«Die Männer finden es cool, mit uns über Fussball zu reden»

Lara Dickenmann ist die erfolgreichste Schweizer Fussballerin. Sie sagt, warum Neymar sie nervt und was Männer von Frauen lernen können.

«Pionierin des Frauenfussballs»: Lara Dickemann absolvierte  135 Länderspiele mit der Nati.

«Pionierin des Frauenfussballs»: Lara Dickemann absolvierte 135 Länderspiele mit der Nati.

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Was können Männer von Frauen im Fussball lernen?
Etwas mehr Bescheidenheit. Das Hauptproblem ist die Dominanz des Geldes. Junge Spieler erhalten stattliche Löhne, bevor sie überhaupt etwas geleistet oder erreicht haben, sie glauben, sie hätten den Durchbruch geschafft oder stünden kurz davor. Dabei sind sie sich gar nicht bewusst, dass sie noch ganz viel investieren müssen, um nach oben zu kommen. Früher mussten die Jungen den Alten die Schuhe putzen, und heute … Glaubt mit 17 mancher, ein Grosser zu sein. Oder ihm wird das Gefühl vermittelt, einer zu sein.

Würden Sie es befürworten, dass die Jungen den Älteren auch heute noch die Schuhe putzen sollten?
Das muss nicht sein. Ich bin kein Fan von autoritärer Führung, halte aber Hierarchien innerhalb eines Teams für wichtig. Bei uns in Wolfsburg sind die Rollen verteilt, ohne dass es deswegen Missstimmung gibt: Die Jungen kümmern sich um das Material, die routinierten Spielerinnen tragen dafür mehr Verantwortung. Was ich nicht verstehe: Wieso lassen sich einige Junge nichts sagen? Sie können doch von Erfahrenen nur profitieren.

Werden die Jungen tendenziell verhätschelt?
Ich finde schon. Vielleicht befürchten die Clubs, dass ein Talent sonst abspringt. Die Welt des Männerfussballs ist vor allem Business, ganz anders als bei uns, und das beginnt schon bei den Junioren. Manchmal führt das zu unguten Entwicklungen.

«Dafür muss er nicht Fussball spielen»: Neymar wälzt sich nach einem Foul auf dem Boden. Foto: Keystone

Zum Beispiel?
Viele Männer wollen eine eigene Marke sein, mit eigenem Jubel, eigener Frisur … Das ist alles sehr oberflächlich. Ich tue mich schwer, wenn solche Dinge mehr Bedeutung erhalten als das Fussballerische. Und ich habe auch Mühe mit Schauspielern. Eigentlich bin ich ein grosser Fan von Neymar, er hat riesige Qualitäten. Aber wenn er sich theatralisch fallen lässt und mehrmals am Boden wälzt, wenn er ständig den Gegner provoziert, regt mich das auf. Dafür muss er nicht Fussball spielen.

Auch Cristiano Ronaldo polarisiert.
Seine selbstdarstellerische Art mag ich genauso wenig. Aber seine Arbeitseinstellung und Disziplin sind vorbildlich.

Was können Frauen von Männern lernen?
Viel. Ich schaue auch sehr oft Männerfussball, weil es Spass macht und weil ich profitieren kann. Mir imponiert der Fussball, den Pep Guardiola spielen lässt, seine Kreativität, wenn es um taktische Ausrichtungen geht. Manchmal tausche ich mich in Wolfsburg auch mit den Männern des VfL aus, und diese Begegnungen finden auf Augenhöhe statt. Ich habe den Eindruck, dass sie es cool finden, mit einer Frau über Fussball zu reden.

Mit wem unterhalten Sie sich am liebsten?
Mit meinen Landsleuten Renato Steffen und Admir Mehmedi, und vor allem auch mit dem Franzosen Josuha Guilavogui.

«Viele wollen eine eigene Marke sein. Eigener Jubel, eigene Frisur. Das ist alles sehr oberflächlich.»

