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Die Last des Bayern-Etiketts

Gianluca Gaudino liess sich nach St. Gallen ausleihen, um für die Bayern wieder interessant zu werden. München ist heute weiter weg denn je. Ein Einzelfall ist er nicht.

Erlebt in St. Gallen schwierige Zeiten: Gianluca Gaudino.
Erlebt in St. Gallen schwierige Zeiten: Gianluca Gaudino.
Keystone

Gianluca Gaudino hat zwei Instagram-Accounts. Einen, den er selbst verwaltet, und einen, den ein Fan lanciert hat. Auf beiden Profilen sind Bilder von ihm zu finden. Vom talentierten Gianluca, dem Junior des FC Bayern. Einziger Unterschied: Der vom Fan verwaltete Account ruht seit geraumer Zeit. Genauer gesagt, seit Gaudino nicht mehr in München ist.

Aus den Augen, aus dem Sinn. So läuft das mit den Bayern-Talenten. Über 15 Monate ist es nun her, als sich Gianluca Gaudino nach St. Gallen ausleihen liess, um in der Ostschweiz wieder das zu spüren, was er an der Isar vermisste: das Gefühl des uneingeschränkten Vertrauens.

Dabei schien Gaudinos Weg lange wie einer aus dem Bilderbuch: Im Alter von acht Jahren stiess der Sohn von Maurizio Gaudino, selber einst Fussballer und Meister mit dem VfB Stuttgart, zum FC Bayern München. Gianluca meisterte alle Jugendstufen, ragte mit seiner umsichtigen Spielweise im Mittelfeld oft heraus.

Schnupperkurse in der Champions League

So kam es, dass Pep Guardiola, der Superlativ-missbrauchende Trainer, Gaudino zum Saisonstart im Sommer 2014 für die Startformation nominierte und ihn im Anschluss mit Elogen überhäufte. Es wartete ein Jahr mit Schnupperkursen in der Bundesliga und der Champions League, aber wenig Einsatzzeit. Im Jahr darauf verbannte ihn Guardiola ins Reserveteam. Sechs Monate blieb Gaudino dort, dann musste eine Luftveränderung her.

Am Tag seiner Präsentation in St. Gallen sagte Sportchef Christian Stübi, dass man die Erwartungshaltung besser einschätzen könne als die Öffentlichkeit. Die Euphorie, die der Junge von der Säbener Strasse auslöste, erfasste sogar St. Gallens Pressesprecher. Nachdem die Geschichte erzählt wurde, dass Gaudino einst in Basel das Laufen erlernt habe, zog der Sprecher nach und sagte: «Nun bringt ihm Zinnbauer in St. Gallen das Fliegen bei.»

Damals war Gaudinos Zuversicht noch grösser als die Last des Bayern-Etiketts. Heute ist es umgekehrt. Wunderdinge sind dem 20-Jährigen in seinen bisher 31 Einsätzen für St. Gallen nie gelungen. Er erzielte keinen Treffer und bereitete lediglich einen vor. Dass er nur 31 von 49 möglichen Spielen bestritten hat, liegt einerseits an seiner Krankenakte, andererseits an Trainer Joe Zinnbauer.

«Der Wechsel war richtig»

Seit Gaudino in St. Gallen ist, hat er keine Vorbereitung vollständig mitmachen können. Im vergangenen Sommer wurde er an der Leiste operiert, im letzten Januar plagte ihn eine Grippe. Seither verfolgt Gaudino die Spiele St. Gallens meist von der Bank oder der Tribüne aus. Anfang März musste die Bayern-Leihgabe für einmal gar in die U-21 und spielte vor 200 Zuschauern gegen Mendrisio. Der Tiefpunkt.

«Es gibt schlechte Phasen. Daraus muss ich lernen», sagte Gaudino danach dem «St. Galler Tagblatt». Schwierig für den Kopf sei die Situation. «Aber verlorene Jahre sind es mit St. Gallen definitiv nicht für mich.» Auf die Frage, ob er den Schritt in die Ostschweiz noch einmal machen würde, antwortete er: «Der Wechsel war richtig. Mal passts, mal nicht, so ist der Fussball.»

Zum Fliegen brachte ihn Zinnbauer jedenfalls nicht. München ist heute weiter weg denn je. Ob es seine Vision sei, irgendwann zum FC Bayern zurückzukehren, fragte ihn das deutsche Nachrichtenportal «Spox» einmal. Gaudino antwortete. «Ja, wenn sie mich wollen.» Sie werden ihn nicht mehr wollen.

Bayerns Talente-Problem

Gaudino ist kein Einzelfall. Lucas Scholl, Sohn von Bayern-Legende Mehmet, und Sinan Kurt wurden einst ebenso hoch gehandelt. Der eine verfolgt die Spiele des Regionalligisten Wacker Nordhausen meist von der Bank aus, der andere spielt eigentlich in derselben Liga bei Herthas Reserveteam, ist aber verletzt.

Seit David Alaba 2010 hat kein Eigengewächs mehr den Durchbruch bei den Bayern-Profis geschafft. Ein Problem, das längst auch Clubpräsident Uli Hoeness erkannt hat. «Wir dürfen es uns nicht erlauben, die nächsten fünf Jahre so zu gestalten wie die vergangenen fünf», sagte er in einem Talk des bayerischen Fussballverbands.

Titeljagd und Talentförderung – für die Bayern ein ständiger Zielkonflikt. Gerade in diesen Tagen, in denen sie sportlich nicht dort stehen, wo sie sich eigentlich sehen. Innert acht Tagen schied der deutsche Rekordmeister in der Champions League und im Cup aus. Im Sommer wird ein Umbruch erwartet. Der Platz für eigene Talente im Kader wird jedenfalls nicht grösser.

Hoeness und das «tolle Ding»

«Man holt eher einen Neuen, als auf einen Jungen zu setzen», kritisierte Gaudino einmal. Auch er ist letztlich ein Opfer der Clubstrategie, jede Position mit der entsprechenden Qualität doppelt besetzen zu wollen. Ein Problem ist, dass Bayerns zweite Mannschaft nur in der Regionalliga spielt, der Schritt von der vierten Liga in die Bundesliga schlicht zu gross ist.

Viel erhofft sich Uli Hoeness nun vom neuen Nachwuchsleistungszentrum, das diesen Sommer im Norden Münchens eröffnet wird. 70 Millionen Euro kostet es. Der Präsident bezeichnet es als «tolles Ding» und findet, dass man alle drei Jahre einen Spieler für die erste Mannschaft «rauskriegen» müsse. Die Etablierung bei den Profis wird für Bayern-Talente auch in Zukunft nicht einfach sein. Gaudino scheint seine Chance bereits verpasst zu haben.

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