Die Morddrohungen gegen den Referee

Fussballschiedsrichter Howard Webb (43) tritt nach 25 Jahren zurück. Der Engländer verdiente sich zumeist gute Noten, musste aber auch Tiefschläge verkraften.

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Irgendwann einmal im Leben ist einfach genug. Das hat sich auch Schiedsrichter Howard Webb gesagt und hängt die Pfeife an den Nagel. Der ehemalige Polizist aus Rotherham (Grafschaft Süd-Yorkshire) wird allerdings dem Fussball nicht gänzlich den Rücken kehren. Als technischer Direktor der englischen Referee-Vereinigung wird ihm die Arbeit nicht ausgehen, er wird sich zur Hauptsache um die Weiterbildung des pfeifenden Nachwuchses kümmern. «Ich freue mich sehr auf diesen Job. Meine Tätigkeit als Schiedsrichter hat mir sehr viel gegeben. Und es ist wichtig, dass andere nun von meinen Erfahrungen profitieren», erklärte Webb nach seinem Rücktritt.

Wie Pierluigi Collina (Übername: «Glatze Gnadenlos mit Röntgenaugen») gehörte Webb zu den berühmtesten glatzköpfigen Figuren auf dem grünen Rasen. Und wie der Italiener strahlte der Engländer eine natürliche Autorität aus. Die Profis hatten Respekt vor dem grossgewachsenen, athletischen Schiedsrichter, den der ehemalige englische Internationale Gary Lineker in seinem Tweet mit den Worten «Der Chief Whistleblower ist zurückgetreten. Ohne Zweifel einer der besten Referees unserer Zeit» bezeichnete. Webb war unabhängig, liess sich weder von berühmten Fussballern oder Trainern noch von einer lauten Kulisse einschüchtern. Er arbitrierte so, wie alle Fussballfans mit einem normalen IQ sich einen Unparteiischen wünschen: neutral, kompetent und so konsequent wie immer nur möglich.

Der Höllenritt von Johannesburg

Der Leistungsausweis von Webb ist beeindruckend: Über 500 Profimatches auf der Insel leitete der Umpire. Er pfiff an je zwei Weltmeisterschaften (2010 und 2014) und Europameisterschaften (2008 und 2012) und war in den Europacup-Wettbewerben stets präsent. 2010 war ein ganz spezielles Jahr für ihn: Als erster Ref überhaupt leitete er im gleichen Jahr den Final der Champions League (Inter - Bayern) sowie das WM-Endspiel in Südafrika (Spanien - Holland).

Das Duell zwischen dem späteren Weltmeister Spanien und Holland im Soccer City Stadium von Johannesburg gehörte allerdings definitiv nicht zu den Highlights seiner Schiedsrichterkarriere. Webb wurde nach diesem WM-Final stark kritisiert, vor allem, weil er derbe Fouls der Holländer nicht mit der Roten Karte bestrafte, sondern nur Gelb verteilte. Der Kung-Fu-Tritt von Nigel de Jong gegen die Brust von Xabi Alonso sowie die Attacke von Mark van Bommel gegen Andreas Iniesta hätten mit einem Platzverweis sanktioniert werden müssen. Nach diesem überaus hart geführten Kampf mit 14 verteilten Karten (acht für Holland, fünf für Spanien) bezeichnete der Schiedsrichter das Spiel als «Höllenritt mit den schwersten Momenten meiner Laufbahn». Webb zeigte sich nach diesem schwierig zu leitenden Spiel selbstkritisch: «Nachdem ich die Aktion von De Jong immer wieder angeschaut habe, ist mir klar geworden, dass es eine rotwürdige Aktion war.»

Die heftigen Reaktionen aus Polen

Zwei Jahre zuvor an der EM in Österreich hatte Webb schon heikle Momente zu überstehen. Im Gruppenspiel zwischen dem Gastgeber und Polen pfiff der Engländer einen Penalty für Österreich, das damit zum 1:1 ausgleichen konnte. Es folgte eine Welle von Reaktionen aus Polen, die mehr als nur diffamierend waren. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk erklärte tags darauf erzürnt: «Als Regierungschef sollte ich mich gemässigt ausdrücken, aber gestern hätte ich ihn gerne getötet. Sie wissen, wen ich meine.»

Auch die Landsleute von Tusk reagierten teilwiese auf beschämende Weise im Internet. Eine Fotomontage zeigte, wie Fans den Ref auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Eine andere wiederum, wie der Schiedsrichter Geldnoten kassiert. Es entstand ein Fahndungsplakat mit einer Kopfgeldsumme für Webb. Der Schiedsrichter liess sich nach den Morddrohungen im Netz nicht einschüchtern. «Für mich war der Penalty eine klare Sache. Mein einziger Fehler war, dass ich ein Offsidegoal der Polen anerkannt habe.» Die eindrückliche Filmdokumentation «Referees at Work», bei der eine Reihe von Schiedsrichterteams – darunter auch jenes des Tessiners Massimo Busacca – während der Euro 2008 begleitet wurden, behandelt die Folgen von Webbs Penaltypfiff.

Humor spielt in England eine bedeutende Rolle. Er ist auch in der Familie Webb allgegenwärtig. Als Ehefrau Kay vor vier Jahren hörte, dass ihr Gatte gleich zwei bedeutende Finals pfeifen würde, sagte sie trocken: «Er kann ja nicht einmal seine drei Kinder kontrollieren. Ich weiss nicht, wie er das auf einem Fussballplatz hinkriegt.»

Erstellt: 07.08.2014, 15:12 Uhr

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