Und Schmeichel fliegt

Die Schweiz ist in Dänemark überlegen, erhält aber erneut kurz vor Spielende ein Gegentor – und verliert 0:1. Jetzt braucht sie drei Siege.

Die Schweiz kassiert gegen Dänemark spät den Gegentreffer durch Yussuf Poulsen. (Video: SRF)

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Im Parken-Stadion brechen die letzten zehn Minuten an, 0:0 steht es zwischen bescheidenen Dänen und über weite Strecken souveränen Schweizern. Doch nun kommt jene Schlussphase, in der die Schweiz 2019 so viele Gegentore erhalten hat: drei gegen Dänemark im März beim 3:3, zwei im Final-Four-Halbfinal im Sommer gegen Portugal (1:3), eines vor einem Monat in Irland (1:1).

Hier in Kopenhagen hatten die Schweizer knapp eine Stunde lang vieles im Griff. Sie waren mutig und überlegen und spielfreudig, und dass sie danach ein wenig nachgelassen haben, muss noch nichts Schlechtes bedeuten. Noch immer ist Yann Sommer nicht ernsthaft geprüft worden.

Doch dann ist der Schweizer Torhüter auf einmal geschlagen. Christian Eriksen hat seinen besten Einfall des Abends, der wunderbare Pass von links entblösst die zuvor so stabile Defensive der Gäste. Kevin Mbabu ist zu zögerlich, Fabian Schär verlässt seine Position im Zentrum, Ricardo Rodriguez schaltet zu wenig schnell um, und es ist Yussuf Poulsen, der fast von der Mittellinie aus alleine aufs Tor ziehen darf. Er hat viel Zeit, um sich zu überlegen, was er mit der Grosschance anstellen will. Poulsen bleibt kühl, er schiebt den Ball an Sommer vorbei zum 1:0.

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Poulsens Tor fällt in der 84. Minute. Es ist das Tor, welches die bittere Niederlage der Schweizer in Dänemark besiegelt. Erneut haben sie, wie Yann Sommer sagt, die Konzentration nicht über die gesamte Spielzeit auf höchstem Level halten können. «Dass wir hier verlieren, das ist Wahnsinn», sagt er. «Und es ist total unnötig, weil wir mit dem einen Punkt am Ende hätten zufrieden sein müssen, nachdem wir vorher so viele Chancen vergeben haben.»

Ein 0:0 wäre ein ordentliches Resultat für die Schweizer gewesen, selbst wenn auch das zwei verlorene Punkte bedeutet hätte in einer Partie, in der sie lange Zeit schwungvoll agierten und den erstaunlich harmlosen Gastgeber dominierten. Vladimir Petkovic hatte mit der Nomination von Admir Mehmedi anstelle von Remo Freuler überrascht. Der Trainer stellte sein Team in einem variablen, offensiven 3-4-3-System auf – und die Spieler gut auf den Gegner ein. Die Schweiz ist aggressiv, sie ist auch kombinationssicher, zielstrebig, selbstbewusst.

Das Umschaltspiel funktioniert, Granit Xhaka und Denis Zakaria beherrschen das Zentrum, vorne bieten sich bald erste Chancen. Beispielsweise nach einer Viertelstunde, als Xhaka von der Strafraumgrenze mit links platziert schiesst, draussen an der Seitenlinie jubelt Petkovic schon, verwirft dann aber die Hände über dem Kopf. Kasper Schmeichel fliegt durch die Luft und lenkt den Ball spektakulär an die Latte. Es ist nicht das letzte Mal an diesem kalten, windigen Abend in Kopenhagen, dass die Schweizer am Teufelskerl im dänischen Tor verzweifeln.

Petkovic spricht von einer «harten Niederlage»

In der 34. Minute pariert Schmeichel eine feine Direktabnahme Mehmedis mit einem prächtigen Reflex, und auch kurz nach der Pause bringt er eine Hand gerade noch an einen harten Abschluss von Ricardo Rodriguez. Kurz zuvor vergab Mehmedi alleine vor dem Tor aus 16 Metern seine zweite ausgezeichnete Gelegenheit mit einem zu hohen Schuss. Auf den Rängen im ausverkauften, stimmungsvollen Parken sind nun gar Pfiffe der einheimischen Besucher zu vernehmen.

Vier erstklassige Möglichkeiten boten sich den Schweizern, aber sie haben sich für ihren couragierten Auftritt nicht belohnt. «Unsere Chancenauswertung war schlecht», sagt Petkovic. «Wir hätten zwingend ein Tor erzielen müssen. Leider haben wir dann einmal nicht aufmerksam verteidigt.» Er spricht von einer «harten Niederlage», aber auch davon, dass seine Mannschaft sehr vieles richtig gemacht habe.

Weil Poulsen die Schweizer kurz vor Spielende für ihre Ineffizienz bestraft, steht Petkovics Auswahl nun am Dienstag im Heimspiel in Genf gegen Irland stark unter Druck. Es bringt ihr nichts mehr, dass es ihr am Samstagabend gelang, Christian Eriksen grösstenteils aus dem Spiel zu nehmen.

Eine geniale Idee genügte dem Regisseur Dänemarks, um den schmeichelhaften Sieg seines Teams einzuleiten. Und niemand interessiert sich noch dafür, dass die Schweizer die reifere Spielanlage präsentierten und im Duell zweier WM-Achtelfinalisten den deutlich stärkeren Eindruck hinterliessen. «Wir stehen mit leeren Händen da», sagt Petkovic, «und das haben wir nicht verdient.»

Mit drei Siegen ist die Schweiz sicher an der Euro 2020

Dabei hatte der Spieltag für die Schweizer gestern mit einer erfreulichen Nachricht begonnen. Irland war in Georgien – wie die Dänen im September – nicht über ein 0:0 hinausgekommen. Das könnte im Kampf um die ersten zwei Plätze in der Gruppe D noch von Relevanz sein, wobei der Fahrplan für die Schweiz ziemlich einfach ist: drei Siege gegen Irland, gegen Georgien und in Gibraltar – und die EM-Qualifikation ist gesichert.

Das hört sich nicht nach einer riesigen Herausforderung an für eine Mannschaft, die sich darüber definiert, an grossen Turnieren die Achtelfinals überstehen zu wollen. Nach den Rückschlägen in den letzten Monaten allerdings ist die Situation für sie auch zur mentalen Belastung geworden. Zumal verschiedene Nebenschauplätze um den kommunikativ zweifelhaften Trainer und um beleidigte Schlüsselspieler für eine negative Grundstimmung sorgen.

Und richtig kompliziert wird es, wenn es gegen Irland in zwei Tagen erneut nur zu einem Unentschieden reicht. Yann Sommer sagt, er sei überhaupt nicht an Rechnereien interessiert. «Wichtig ist jetzt einzig, dass wir am Dienstag die Iren bezwingen.» Sonst stehen den Schweizern sehr ungemütliche Wochen bevor.



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Erstellt: 13.10.2019, 08:30 Uhr

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