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Die Schweiz gegen die Grossen

Bei der Auslosung zur Gruppenphase der WM 2018 droht der Schweiz ein Top-Gegner. Das muss nichts Schlechtes bedeuten, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt.

Es ist so weit. Die WM-Auslosung steht an und damit die Gewissheit, gegen wen die Schweizer Nationalmannschaft in Russland um den Einzug in die Achtelfinals kämpfen wird. Aufgrund der Platzierung in der Weltrangliste landet die Schweiz für die Auslosung in Topf zwei, das heisst: Die Chancen, einen der ganz grossen Gegner in der Gruppe zu haben, sind sehr gross. Topf 1 besteht aus Titelverteidiger Deutschland, Gastgeber Russland, Argentinien, Brasilien, Portugal, Belgien, Frankreich und Polen. Das sieht auf den ersten Blick bei manchem Gegner beunruhigend aus, doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Die Schweizer müssen sich vor den Schwergewichten des Weltfussballs nicht verstecken

WM 1954: Viertelfinal trotz speziellem Modus

Noch heute wird die Geschichte von 1954 Kindern, Enkeln und Urenkeln erzählt. Kein Wunder: Nach 1934 und 1938 ist es das letzte Mal, dass die Schweizer Nationalmannschaft zu den besten acht der Welt gehört. Begünstigt natürlich durch die Situation, dass es keine Achtelfinals gab. Trotzdem: Sich in einer Gruppe gegen das Mutterland des Fussballs England und den zweifachen Champion Italien (und Belgien) auf Platz zwei zu behaupten, ist nicht ohne.

Vor allem die zwei Siege gegen Italien lassen sich sehen. Zwei Siege? Genau, der Modus der WM 1954 war einiges komplexer als heute. 16 Teilnehmer bildeten vier Gruppen à vier Teams, davon zwei gesetzt (Italien und England) und zwei ungesetzt (Schweiz und Belgien), welche nicht gegeneinander spielen mussten. So entfiel für die Schweiz das Spiel gegen Belgien, sie musste nur gegen Italien und England ran.

Weil die Schweiz und Italien am Schluss gleich viele Punkten hatten, musste ein Entscheidungsspiel her. Die Schweiz gewann 4:1 und zog in den Viertelfinal ein. Dort folgte ein Spiel, das zur Legende wurde: die Hitzeschlacht von Lausanne. Die Schweiz traf auf Österreich, ging 3:0 in Führung und verlor 5:7. Bis heute ist das das torreichste Spiel einer WM-Endrunde.

WM 1966: Die Hammergruppe

Es gibt sie bei jeder WM, bei jeder EM und auch in der Champions League. Die Hammergruppen, ein bisschen gar martialisch oft als Todesgruppe bezeichnet. Bisher hatte die Schweiz meist Glück, doch England 1966 bildet eine Ausnahme. Der Schweiz wird eine Gruppe zugelost, die heute gar nicht mehr möglich wäre, da sich alle Mannschaften im Topf 1 oder 2 befinden: Deutschland, späterer Finalist, mit Kaiser Franz Beckenbauer, Argentinien und Spanien. Die Schweiz ist klarer Aussenseiter.

Und als wäre das nicht schon genug schlimm, sorgt die Nationalmannschaft noch vor dem ersten Gruppenspiel auf einem Nebenschauplatz für Aufsehen. Köbi Kuhn, Werner Leimgruber und Leo Eichmann verlassen das Hotel in Sheffield nach dem Abendessen und kehren erst spät wieder zurück. Zwei Frauen seien bei der nächtlichen Ausfahrt dabei gewesen, die legendäre «Nacht von Sheffield» ist geboren. Kuhn, Leimgruber und Eichmann werden für das Spiel gegen Deutschland suspendiert, die Schweiz verliert es 0:5. Kuhn brodelt, Eichmann erzählt Jahre später, dass ihm die Geschichte den Transfer zur AC Milan gekostet hat. Aber Eichmann sagt auch: «Es ärgert mich bis heute, dass wir diesen Seich gemacht haben.»

Die Schweiz verliert 1:2 gegen Spanien und muss vier Tage später nach dem 0:2 gegen Argentinien die Heimreise antreten. Kuhn und Eichmann dürfen gegen die Gauchos wieder mittun, es wird aber ihr letztes WM-Spiel, erst 28 Jahre später qualifiziert sich die Nationalmannschaft wieder für eine WM. Einem grossen Gegner geht sie in der Gruppenphase 1994 aus dem Weg.

WM 2006: Der Auftakt zum Rekord

Die Euphorie ist gross im Land, als sich die Schweiz nach zwei verpassten Endrunden (1998 und 2002) endlich wieder für eine WM qualifiziert. Und dann noch dieser Gegner zum Start: Der Nachbar aus dem Westen, Frankreich. Zidane, Henry, Vieira. Was für eine Affiche. Und die Schweiz präsentiert sich für Frankreich, das sich nach dem Vorrunden-Out von 2002 rehabilitieren will, nicht etwa als Aufbaugegner. Nein, die Männer in Weiss spielen munter mit. Und kommen zu Chancen: Frei lenkt einen Barnetta-Freistoss an den Pfosten, Gygax scheitert freistehend vor Barthez. Weil es aber die Franzosen nicht besser machen, steht es auch noch 0:0, als Ludovic Magnin einen Freistoss zur Mitte treten darf.