FCZ-Trainer Ludovic Magnin sagt, man könne Frauen- nicht mit Männerfussball vergleichen. Teilen Sie die Ansicht?
Ja. In anderen Sportarten kommt man nicht auf die Idee, Vergleiche anzustellen. Oder tut das jemand im Tennis? Hat jemand mal gesagt, Lindsey Vonn oder Lara Gut müssten doch gleich schnell Skifahren wie die besten Männer? Ihre Leistungen werden auch so gewürdigt, und das zu Recht. Nur im Fussball vergleicht man immer wieder.

Warum?
Es könnte mit der Tradition zu tun haben, dieser Sport war lange eine Domäne der Männer. Immerhin nimmt der gegenseitige Respekt zu. In den grossen Vereinen sind die Frauen nicht einfach mehr Amateure, sondern Profis, die auch viel Aufwand auf sich nehmen. Und wir wiederum erhalten durch die Gespräche mit den Männern ein anderes Bild von ihnen. Manchmal denken wir Frauen: Das ist sicher ein Schnösel. Bis wir mit ihm reden. Ich hatte noch nie mit einem Fussballer eine schlechte Erfahrung, wenn ich mit ihm sprach.

Wie hat sich der Fussball entwickelt, seit Sie anfingen?
Viel hat sich vor allem auf Stufe Nationalteam getan, die Verantwortlichen beim Verband wollen den Frauenfussball weiterbringen. Der Clubfussball hat sich ebenfalls verändert. Früher hiessen die Vereine Sursee, Schwerzenbach oder Seebach, heute haben die Super-League-Vereine auch Frauenteams. Aber es geht leider nur schleppend voran.

Was wünschen Sie sich denn? Einen Profibetrieb?
Das ist das Wunschszenario. Gut wäre nur schon, wenn zwei, drei Schweizer Clubs das Profitum einführen würden und in den anderen Vereinen zum Beispiel fünf Spielerinnen voll auf Fussball setzen könnten.

Pokale hat Lara Dickenmann schon sehr viele gewonnen – hier schultert sie jenen für den jüngsten Cupsieg mit Wolfsburg. Foto: Imago

Ist das realistisch?
Natürlich. Es gibt Vereine, die es sich leisten könnten, zwei Millionen Franken pro Saison in die Frauenabteilung zu investieren. Aber sie tun es nicht, es mangelt an Interesse. Und was halt auch wichtig ist: die Verpackung. Die Frauen des FC Zürich spielen im Heerenschürli. Nichts gegen diese Sportanlage. Aber wenn Bilder von dort gezeigt würden, sähe das nicht vorteilhaft aus. Eine Übertragung aus einem Stadion würde professioneller wirken, selbst ohne viel Publikum.

Das heisst, Sie wünschen sich mehr Aufmerksamkeit?
Es wäre sicher gerechtfertigt. Und um das Denken der Leute zu verändern, um Vorurteile abzubauen, muss man in ihre Köpfe eindringen. Das geht nur, indem sie etwas vom Frauenfussball mitbekommen.

Wann wussten Sie, dass Sie Profi werden wollen?
Als ich 2000 zum DFC Sursee kam, kannte ich die Welt des Frauenfussballs kaum. Davor hatte ich meistens mit Buben gespielt, und jeder sagte, er wolle Profi werden. Es war für sie der Traumberuf, also war es das auch für mich. Gleichzeitig war mir bewusst: So etwas gibts für Frauen ja gar nicht. Ausser damals in den USA. Für mich war das eine unerreichbare Dimension.

«Hat jemand mal gesagt, Vonn oder Gut müssten gleich schnell fahren wie die besten Männer?»

Sie schafften es doch. Was machte das Leben als Profiaus Ihnen?
Es hatte grossen Einfluss auf meine Persönlichkeit. Mit 18 ging ich nach Ohio, studierte dort am College und spielte Fussball. Ich lernte, selbstständig zu werden, und dank des Fussballs wurde ich auch selbstbewusster. Eine eigene Meinung hatte ich zwar immer, getraute mich aber lange nicht, diese auch zu äussern.

