Diese Auslosung ist in jeder Beziehung unangenehm

Bei der EM 2020 trifft die Schweiz in Rom und Baku auf Italien, die Türkei und Wales – das Erreichen des Achtelfinals ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

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Vladimir Petkovic wirkt entspannt, als er die erste Bilanz zieht. Die Gruppe sei schwierig, aber interessant, sagt er. Und: Jede Mannschaft habe die Möglichkeit, weiterzukommen.

Italien hat sich der Nationalcoach für die Schweiz an der kommenden EM als Gegner gewünscht. Italien bekommt er dank Ruud Gullit, er zieht die Schweiz als erste Mannschaft aus dem Topf 2. Später kommt die Türkei in die Gruppe A. Und spätestens da ist klar, dass die Aufgabe nicht nur schwierig und interessant sein wird, sondern auch unangenehm.

Gruppe A heisst: Die Schweiz pendelt für ihre Gruppenspiele vom 13., 17. und 21. Juni zwischen Baku und Rom, Luftlinie 3100 km voneinander entfernt. Baku ist ein spezieller Ort in ihrer Geschichte: Hier blamierte sie sich 1996 zum Debüt von Rolf Fringer als Coach und verlor in der WM-Qualifikation gegen Aserbeidschan 0:1.

Die Schweizer Nationalmannschaft mit Trainer Rolf Fringer (links) vor dem Abflug 1996 zum Spiel in Baku. (Bild: Fabrice Coffrini/Keystone)

Die Schweiz hat nun das anspruchsvollste Reiseprogramm aller 24 Teilnehmer. Das ist kein Vergleich zu dem, was zum Beispiel Dänemark bevorsteht. Die Dänen, Zweiter hinter der Schweiz in der Qualifikation, können dreimal in Kopenhagen spielen; diesen Luxus geniessen sie als einer der zwölf Gastgeber dieses Turniers.

Dass Petkovic ans Weiterkommen glaubt, liegt nahe. Er wäre sonst ein schlechter Coach. Auf den ersten Blick ist das Los für die Schweiz anspruchsvoller als 2016 an der EM in Frankreich (Albanien, Rumänien, Frankreich) und sicher so anspruchsvoll wie im Sommer letzten Jahres an der WM in Russland (Brasilien, Serbien, Costa Rica). Zweimal führte ihr Weg in den Achtelfinal und endete da auch. Und jetzt? Ist ein Achtelfinal schon einmal ein Erfolg und alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Gegen Italien sind die grossen Momente selten gewesen

Die Gegner haben es in sich. Da ist einmal Italien, der Gruppenkopf und für Petkovic der «klare Favorit» auf den ersten Platz. Italien ist auch traditionell ein Gegner, gegen den die Schweizer schon so oft überfordert gewesen sind. Ihre Bilanz ist deutlich negativ. Grosse Spiele wie im Mai 1993 gelangen ihnen ganz selten, damals gewannen sie gegen die Azzurri in Bern 1:0 und qualifizierten sich auch dank dieses Sieges erstmals nach 28 Jahren wieder für eine WM. In Rom spielen zu müssen, ist kein Vorteil und vor allem auch kein Vergnügen, das Olympiastadion ist mit seiner Rundbahn alles andere als stimmungsvoll.

Dann die Türkei: Mit ihr sind für die Schweiz besondere Emotionen verbunden. Da ist einmal dieser 16. November 2005 in Istanbul, dieses zweite Spiel in der Barrage für die WM, als die Stimmung hochkochte wie vielleicht nie bei einem Spiel einer Schweizer Auswahl. Der Empfang am Flughafen, die Pfiffe bei der Nationalhymne im Stadion, die Jagdszenen nach dem Schlusspfiff – alles war voller Hass; die Schweizer hatten immerhin die Genugtuung, sich trotz einer 2:4-Niederlage für Deutschland zu qualifizieren.

Der Regen von Basel und die Revanche der Türken

Gut zweieinhalb Jahre später prallten die beiden wieder aufeinander, diesmal an der Heim-EM der Schweiz im Sommer 2008. In Basel goss es aus Kübeln, und in der 93. Minute schoss Arda Turan die Türken zum 2:1-Sieg und besiegelte damit das Aus der Schweizer nach nur zwei Spielen.

Heute haben die Türken eine junge, aber talentierte Mannschaft, eine Mannschaft auch, die für Petkovic «mit viel Charakter und Leidenschaft» auftritt. In der zurückliegenden Qualifikation provozierten sie in den Spielen gegen Albanien und in Frankreich mit dem Militärgruss, es war ihr Akt der Solidarität für die Soldaten ihrer Heimat, die Präsident Erdogan in den Krieg gegen die Kurden geschickt hatte. Die Uefa untersucht ihren Fall, Sanktionen drohen.

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Schliesslich Wales. Auf dem Wappen wirkt der rote Drache furchteinflössend, auf der Bank sitzt der grösste Fussballer der walisischen Geschichte, Ryan Giggs, und auf dem Platz ist Gareth Bale aktuell der Ausnahmespieler. Die Waliser landeten ihren Coup in Frankreich, als sie das schafften, wovon die Schweizer seit Jahren träumen: Sie stürmten in den Halbfinal.

Diesmal sind sie der Gegner, den die Schweizer zum Auftakt am 13. Juni in Baku besiegen müssen, um nicht gleich gehörig unter Druck zu geraten. Ein Sieg wäre die perfekte Basis. Er würde einiges helfen, sich zur Not als einer der vier besten Gruppendritten in die Achtelfinals zu arbeiten.


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Erstellt: 01.12.2019, 11:49 Uhr

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