Die Uefa kettet sich an Michel Platini

Die Europäische Fussballunion verpasst es, einen valablen Kandidaten für das Fifa-Präsidium aufzubauen.

Platini nimmt mit zehn Jahren Verspätung 2 Millionen an. Und nun soll gerade er für Transparenz sorgen?

Platini nimmt mit zehn Jahren Verspätung 2 Millionen an. Und nun soll gerade er für Transparenz sorgen? Bild: Walter Bieri/Keystone

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Eine gewisse Komik hat das Ganze auch: Da beruft die Europäische Fussballunion Uefa eine Dringlichkeits­sitzung ein, um über die Zukunft ihres Präsidenten zu beraten. Und dann darf Michel Platini in Nyon gar nicht antreten, weil ihm die 90-tägige Suspension durch die Fifa-Ethikkommission den Kontakt mit allen Fussballfunktionären verbietet.

Damit hat es sich aber mit den lustigen Seiten dieser Affäre. Platini liess sich durch einen Anwalt vertreten, der dem Exekutivkomitee der Uefa zu erklären versuchte, warum sein Mandant im Jahr 2011 2 Millionen Franken von Sepp Blatter erhalten habe. Der Präsident des Weltfussballverbandes (Fifa) ist wegen dieser Zahlung ebenfalls suspendiert, mit der zehn Jahre zurückliegende Dienste Platinis abgegolten worden sein sollen.

Offenbar waren die Ausführungen des Anwalts für die Vertreter der Landesverbände so gut nachvollziehbar, dass die Uefa Platini später einstimmig «volle Unterstützung» ­zusprach. Peter Gilliéron, Zentralpräsident des Schweizerischen Fussball­verbandes und Mitglied der Uefa-­Exekutive, meinte, ihm erschienen Platinis Argumente «plausibel».

Bei genauerem Hinsehen aber ist die «volle Unterstützung» der Uefa vor allem ein Nichtstun. Die Uefa drängt zwar darauf, dass sowohl der Richterspruch der Fifa als auch der Entscheid einer allfälligen Berufung vor dem Sportgerichtshof CAS bis am 15. November stehen. Eine rechtliche Handhabe dazu hat die Uefa aber nicht.

Die Europäer sind von den Ereignissen überrumpelt worden. Gerne würden sie am 26. Februar 2016 einen der ihren auf den frei werdenden Präsidentensitz der Fifa setzen. Aber sie haben nur einen Kandidaten: Platini, der momentan fürchten muss, ganz vom Fussball ausgeschlossen zu werden.

Niemand, der hervortritt

Ausser dem Franzosen scheint kein Europäer bereit, den Kampf um das Fifa-Präsidium anzutreten. Auch nicht Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fussball-Bundes. Zudem gibt es Stimmen in der Uefa, die glauben, nur ein Mann mit dem Glamour eines Ballon-d’Or-Gewinners habe Chancen, bei der Fifa-Wahl auch Stimmen anderer Kontinentalverbände zu erringen. Also kettet sich die Uefa an Platini. Und so bleibt ihr nichts, als darauf zu hoffen, dass er mit einem schnellen Freispruch reingewaschen wird.

Denn die Zeit drängt. Am 26. Oktober müssen Anwärter auf das Fifa-Präsidium ihre Kandidatur eingegeben haben. Danach folgt die Integritätsprüfung durch die Fifa, die ein suspendierter Platini kaum bestehen dürfte. Und am 26. Februar 2016 steht die Wahl des neuen Fifa-Präsidenten an. So wacklig, wie die Uefa-Position derzeit aussieht, hätte es nicht erstaunt, wenn die Europäer auf eine Verschiebung des Wahltermins gedrängt hätten. Aber darauf verzichten sie ausdrücklich. «Das Wichtigste überhaupt ist, dass die Fifa schnell wieder einen Präsidenten hat», sagt Gilliéron dazu.

Entweder sind die Ziele der Uefa wirklich derart hehr. Oder sie hat handfeste Hinweise darauf, dass Platini schnell freigesprochen wird. Sollte er nämlich für schuldig befunden werden, bleibt der Uefa nichts anderes übrig, als auf jenen der restlichen Kandidaten aus anderen Kontinenten zu setzen, der den europäischen Positionen am nächsten ist. Bei der letzten Wahl unterstützte die Uefa den jordanischen Prinz Ali bin al-Hussein, der allerdings selbst in seiner eigenen Föderation in Asien kaum auf Stimmen hoffen kann.

Was die Uefa vom kommenden Fifa-Präsidenten erwartet – ausser, dass er nicht an europäischen Privilegien rüttelt? Für Peter Gilliéron sind es die Reformen innerhalb der Fifa: «Am wichtigsten ist es, dass die Finanzflüsse transparent gemacht werden.»

Und genau da beginnen die inhaltlichen Probleme der Uefa. Möglich, dass Platinis Suspendierung aufgehoben wird. Aber das ändert nichts daran, dass er mit zehn Jahren Verspätung eine Zahlung von 2 Millionen Franken angenommen hat, deren Grundlage ein mündlicher Vertrag zwischen ihm und Sepp Blatter gewesen sein soll. Und nun soll genau er für die von Gilliéron geforderte Transparenz sorgen? Nein, die Uefa hätte gestern wohl ein letztes Mal die Chance gehabt, einen valablen Kandidaten aufzubauen, der glaubhaft für Reformen in der Fifa hätte werben können. Sie hat ihre Chance vertan.

Erstellt: 16.10.2015, 07:56 Uhr

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