Als Juniorin?
Nicht nur, das war noch so, als ich mit 24, 25 in Lyon spielte. In diesem Verein waren Business und Glamour wichtige Faktoren, mit denen ich weniger anfangen kann. Mir gefiel es dort wegen des Fussballs, das Menschliche blieb manchmal auf der Strecke. In Wolfsburg empfinde ich es anders, obwohl der Sport natürlich auch hier ein Business ist. Aber es werden andere Werte gelebt.

Welche Werte sind Ihnen denn wichtig?
Ehrlichkeit, Loyalität, Offenheit. Ein Beispiel dafür, wie Offenheit in Wolfsburg gelebt wird, zeigt sich darin, dass die Captains aller VfL-Teams als Zeichen gegen jede Form der Diskriminierung eine Regenbogenbinde tragen. In einem Umfeld, in dem Toleranz gelebt wird, fühle ich mich wohl.

Vor einem Jahr machten Sie öffentlich, dass Sie lesbisch sind.
Es war eigentlich kein Coming-out. In einer TV-Dokumentation redete ich einfach darüber. Daraus wurde eine Coming-out-Geschichte gemacht. Ich bin inzwischen so weit, dass ich sage und tue, was ich will. Nicht das, was andere von mir hören und sehen möchten.

Die Amerikanerin Megan Rapinoe kritisierte US-Präsident Donald Trump öffentlich, sie warf ihm vor, die Gesellschaft zu spalten. Was löst das bei Ihnen aus?
Ich dachte: Das ist riesig! Stellen Sie sich vor: Es ist Trump! Das braucht extrem viel Mut. Rapinoe verdient dafür die grösste Anerkennung. Mit ihr spielte ich in Lyon zusammen. Sie ist eine coole Frau mit viel Energie, die mit ihrer Meinung auch damals nie zurückhielt.

Wenn Sie dereinst mit Fussball aufhören, sind Sie dann …
… safe?

Genau.
Nein. Ich könnte eine gewisse Zeit vom Ersparten leben, etwas weniger lang, wenn ich in der Schweiz wohne… (lacht). Aber ich will nicht klagen: Mit meinem Lohn bin ich sehr zufrieden.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie lesen, welche Ablösesummen und Löhne heute bezahlt werden?
Es wird immer absurder! Was für Summen für irgendwelche Spieler bezahlt werden… Als Ziné-dine Zidane 2001 für über 100 Millionen Franken von Juventus zu Real Madrid wechselte, dachte man: Das ist viel Geld, aber er ist immerhin Zidane, der Beste! Und heute? Kann ich nur den Kopf schütteln, wenn ich lese, für wen wie viel bezahlt wird. Ausserdem artet es in Menschenhandel aus, wenn ein Club einem anderen vorschlägt: Wir wollen deinen Spieler X, du bekommst von uns Y und Z. Wird der Spieler gefragt, ob er das will?


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 11.09.2019, 17:29 Uhr

Die Pionierin

Die Krienserin Lara Dickenmann ist die erfolgreichste Schweizer Fussballerin. Laurent Prince, der Technische Verbandsdirektor, bezeichnete sie gar als «Pionierin unseres Frauenfussballs». Die 33-Jährige wurde mit Sursee Meisterin und 2-mal Cupsiegerin. Mit Lyon gewann sie 7-mal die französische Meisterschaft, 4-mal den Cup und 2-mal die Champions League. Seit ihrem Wechsel 2015 zu Wolfsburg kommen 3 Meistertitel und 4 Cupsiege dazu. Dickenmann war 8-mal Schweizer Fussballerin des Jahres und nahm an der WM 2015 teil. Nach 135 Länderspielen und 53 Toren trat sie aus dem Nationalteam zurück. Nach einem Kreuzbandriss im Oktober 2018 gab sie am Samstag ihr Comeback in einem Wettbewerbsspiel mit Wolfsburg 1. Equipe und erzielte gleich ein Tor. (pmb)

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