China, die globale Fussballmacht?

Mailands Fussball wird chinesisch. Die alten Mäzene mögen nicht mehr. Wie diese fernöstliche Eroberung konkret aussieht.

Javier Zanetti, langjähriger Captain von Inter Mailand, mit dem chinesischen Coach Gong Lei in Nanjing bei der Bekanntgabe der Übernahme am Montag. Foto: Getty

Javier Zanetti, langjähriger Captain von Inter Mailand, mit dem chinesischen Coach Gong Lei in Nanjing bei der Bekanntgabe der Übernahme am Montag. Foto: Getty

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In Mailand ist der häufigste Unternehmernamen Hu. Nicht Rossi, nicht Bianchi, auch nicht Colombo. Sondern Hu, ein chinesischer Name. Das schreibt eine italienische Zeitung. Vielleicht stimmt es gar nicht. Vielleicht ist es eine Übertreibung, die dazu dienen soll, alles noch etwas mehr zu dramatisieren. Es passiert gerade Dramatisches in der Welt des Calcio milanese, des Mailänder Fussballs. Und fürs Drama sorgen ausgerechnet die Chinesen, von denen man bis vor kurzem noch gedacht hatte, sie würden sich nicht für diesen Sport interessieren. Nicht ernsthaft jedenfalls.

Nun aber wollen sie auch im Fussball eine Macht werden. «Questi cinesi!» «Diese Chinesen!», hört man immer wieder. Das ist nicht böse gemeint, nur argwöhnisch, wohl auch etwas ängstlich. Eine globale Fussballmacht will Peking werden. Es ist ein Masterplan für mehr Soft Power, getragen auch von der Kommunistischen Partei. Von Xi Jinping, dem Präsidenten Chinas, weiss man mittlerweile hinlänglich, dass er ein Fussballnarr ist.

Die Eroberung beginnt in Mailand. Der chinesische Grosskonzern Suning, Hersteller von Haushaltgeräten, kauft den Football Club Internazionale Milano, besser bekannt als Inter, gegründet 1908. Und wenn nicht alles täuscht, dann wird bald auch der andere Traditionsclub der Stadt, die Associazione Calcio Milan, gegründet 1899, chinesischen Investoren gehören. Ein Epochenwandel ist das, passt aber ganz gut in die Stadt mit ihrer alteingesessenen chinesischen Gemeinde, 30'000 Mitglieder, einer stattlichen Chinatown am Rand des historischen Zentrums und vielen Unternehmern mit dem Namen Hu, die in zweiter, dritter Generation in Mailand leben.

Die heruntergekommene Serie A

Im fernen Nanjing, im Südosten Chinas, begann diese Woche das erste Kapitel des Wandels. Da trat der Konzernchef von Suning vor die Presse und sagte: «Wir wollen Inter wieder grossartig machen.» 270 Millionen Dollar soll er bezahlt haben für 68 Prozent der Anteile. Die Wand hinter dem Rednerpult war mit schwarzen und blauen Streifen überzogen, den Vereinsfarben. Dazu der Titel der Hymne: «Amala!» «Liebe sie!» Mit «sie» ist Inter gemeint. Für die Italiener ist Inter weiblich.

Es ist nicht überliefert, ob die chinesischen Bühnenbildner Berater aus Mailand beigezogen hatten, um auch sicher nichts zu vergeigen bei der Inszenierung. Dem Übersetzer unterlief dann aber bei der Liveübertragung ein Fehler, der situationskomischer kaum hätte sein können: Statt Inter sagte er Milan. Für die Wiederholung der Sendung schnitten sie die Passage dann heraus. Niemand soll sein Vorurteil bestätigt sehen, dass die Chinesen nichts von Fussball verstehen. Questi cinesi!

«Es wäre jetzt einfach, dumme Sprüche zu reissen», schreibt «La Repubblica», «Wortspiele mit Frühlingsrollen oder so.» Doch der Calcio könne sich Ironie nicht leisten. «Wir sind so tief gesunken, dass es uns nicht zusteht, der Welt Lektionen zu erteilen.» Alle Versprechen der letzten Jahrzehnte, den heimischen Fussball zu modernisieren, die Stadien zu renovieren, die Fans wieder in die Arenen zu holen, die Vermarktung der nationalen Liga auch im Ausland zu pushen, sie nach Asien zu öffnen – verpufft. Ausser bei Juventus Turin natürlich, dem Verein der Familie Agnelli von Fiat, der alles richtig macht und zuletzt fünfmal in Folge die Meisterschaft gewonnen hat, die heruntergekommene Serie A. Juve ist die Ausnahme, die einzige. Man könne froh sein, schreibt «Repubblica», dass die Chinesen überhaupt bereit seien, in den italienischen Fussball zu investieren. «Das ist eine Chance, keine Bedrohung.»

