtube kursiert ein Video, in welchem ein zehnjähriger Mbappé sämtliche Gegenspieler umkurvt. Ein Jahr später wurde das Ausnahmetalent von Chelsea zu einem Probetraining eingeladen.
Aufgefallen ist der Franzose früh. Auf Youtube kursiert ein Video, in welchem ein zehnjähriger Mbappé sämtliche Gegenspieler umkurvt. Ein Jahr später wurde das Ausnahmetalent von Chelsea zu einem Probetraining eingeladen.
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Letzten Mittwoch im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals gegen Dortmund schlug seine Stunde: Mbappé traf zweimal und war massgeblich am 3:2-Sieg beteiligt. Kann er nun im Rückspiel erneut Akzente setzen?
Letzten Mittwoch im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals gegen Dortmund schlug seine Stunde: Mbappé traf zweimal und war massgeblich am 3:2-Sieg beteiligt. Kann er nun im Rückspiel erneut Akzente setzen?
Keystone
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Seine Mitspieler rufen ihn «Razmoket», Hosenscheisser. Unter diesem Namen lief in den Neunzigern in Frankreich die amerikanische Zeichentrickserie «Rugrats». Da war Kylian Mbappé noch gar nicht geboren. Und ein Hosenscheisser ist der junge Mann eher auch nicht.

Seine Kollegen aber finden, dass er ein bisschen so aussieht wie eine Figur aus der Serie, mit diesen grossen Augen und den kurz geschnittenen Haaren. «Sogar auf dem Platz rufen sie mich so», erzählte Mbappé unlängst, «man muss nur genau hinhören.» Solche Dinge will man von ihm wissen. Eigentlich will man ja jetzt alles wissen von Kylian Mbappé.

Selten hat die Fussballwelt dem Aufstieg eines jungen Spielers mit so viel einhelliger Aufregung und Überzeugung beigewohnt wie bei diesem erst 18 Jahre alten Stürmer der AS Monaco, Gegner Dortmunds im Viertelfinal der Champions League. Im Hinspiel, der traurigen Begegnung nach den Explosionen beim Teambus des BVB, traf er zweimal. Einmal eher zufällig mit dem Oberschenkel und erst noch im Offside. Das zweite Mal wie ein echter Mittelstürmer, mit kühlem Instinkt. So richtig jubeln mochte er nicht, und die ersten Gedanken nach dem Sieg gehörten Marc Bartra, dem verletzten Dortmunder.

Jeder Like wird analysiert

Kylian Mbappé ist nun, wie die spanische Sportzeitung «Marca» kürzlich ­titelte, das «Juwel des Transfermarkts». Und, muss man sagen, schon recht fein geschliffen für sein Alter. Unter 100 Millionen Euro wird man in Monaco nicht verhandeln wollen. In den sozialen ­Medien werden Mbappés Likes analysiert, um daraus eine Vorliebe für den einen oder anderen spanischen oder englischen Verein zu filtern, was dann ein Hinweis dafür sein könnte, wo es ihn hinzieht. Vielleicht im Sommer schon.

Auf Instagram setzte er vor einigen ­Tagen gleich zwei Herzchen auf Posts von Real Madrid. Dort macht man sich nun am meisten Hoffnungen. In England aber will man ein Foto aus zartester Kindheit gefunden haben, auf dem Mbappé ein Shirt von Arsenal trug.

Um ihn herum ist es gerade etwas hysterisch, und das nach einer Drei­viertelsaison, 37 Spielen total, 21 Toren. Nur Mbappé selber scheint sich nicht verrückt machen zu lassen, er hat ja Zeit. Und dass alle aufgeregt sind wegen seines Talents, seiner frischen Sorglosigkeit beim Dribbling, dieser Leichtigkeit im Umgang mit dem Ball bei hohem Tempo – das kennt er.

Mbappé entspringt nämlich nicht dem Nichts, obschon er erst kürzlich die Poster seiner Idole von der Zimmerwand löste, wie er dem Wochenendmagazin der «Equipe» sagte. Wenigstens in Frankreich hatte man schon vor seinen Auftritten gegen Manchester City von ihm gehört. Auch akustisch, in Interviews nach den Spielen. Mbappé hat eine markant nasale Stimme, eine wie aus einem Zeichentrickfilm. Das freut die vielen Imitatoren im Land.

