Die Petkovic-Frage

Bevor in Dänemark der Endspurt in der EM-Quali beginnt, hängt auch dieses Thema in der Luft: Soll es ab Sommer 2020 mit Petkovic weitergehen?

Wie lange gibt Vladimir Petkovic noch die Richtung vor? Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Wie lange gibt Vladimir Petkovic noch die Richtung vor? Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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Als die Schweiz letztes Jahr zur WM nach Russland reiste, tat sie das als Nummer 6 der Welt und voller Euphorie. Nationalcoach Vladimir Petkovic erklärte ungewohnt forsch: «Wir sind mit dem Achtelfinal nicht zufrieden.» Die Schweiz kehrte als Achtelfinalist heim und mit einer Menge Ärger.

Am Samstag tritt sie in der EM-Qualifikation als Nummer 11 der Welt in Dänemark an. Damit hält sie sich weiterhin achtbar, zumal hinter ihr die beiden vierfachen Weltmeister Italien und Deutschland liegen. Das Leichte und Unbeschwerte umweht sie trotzdem nicht. Sie fühlt sich in diesen Tagen nicht getragen, wie sie sich das wünschen würde, auch nicht von den Medien. Goalie Yann Sommer hat jüngst in dieser Zeitung gesagt: «Ein Achtelfinal an einer WM wird heute in der Schweiz als selbstverständlich angesehen.»

Kopenhagen ist Zwischenstation auf dem Weg an die nächste Endrunde. So zumindest haben es die Schweizer in dieser EM-Qualifikation geplant, weil sie den Anspruch haben, dass die Teilnahme an einer WM oder wie nächsten Sommer an einer EM schon fast Pflicht ist – besonders in einer Gruppe mit dem früheren Europameister Dänemark, dem bescheidenen Irland, dem Aussenseiter Georgien und dem Fussball-Exoten Gibraltar.


Bildstrecke: Petkovic will eine mutige Schweiz sehen in Kopenhagen


«Die Ansprüche steigen mit dem Erfolg», hat Sommer auch festgestellt. Die Schweizer reden schon lange von diesem berühmten nächsten Schritt, den sie machen möchten, von einem Viertelfinal. Dreimal sind sie zuletzt nahe dran gewesen, 2014, 2016 und 2018. Gegen Argentinien schieden sie im Achtelfinal nach heroischem Kampf aus, gegen Polen im Elfmeterschiessen, gegen Schweden sang- und klanglos.

Gerade ihr Spiel gegen Schweden hat die Diskussion befeuert: Wie gut sind die Schweizer Fussballer? Besitzen sie so viel Qualität, wie sie selbst finden? Qualität betrifft nicht nur das Spielerische, sondern vor allem auch das Mentale. Das sei der Unterschied zwischen einer grossen Mannschaft und einer Mannschaft, die gross sein wolle, sagte Valon Behrami einmal, der inzwischen ermattete Fussballkrieger.

Kein leichter Partner

Vladimir Petkovic führte die Schweiz zweimal an eine Endrunde. Und diesen Sommer an die Final Four der Nations League. Das ist respektabel für einen, der nicht erste Wahl war, um im August 2014 auf Ottmar Hitzfeld zu folgen. Das war Marcel Koller. Doch Koller blieb damals lieber Coach von Österreich. Schliesslich hiess die Wahl: Petkovic von Lazio Rom oder Pierluigi Tami von der U-21?

Petkovic bekam den Zuschlag, weil die Mehrheit der Verbandsfunktionäre glaubte, mit seinen Wurzeln in Sarajevo passe er zu einer Mannschaft, die inzwischen von Spielern vom Balkan geprägt wird. Die Rechnung der Funktionäre ist nicht so leicht aufgegangen. Das Bosnische Petkovics ist nicht kompatibel mit dem Albanischen diverser Spieler, mit Xhaka und Shaqiri redet der Coach Deutsch, mit Behrami und Dzemaili tat er es früher auf Italienisch. Die gemeinsame Herkunft vom Balkan hat die Eskalation im Verhältnis von Petkovic mit Behrami und Shaqiri auch nicht verhindert.

Sozialkompetenz ist Petkovic nachgesagt worden, weil er früher im Tessin für die Caritas gearbeitet hatte. Er hat es als Nationaltrainer trotzdem nie versäumt, auf den eigenen Vorteil zu schauen. Auf eine Million Franken hat sich sein Jahressalär beim Verband eingependelt, von Hauptsponsor Credit Suisse erhält er dazu einen Betrag von etwas mehr als 100'000 Franken jährlich.

