Der Frauenfussball startet durch – was tut sich in der Schweiz?

Noch nie wurde an einer WM der Frauen besserer Fussball gespielt, noch nie sahen so viele Zuschauer zu – doch die Schweizerinnen drohen den Anschluss zu verlieren.

Weltmeisterinnen: Die USA gewinnen zum vierten Mal den Titel. Video: SRF

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Nein, sie spielte nicht im WM-Final. Christiane Endler hat mit Chile nicht einmal die K.-o.-Phase der Weltmeisterschaft erreicht. Und doch verkörpert die 27-Jährige alles, was dieses Turnier in Frankreich so ­speziell gemacht hat. Vor drei Jahren noch war ihr Team nicht einmal Teil der Weltrangliste, weil Chiles Verband keine Spiele für seine Frauen organisierte. Endler gründete daraufhin mit anderen eine Vereinigung, die sich für die Rechte chilenischer Fussballerinnen einsetzt. Die Torfrau steht damit für den allgemeinen Kampf des Frauenfussballs um Anerkennung und Respekt.

Vor allem aber war da ihr Spiel gegen die USA. Endler hechtete, grätschte, sie wehrte sich mit Händen und Füssen gegen die amerikanische Übermacht. Und wie sie da wie eine junge Göttin durch ihren Strafraum flog, machte sie einer weltweiten Öffentlichkeit auf einen Schlag bewusst, wie gut Frauen Fussball spielen können, wenn man sie nur endlich unter professionellen Bedingungen trainieren lässt.

Die chilenische Torhüterin Christiane Endler verkörpert alles, was dieses Turnier in Frankreich so ­speziell gemacht hat. Foto: Keystone

Es sind zwei Bewegungen, die sich an dieser WM zu einer grossen Welle heraufgeschaukelt haben. Da ist einerseits eine Gesellschaft, die dank #Metoo und in der Schweiz durch den Frauenstreik sensibilisiert ist für den Kampf um Gleichberechtigung. Dazu passen Spielerinnen wie Endler und Teams wie die USA, die sich im öffentlichen Rechtsstreit mit ihrem Verband befinden, weil sie gleich viel Geld wollen wie die US-Männer.

Ein Rekord nach dem anderen

Da ist aber andererseits auch einfach die sportliche Entwicklung. Noch nie wurde an einer WM der Frauen besserer Fussball gespielt. Es machte meist schlicht Spass, die Spiele anzuschauen. Der Achtelfinal zwischen Norwegen und Australien war hinreissend, der Halbfinal zwischen England und den USA bot das ganze Drama, Video-Entscheidung inklusive. Und im zweiten Halbfinal bewiesen Holland und Schweden dann, dass Frauen genauso langweiligen Defensivfussball spielen können wie Männer. Zusammen haben die gesellschaftliche und die sportliche Entwicklung dafür gesorgt, dass in den Teilnehmerländern eine TV-Rekordquote nach der anderen aufgestellt wurde.

In Grossbritannien sahen sich auf BBC 11,7 Millionen das Aus der Löwinnen gegen die USA an; und damit mehr als den Final der Champions League, in dem zwei englische Männerteams gestanden waren. In Holland schlug der Halbfinal gegen Schweden das Rückspiel der Männer zwischen Ajax und Tottenham. Selbst in der Schweiz brachten England und die USA mehr Leute vor den Fernseher als zuvor Roger Federer mit seinem Erstrundenspiel in Wimbledon.

Es passt ebenfalls zu unserer Zeit, dass die verstärkte mediale Abdeckung der spielenden Frauen Abwehrreflexe auslöst. Es gibt Männer, die können einem eine halbe Stunde lang höchst engagiert erklären, dass und weshalb sie sich diese WM nicht ansehen. Der «Guardian» hat ihnen einen netten Artikel gewidmet: «Habt Mitleid mit dem armen Mann, dem die Frauen-WM aufgezwungen wird!» Es ist nicht ganz einfach herauszufinden, woher diese männliche Verlustangst kommt. Erst nimmt frau ihnen Ghostbusters weg, und jetzt auch noch den Fussball?

«Fürchtet euch nicht!»

Man möchte ihnen zurufen: «Fürchtet euch nicht!» Denn so gross das Interesse an dieser WM auch war – wenn es um den Alltag in den Ligen geht, müssen die Frauen um jedes bisschen Aufmerksamkeit kämpfen. Die englische Profi­liga, die ab der kommenden Saison die wohl beste der Welt sein wird, hat sich einen Zuschauerschnitt von 2000 Fans pro Spiel zum Ziel gesetzt.

Der Weltfussballverband Fifa zahlt an dieser WM 30 Millionen Dollar an Preisgeld aus. Bei den Männern gab es vor einem Jahr 400 Millionen. So sieht die Realität der Fussballerinnen auf dieser Welt noch immer aus. Die hat auch ein paar positive Seiten: Wer um jeden Franken kämpfen muss, ist es sich auch gewohnt, offen seine Meinung zu vertreten.

Sie werde sicher nicht in dieses «verdammte Weisse Haus gehen», sagte USA-Spielerin Megan Rapinoe. Foto: Getty Images

Und so gab es anders als an der Männer-WM diesmal authentische Interviews und rotzfreche Aussagen. Ergreifend, wie Marta nach dem WM-Aus unter Tränen an die Mädchen in Brasilien appellierte, in ihre Fussstapfen zu treten. Rotzfrech, wie Megan Rapinoe erklärte, sie werde nach dem Gewinn der WM sicher nicht in dieses «verdammte Weisse Haus gehen», und so den US-Präsidenten zu einer ­Twitter-Antwort nötigte.

Etwas spricht für die Entwicklung

Trotzdem bleibt die Frage: Rollt die WM-Welle dieses Mal bis in die Ligen? Oder versandet sie wie bisher immer – bis zum nächsten grossen Turnier, der Europameisterschaft in zwei Jahren? Etwas spricht dafür, dass die Entwicklung weiter­geht: Seit ein paar Jahren haben europäische Grossclubs ihre feminine Seite entdeckt. An der WM mögen die USA ihre Vormachtstellung noch einmal verteidigt haben.

Aber es sind europäische Riesen wie Manchester City, Lyon, Barcelona oder Juventus Turin, die derzeit die Vorreiter sind. Sie hieven mit ihren Trainingsmöglichkeiten das Spiel der Frauen auf ein neues Level. Und das für Summen, die diese Grossclubs kaum spüren.

Vier Millionen Franken lässt sich Barça seine Profi-Frauen kosten. Das verdient ein Lionel Messi (25 000 Euro Einkünfte pro Spielminute) in unter drei Stunden. Und die Schweiz? Muss aufpassen, dass sie den Zug nicht verpasst. WM-Finalist Holland beweist, dass kleinere Nationen Erfolg haben können, wenn sie investieren.

Aber ohne das gemeinsame Engagement der Clubs aus der Super League und des Schweizerischen Fussballverbandes werden die Schweizerinnen just in dem Moment den Anschluss verpassen, in dem der Fussball für Frauen vermutlich wirklich abhebt.

Erstellt: 07.07.2019, 21:32 Uhr

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