«Der neue Thierry Henry»

Zur Welt kam er Ende 1998 in Bondy, einer Vorstadt im Norden von Paris, jenseits der Ringstrasse, Département 93. Oder «Neuf-trois», wie sie dort sagen. 93 ist die Chiffre für vieles, was schiefläuft in den französischen Banlieues: für mangelnde Integration der Zuwanderer aus den ehemaligen Kolonien und für eine rasende Ghettoisierung, für staatliche Vernachlässigung, für eine hohe Quote an Schulabbrechern und an Arbeitslosen. Sogar die Fälle seltener Krankheiten sind da draussen, am Rand der Republik, viel zahlreicher als anderswo. Und dennoch ist 93 für viele Bewohner des «Neuf-trois» auch die Chiffre für trotzigen Stolz, für den Willen zum Aufstieg wider alle gesellschaftlichen Konventionen.

Kylian Mbappé ist der Sohn eines Einwanderers aus Kamerun, der als Jugendtrainer bei der AS Bondy arbeitet, und einer Algerierin, die einst Handball spielte. Sport war alles, und vom Kleinen filmte man schon die Anfänge beim Lokalverein, so erstaunlich begabt war er. Die etwas wackligen Bilder seiner vielen Finten und Beinschüsse, als der Ball noch bis zum Knie reichte, auf Sandplätzen oder schlecht gemähten Feldern gibt es jetzt mit Musik unterlegt auf Youtube.

Kylian wurde schon früh in die Fussballakademie in Clairefontaine berufen, im etwas vornehmeren Süden von Paris gelegen, wo Frankreichs Verband seiner hoffnungsfrohen Jugend einen schönen Rahmen im Grünen bietet. Als er 11 war, lud ihn Chelsea für einige Tage zu einem Probetraining nach London ein. Im Jahr darauf rief Zinédine Zidane aus Madrid an, und auch bei Real schaute Mbappé vorbei.

Mit 14 wechselte er dann aber zu Monaco, weil er dort sein «Bac», sein Abitur, fertig machen konnte und weil die Monegassen für ihre behutsame Nachwuchsarbeit bekannt sind. Das Klima ist gut, der Ort ist klein und überschaubar, Geld ist genug da. Im Fürstentum wurde auch jener Stürmer gross, mit dem man ihn gern vergleicht: Thierry Henry, ebenfalls ein Kind der Pariser Banlieue. Man nennt Mbappé nun «den neuen Henry», was beide ungefähr gleichermassen nervt. Doch die stilistische Ähnlichkeit ist nun mal verblüffend, dieser reissende Drang zur Mitte, diese Flüge über die Flügel, dahin, wo es zählt.

Der Beste – auf der Playstation

Manchmal übertreibt er es mit den Tricks und bleibt hängen. Doch das ist egal, ihm gehört ja die Zukunft. Man habe ihn nie verbiegen wollen, sagt Mbappé, kein missratenes Dribbling werde ihm nachgetragen. Im offensiven Spiel Monacos gibt es ständig Möglichkeiten, Fehler vergessen zu machen.

Didier Deschamps, der Trainer der französischen Nationalmannschaft, hat ihn nun schon zweimal mitspielen lassen. Gegen Spanien stand Mbappé in der Startelf. Der spanische Verteidiger Gerard Piqué, so erzählt man es sich wenigstens in Frankreich, bat den Jungstar zur Pause um dessen Trikot. Piqué, kein Mann mit grossen Selbstzweifeln, dementierte die Geschichte. Es sei vielmehr umgekehrt gewesen, Mbappé habe um sein Shirt gebeten. Worauf Mbappé erzählte, Piqué habe zuerst gefragt, das habe ihn ja auch überrascht, so ein grosser Spieler!

Es ist halt gerade viel Hysterie im Leben von «Razmoket». Im Interview mit «L’Equipe» erzählt Mbappé, seine nur unwesentlich älteren ­Kameraden seien ihm wie Brüder, für die er alles tun würde. Sein grösster Trumpf in der Gruppe seien nicht die Dinge, die er auf dem Platz aufführe, sondern jene beim virtuellen Fussball an der Konsole: «Auf der Playstation», sagt er, «das wird jeder Red­liche bezeugen können, bin ich der Beste, ob ich nun mit Real oder mit Barça spiele.» Real oder Barça – was sie wohl in England denken werden?

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