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Der 56-Jährige ist kein leichter Partner. Er hat eine charmante Seite, wenn er irgendwo für einen Sponsor einen öffentlichen Auftritt hat. Aber er hat auch das Bockige, Unbelehrbare, Stolze, das sein eigenes Verständnis von Hierarchie gefördert und ihn beratungsresistent gemacht hat. Umso erstaunlicher ist, dass er in den letzten Wochen mit Roman Bürki, Stephan Lichtsteiner und Xherdan Shaqiri gleich drei Spieler besuchte, um mit ihnen über ihre Situation zu sprechen. Das ist etwas, worauf er zuvor gerne verzichtet hatte.

Pierluigi Tami, der neue Direktor des Nationalteams, darf für sich in Anspruch nehmen, ihn dazu gebracht zu haben. Tami ist am 1. Juli in dieses Amt gewählt worden. Auch als Direktor war er nicht erste Wahl oder nicht einmal zweite, das waren andere, Christoph Spycher, Alain Sutter oder Peter Knäbel. Jetzt ist es jedoch am stillen Tessiner, die Zukunft des Nationalteams vorzubereiten. Dabei heisst die zentrale Frage: Weiter mit Petkovic oder nicht?

Alles offen

Petkovics Vertrag läuft am Ende dieser Qualifikation aus, das heisst: entweder im November oder allenfalls im März nach den Playoffs der Nations League. Diese Playoffs sind für die Schweiz die Hintertür, falls sie in den letzten vier Qualifikationsspielen in Dänemark, gegen Irland, gegen Georgien und in Gibraltar nicht mindestens den zweiten Gruppenplatz erreicht.

Schafft sie es an die EM, ist die Vereinbarung mit Petkovic automatisch bis zum Ende der Endrunde gültig. Für die Zeit danach ist, Stand jetzt, alles offen.

Der neue Verbandspräsident Dominique Blanc hielt im September im «SonntagsBlick» fest: Die Verlängerung mit Petkovic sei «im Moment einfach kein Diskussionsthema». Es ist schon fast eine markige Aussage für einen Funktionär, der bislang als Chef der Amateurliga eher in Bubendorf daheim war als in Basel.

Sechs Jahre wäre Petkovic im kommenden Sommer der Coach, das ist eine lange Zeit.

Köbi Kuhn war sieben Jahre Nationaltrainer, es war danach genug für alle. Ottmar Hitzfeld war es sechs Jahre, es war genug für ihn. Petkovic ist es jetzt fünf Jahre, und wenn der Verband zum Schluss kommt, den Vertrag nicht mehr zu verlängern, macht er nichts falsch – selbst dann, wenn sich Petkovic mit der Schweiz für die dritte Endrunde in Folge qualifiziert. In dem Fall könnten sich die beiden Parteien erst recht im Guten trennen.

Sechs Jahre wäre Petkovic im kommenden Sommer der Coach, das ist eine lange Zeit. Es ist eine Zeit, in der er nie zum Mann des Volkes geworden ist wie Kuhn, nie so respektiert worden ist wie Hitzfeld. Petkovic erzählt zwar gerne, wie wohlwollend er begrüsst werde, wenn er irgendwo auftrete. Das Distanzierte haftet ihm trotzdem an. Und da ist eben auch immer wieder das Gerede, dass er Agenten seit einem Jahr Ausschau danach halten lasse, um für ihn einen anderen Arbeitsplatz zu finden. Italiens Serie A läge ihm, dem Wahl-Tessiner, besonders nahe.

Einer à la Klinsmann?

Falls es mit Petkovic nicht weitergeht, wer könnte auf ihn folgen? Bodenständige reden von Urs Fischer; Abenteurer von Lucien Favre, auch wenn der sich vor sechs Jahren selbst aus der Diskussion nahm, weil ihm als Nationalcoach der tägliche Kontakt zu den Spielern fehlt; Fantasten reden von Martin Schmidt, der sich in der Bundesliga noch nicht gerade als grosser Taktiker erwiesen hat. Oder da ist Jürgen Klinsmann, der sich beim Verband gleich selbst schon ins Gespräch bringen liess.

Mit Klinsmann der Aufbruch in der Schweiz wie einst in Deutschland? Mit Petkovic das Festhalten am Bekannten? Es müsste nicht gleich Klinsmann sein. Aber etwas anderes, etwas Neues, etwas Frisches, das könnte der Nationalmannschaft und ihrem Ansehen guttun.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 12.10.2019, 08:37 Uhr

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