Der Ball fliegt scharf an Freund und Feind vorbei, geradewegs auf den Kopf von Johan Djourou, der Sieg scheint für Sekundenbruchteile möglich. Wäre da nicht Alex Frei, der in Superman-Manier in die Flanke hineinspringt und den Ball mit der Hand noch über den Kopf Djourous hinweg lenkt. Alain Sutter, damals noch mit klassischer blonder Mähne im SF-Studio kanns nicht fassen. «Es wäre alles aufgegangen», hadert er, «aber auch wirklich alles.»

Was er da noch nicht weiss: Die Nationalmannschaft schlägt Togo und Südkorea und zieht als Gruppensieger in die Achtelfinals ein. Dort wartet die Ukraine mit Superstar Andrei Schewtschenko. Was folgt, lässt die Stimmung vom Dachstock in den Keller fallen. 0:0 nach Verlängerung, das Züngeln von Streller, das Zittern der Latte nach dem Penalty von Barnetta, und dann verschiesst auch noch Cabanas. Ein Spiel mit einem denkwürdigen Ende, das der Schweiz gleich zwei Rekorde einbringt, einen rühmlichen und einen weniger rühmlichen: Noch nie schied eine Mannschaft ohne WM-Gegentor aus. Und noch nie erzielte eine Mannschaft an einer WM im Penaltyschiessen kein Tor.

WM 2010: Der Moment des Gelson Fernandes

Der 16. Juni 2010, kurz nach 17.00 Uhr, Tatort: Durban, Ostküste Südafrikas. Ein Mann mit weissem Trikot rennt mit weit aufgerissenen Augen Richtung Eckfahne im Moses-Mabhida-Stadion, ein Pulk von gleich gekleideten Männern folgt ihm, begräbt ihn unter sich. Der Mann heisst Gelson Fernandes, oder «Geilson», wie ihn der «Blick» am Tag darauf benennt, und hat vor wenigen Sekunden das Tor seines Lebens erzielt. Sein zweites und bisher letztes für die Schweizer Nationalmannschaft.

So manch ein Zuschauer will es nicht recht glauben, schliesslich steht der Europameister gegenüber und das Spiel dauert noch 40 Minuten. Doch tatsächlich: Nach 90 Minuten eiserner Gegenwehr gegen die Passkünstler aus Spanien steht die Schweiz als Sieger der Partie fest, Fernandes’ Tor bleibt das einzige. Den Gruppenfavoriten geschlagen, die vermeintlich leichteren Gegner noch vor sich: Kann es eine bessere Ausgangslage geben? Nein, kann es nicht. Und kann man diese tatsächlich ungenutzt lassen? Ja, kann man. Die Schweiz verliert gegen Chile, spielt 0:0 gegen Honduras und scheidet aus. Und Spanien? Für die «Furia Roja» ist das Spiel ein Betriebsunfall, sie wird trotzdem Weltmeister.

Der grösste Moment in Fernandes' Nationalmannschaftskarriere. Quelle: Youtube

WM 2014: Das Debakel gegen die Franzosen

Nach einem 2:1-Sieg im Startspiel gegen Ecuador folgt am 20. Juni das Spiel gegen Gruppenkrösus Frankreich. «Wir wissen, dass wir besser spielen können als gegen Ecuador», ist sich Diego Benaglio sicher und Abwehrchef Steve von Bergen kündigt an: «Wir haben keine Angst, vor niemanden.» Nun, es kommt anders. Bereits nach einer Halbzeit müssen sich die Schweizer fühlen wie in einem Albtraum. Von Bergen muss verletzt raus, nach 17 Minuten trifft Giroud, eine Minute später Matuidi, 0:2.

Noch vor der Pause sorgt Valbuena für die Vorentscheidung. Immerhin, einen Lichtblick gibts: Benaglio pariert einen Penalty von Benzema. Ändern am Ausgang des Spiels tut es aber nichts, Benzema und Sissoko lassen keinen Zweifel daran offen. Die Tore von Dzemaili und Xhaka zum 2:5 sind nur noch – wie sagt es der Fussballjargon so schön? – Resultatkosmetik. Fünf Gegentore, die Schweiz am Boden, dabei hat sie sich so viel vorgenommen. Für den Achtelfinal qualifiziert sich die Mannschaft dann doch noch. Drei Shaqiri-Tore gegen Honduras kehren die Stimmung im Land um 180 Grad, machen die Nacht zum Tag und bringen ein Duell mit Argentinien ein.

Viel vorgenommen, nichts gewonnen. Das Debakel gegen Frankreich. Quelle: Youtube

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