«Die Schiedsrichter sind froh um den VAR»

Nur ein gravierender Fehler in 50 Spielen mit dem Video Assistant Referee. Das ist die erste Bilanz der Swiss Football League nach zehn Runden.

Die Swiss Football League zieht nach zehn Runden eine Bilanz zum Video Assistant Referee (VAR.)

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Es ist laut und hektisch. «Second leg! Second leg!» Ein Durcheinander von vier verschiedenen Stimmen ist zu hören, während die betreffende Szene auf Bildschirmen aus diversen Kamerapositionen zu sehen ist. Schnelle Entscheide. Klares Eingreifen. Dauernde Kommunikation. Das ist der ganz normale Wahnsinn im Video Operation Room in Volketswil an einem Spieltag seit der Einführung des Video-Schiedsrichters vor drei Monaten. Der VAR, da ist man sich in der Swiss Football League (SFL) inzwischen einig, ist definitiv eine grosse Hilfe für den Schiedsrichter. Und wenn es einer weiteren Bestätigung brauchte, die letzten Zahlen haben sie geliefert: Die Technologie, genauer gesagt die Einführung des Video Assistant Referee – kurz VAR – hat den Schweizer Fussball bisher fairer gemacht.

Eine erste Bilanz nach zehn Runden in der höchsten und zweithöchsten Spielklasse ergab in 50 bisher ausgetragenen Partien total 314 Checks (47 % Goal Entscheidungen, 30 % Penalty Decisions und 23 % Checks bei Karten). Das sind durchschnittlich sechs Überprüfungen pro Spiel. Die Schiedsrichter nutzten in 2,8 Spielen im Schnitt die Möglichkeit, sich eine strittige Szene im Review am Spielfeldrand noch einmal anzuschauen. Das war in 50 Partien 18 Mal der Fall. Nachkontrolliert wurden 10 Goal-Situationen und dabei wurden sechs Treffer wegen einer Abseitsposition aberkannt. Von sieben nachträglich beurteilten Penaltyszenen waren sechs richtig, lediglich ein Elfmeter wurde nach der Betrachtung des Refs am Bildschirm annulliert.

15 Fehlentscheide konnten durch die Checks im Video Operation Room (VOR) korrigiert werden. Ein Fehler – der eingangs erwähnte – ging in Volketswil allerdings unter und erhitzte die Gemüter der Beteiligten und Fans. «Der hat weh getan», gibt Hellmut Krug, Projektleiter Schiedsrichter, zu. Bei der 0:4-Niederlage des FCZ im September in Basel traf FCB-Spieler Kevin Bua nach 50 Minuten zum vorentscheidenden 2:0, obwohl er nur wenige Sekunden zuvor Simon Sohm rüde mit offener Sohle von hinten attackiert hatte. Zum Erstaunen aller ahndete Ref Alain Bieri das brutale Einsteigen nur mit Gelb. Und warum hat der VAR nicht interveniert? «Das war ein Fehlentscheid», sagte Krug gegenüber den Medien, «denn das war eine klare Rote Karte. Aber der VAR legte sich zu früh fest und kam nicht mehr aus der Situation heraus.»

Es soll keinen Godi Dienst mehr geben

Ansonsten zeigt sich der ehemalige Spitzenreferee zufrieden. «Wir sind noch in der Anfangsphase und haben sicher noch nicht das ganze Potenzial ausgeschöpft.» Der VAR gäbe aber den Schiedsrichtern ein gutes Gefühl und bewahre sie vor krassen Fehlentscheiden. «Der Druck ist geringer geworden, mit einem einzigen groben Fehler für ein Leben lang ‹berühmt› zu werden», so Krug und nennt das Beispiel Godi Dienst, der mit seinem «Wembley-Tor» 1966 immer in Erinnerung blieb – nicht positiv.

Reto Häuselmann, Gesamtprojektleiter VAR, ist nach 50 Spielen mit dem Video-Schiedsrichter zufrieden.

Schiedsrichter-Chef Daniel Wermelinger gibt der Startphase die Note gut bis sehr gut. Als Gründe nennt er die gut ausgebildeten Unparteiischen, ein klares Konzept und die Zurückhaltung in den Eingriffen. Die Tatsache, dass man nur sechs Kameras in den Stadien hat, sieht er als Vorteil an. Zu viele Einstellungen würden nicht automatisch zu klareren Entscheidungen führen. Nicht vermisst wird indes eine Linie für Offside-Ansichten, auf die die Liga ursprünglich aus finanziellen Gründen verzichtet. «Wir können gut darauf verzichten», so Krug, «zumal die Technik noch nicht ausgereift ist.»

Ein Marathon und kein Sprint

Verzichten müssen die Zuschauer in den Stadien weiterhin auf mehr Information. Noch haben nicht alle Screens in Schweizer Stadien die nötige Qualität, um die Grafiken einzublenden. «Zudem bräuchte es circa 220 Grafiken, um alles einspielen zu können. Das geht nur über eine Software», so Reto Häuselmann und das sei eine teure Angelegenheit. Aber auch der Gesamtprojektleiter VAR ist zufrieden mit den ersten drei Monaten. «Die IFAB (International Football Association Board) und die Fifa schauen uns genau auf die Finger, aber bisher gab es keine Beanstandungen», sagt Häuselmann, «sondern nur positive Feedbacks und Komplimente aus ganz Europa.» Aber Häuselmann tritt auch auf die Euphorie-Bremse: «Wir haben erst 50 Spiele geschafft. Das Projekt ist aber ein Marathon und kein Sprint.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 17.10.2019, 16:38 Uhr

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