Bis es zu viel war

Die Käufer aus Nanjing wollen nämlich viel Geld ausgeben für neue Spieler. Wenn es das Financial Fairplay der Uefa zulässt, dann sollen Stars mit klingenden Namen zu Inter kommen, damit es wieder erfolgreich und liebenswert wird. Seit 2010, seit dem Triple inklusive Champions League, als man sich unter alten Interisti beinahe (aber natürlich nur beinahe) an das «Grande Inter» unter Helenio Herrera erinnert fühlte, gewann man nichts mehr. Der Verein hatte sich übernommen, der Erfolg wurde ihm gewissermassen zum Verhängnis. Massimo Moratti, der generöse Präsident und Erdölindustrielle, Sohn Angelos, Präsident des wirklich «grossen Inter», hatte über all die Jahre hinweg Hunderte Millionen Euro in den Verein gesteckt. Mit mehr Herz als Kopf, wie ein Romantiker, ein Fan. Irgendwann war es dann allen zu viel, auch ihm selber.

Vor drei Jahren verkaufte Moratti die Mehrheit an ein indonesisches Medienunternehmen, das einen jungen Mann mit rundem Gesicht nach Mailand schickte, um bei Inter den Chef zu geben. Als man Erick Thohir bei seinem ersten Auftritt fragte, welcher Spieler aus der langen Geschichte Inters ihm denn am besten gefalle, sagte er: «Nicola Ventola.» Nicht Giacinto Facchetti, nicht Armando Picchi, nicht Sandro Mazzola. Auch nicht der Brasilianer Ronaldo oder Zlatan Ibrahimovic. Sondern Nicola Ventola. Der Stürmer hat früher insgesamt 37-mal für Inter gespielt und 7 Tore erzielt. Zur Ikone brauchte es etwas mehr. Man stellte dann wilde Vermutungen an, warum Thohir ausgerechnet Ventola nannte. Am ehesten überzeugte die These von der Schwiegermutter: Die ist Indonesierin. Ventola jedenfalls freute sich sehr. Und in Mailand festigte sich das Vorurteil, dass dieser immerzu lächelnde Mann aus Jakarta, der bald alle paar Wochen einflog und Floskeln auf Englisch herunterbat, tatsächlich keine Ahnung hat von Fussball. Und von Italien.

Immerhin aber behandelte Thohir den alten Mäzen Moratti, der noch immer 30 Prozent des Vereins hielt, so, wie sich das gehörte: Er hofierte ihm und zitierte ihn ständig, weil Morattis Reden die Gefühlslage der Fans viel besser trafen. Nun endet auch diese Zeit der Romantik. Moratti scheidet ganz aus, seine 30 Prozent gingen als Erste an die Chinesen. Thohir bleibt wohl noch ein Jahr länger, dann ist auch er weg – mit einem schönen Gewinn. In Italien rätselt man darüber, warum Suning mit seinem Kaufangebot den Gesamtwert des Vereins jetzt um 100 Millionen Euro höher einstufte, als er vor drei Jahren war, beim Kauf der Indonesier. 50 Millionen Euro soll Thohir herausziehen können aus dem Geschäft, obwohl er nichts gewonnen hat, keinen einzigen Titel und fast keine Ehre. Warum also zahlte Suning mehr?

Inter, mit 328 Millionen Euro verschuldet, wäre ihnen wohl notfalls noch viel mehr wert gewesen. Der Name trägt, obwohl es stiller geworden ist um den Verein. Er gehört zu den zehn, fünfzehn wichtigsten Marken in diesem Geschäft. Und dann gibt es noch diese Anekdote, den Stoff für eine schöne Legende. Inter war einst der erste italienische Club gewesen, der China bereiste. 1978 war das, in Zeiten, da noch wirklich nichts darauf hinwies, dass die Chinesen diesem Sport anhängen würden. Sandro Mazzola, der grosse Sandro Mazzola, hatte damals seine Spielerkarriere bereits beendet gehabt. Er reiste als «Dirigente» mit nach China, als Vorstandsmitglied. Das Stadion war voll, und es wollte den grossen Sandro Mazzola spielen sehen. Und so streifte er sich noch einmal das Trikot über und spielte eine Halbzeit lang. Für die Chinesen. Davon bezieht die neue Geschichte nun etwas Seele.

