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Die Olympiastadt Sarajevo und das, was immer bleiben wird

Die Erinnerungen an die Winterspiele in Ex-Jugoslawien sind noch frisch. Getrübt werden sie aber von Elend und Zerstörung.

Es ist so Schreck­liches passiert dazwischen, in den Neunziger­jahren, Sarajevo im Krieg, mit all den Gräueltaten und den Bildern von verängstigten Kindern und heulenden Müttern aus der belagerten und zerstörten Stadt, dieses Elend mit Familien, die getrennt werden mussten, dieser Terror mit den vielen Toten. Allabendlich in der Tagesschau.

Und jetzt sehe ich in einem deutschen Magazin eine Reportage, «Grüsse aus Sarajevo» ist der Titel, sie beschreibt und zeigt, wie die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina ihren ­Frieden gefunden hat. Mit Fotos von jungen Leuten, die in den Strassen fla­nieren, einige tragen Kopftücher, ein Bild im Abendlicht aus der Altstadt mit Tischen vor den vielen Bistros, die Leute trinken türkischen Mokka.

Auf einem Bild fährt eine Kutsche durch einen idyllischen Park, auf einem anderen sieht man einen Handwerker im Basar, der Figuren aus Kupfer hämmert, zufrieden sieht er aus, ganz in seine Arbeit versunken. Nur eines erinnert in der Reportage an diesen irrsinnigen Krieg, eine Aufnahme mit einer Frau in einem langen Kleid und einer schicken Tasche, sie spaziert auf einem steinigen Boden.

Künstler haben an mehreren Orten in der Stadt, an denen Menschen durch Granaten gestorben sind, die Einschlagspuren mit rotem Harz aus­gegossen, die «Rosen von Sarajevo» sollen daran erinnern, wie allgegenwärtig der Tod damals war. Die Frau im langen Kleid schaut nicht auf den Boden, sondern nach vorne. Als wolle sie nicht daran denken oder es verdrängen.

Sarajevo im Frieden, und es kommen die Erinnerungen an den Februar 1984 und diesen Tag, als die Olym­pischen Winterspiele begannen, die ersten in einem sozialistischen Staat und auf dem Balkan, mitten im da­maligen Jugoslawien. Als Spiele der Hoffnung wurden sie gesehen.

Ich sass während der Eröffnungsfeier in einem Café im orientalischen Basarviertel, «Jasmin» hiess es, und Google sagt mir, dass es in der Stadt auch heute noch ein Restaurant mit diesem Namen gibt. Viele Leute, vor allem junge, trafen sich damals an den Holztischen, sie lachten und plauderten und tranken, es war laut und entspannt, an der Wand hing, wie fast überall damals, ein Bild des verstorbenen Staatschefs Tito, ein Fern­seher lief, schwarzweiss die Bilder, aber niemand sah hin, Olympia ­in­teressierte in diesem Café kaum ­jemanden, jugo­slawische Volksmusik schepperte aus einem Lautsprecher. Friedlich war es.

Sarajevo, die Stadt mit den ­Moscheen, Kirchen und Synagogen schien ein Sinnbild des multiethnischen Zusammenlebens, und die Erinnerung an die Spiele mit dem vielen Schnee, der immer wieder über Nacht gefallen war und das olympische Programm durcheinanderbrachte, ist eine schöne. Die Reportage im Magazin mit den Bildern aus dem heutigen Sarajevo führte das alles wieder vor Augen.

Aber eben, dazwischen war dieser Krieg, und ein Reporter, der die Stadt kürzlich besuchte, schrieb danach, die Hügel rund um Sarajevo, auf denen damals auch die alpinen Skirennen stattfanden, würden bei jedem Wetter so aussehen, als hätte es frisch geschneit. Doch nicht Schnee reflektiere das Sonnenlicht, sondern es seien die Grabsteine von Tausenden, die erschossen, von Granatsplittern getroffen oder auch verhungert seien. Die Daten auf diesen Steinen haben alle die gleichen Zahlen: 1992, 1993, 1994 oder 1995.

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