Verkaufen – aber bestimmen

Bei Milan ist es noch nicht ganz so weit. Und auch da ist es eine Romanze, die endet. Silvio Berlus­coni, Präsident seit 1986, will verkaufen, damit er kein Geld mehr verliert. Er ist bald 80. Das Erbe soll dann für alle fünf Kinder einmal üppig ausreichen. Er kann aber nicht loslassen. Seit einem Jahr geht das nun schon so. Immer mal wieder verkündete die «Gazzetta dello Sport», das Mailänder Blatt unter den drei täglich erscheinenden Sportzeitungen Italiens, dass die Verhandlungen gelaufen seien, es fehle nur die Unterschrift, einige Tage noch, höchstens. Dazu gab es dann jedes Mal einige Seiten Hommagen an den früheren Cavaliere, der ja alles gewonnen hat, mehrmals, und der sich nie damit begnügte, einfach nur Besitzer zu sein. Kopf und Herz. Berlusconi redete bei den Mannschaftsaufstellungen drein, ärgerte sich öffentlich über Entscheidungen seiner Trainer, auch über Auswechslungen.

Ein thailändischer Kaufinteressent, den die Medien nur «Mister Bee» nannten, schien ganz nahe dran zu sein. Man sah ihn mit seiner Frau in Mailand, verfolgt von Paparazzi. Bis er dann doch plötzlich wieder weg war, entmutigt vom «Padrone», der nicht loslassen kann von dieser Bühne, die ihm bei der Verführung des Volkes half. Die Chinesen bearbeiten ihn nun auch schon eine ganze Weile. Wer hinter der Seilschaft steht, die für Milan bietet, mag Berlusconi nicht verraten. Alles sehr seriös, sagte er nur, um dann gleich wieder Zweifel aufkommen zu lassen an deren Eignung. Offenbar möchte er sich vor dem Verkauf versichern, dass die Käufer seinem Milan und ihm selber auch den gebührenden Respekt erweisen. Am liebsten würde er Präsident bleiben. Seine Tochter aus zweiter Ehe, Barbara, sähe er weiterhin gerne als Geschäftsführerin – eine Rolle, die sie sich seit einigen Jahren und selten sehr harmonisch mit Vaters langjährigem Vertrauten Adriano Galliani teilt. Und auch der soll bleiben dürfen.

Man hört, die Forderungen des Verkäufers gingen so weit, dass er dem Käufer auch noch die Strategie für die Zukunft vorgeben will, wenn er eigentlich nichts mehr zu sagen hätte. Berlusconi schwebt vor, dass Milan mit vielen italienischen Talenten wieder gross werden soll. Wo er die alle herholen möchte, bleibt sein Geheimnis.

Der Entscheid soll erst in der nächsten Woche fallen, oder in der übernächsten. Er lässt sie zappeln – questi cinesi. Vielleicht zahlen sie dann mehr. Berlusconi liegt gerade im Spital, eingeliefert nach einem kleinen Schwächeanfall, den er am Tag der Gemeindewahlen in Rom erlitten hatte. Etwas mit dem Herzen. Nichts Ernsthaftes, versichert seine Entourage. Aber der Zeitpunkt passt nun mal zum Drama, zum Epochenwandel.

Das Derby, nun ja

Mailand wird überall etwas chinesischer. Pirelli etwa wird chinesisch, übernommen von Chemchina. Der Deal beinhaltet auch ein Aktienpaket am «Corriere della Sera», dem bürgerlichen Leibblatt der Mailänder. Das Politecnico hat einen Teil seiner Gebäude verkauft, damit die chinesische Tsinghua University, an der schon Xi Jinping studiert hat, ihre Niederlassung in Italien eröffnen kann. Die chinesische Ratingagentur Dagong entschied sich gerade dafür, ihren europäischen Sitz im Mailänder Finanzbezirk anzusiedeln. Und eben nicht in ­London, Paris oder Zürich.

Das sind alles kleine Zeichen, die sich dann zu einem grossen Ganzen verdichten werden, wenn im Stadion Giuseppe Meazza im Stadtteil San Siro, der «Scala del Calcio», immer Chinesen die Hausherren sein werden. Ob nun Inter spielt oder Milan. Das «Derby della Madonnina», das Mailänder Stadtderby, ist dann auch chinesisch. Und daran muss man sich zuerst einmal gewöhnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2016, 23:07 Uhr

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