Diese Super-League-Teams sind ihr Geld nicht wert

Unsere grosse Auswertung der letzten 14 Saisons zeigt, welcher Club am meisten enttäuscht – und wer die Erwartungen regelmässig übertrifft.

Frust pur: Die Grasshoppers und ihr Spieler Yoric Ravet erlebten eine Saison zum Vergessen – schon wieder.

Frust pur: Die Grasshoppers und ihr Spieler Yoric Ravet erlebten eine Saison zum Vergessen – schon wieder. Bild: Keystone

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Was war das für eine letzte Runde in der Schweizer Super League! Gleich fünf Mannschaften – also die Hälfte der Liga – hatten noch die Chance, sich für das europäische Geschäft zu qualifizieren. Sie waren durch gerade einmal drei Punkte getrennt. Vom dritten Platz, der die direkte Europa-League-Qualifikation und 3,3 Millionen Franken bringt, bis zum enttäuschenden achten Platz war alles möglich. Dass es bis ganz am Schluss so eng bleiben würde, hatten letzten Sommer wohl die wenigsten gedacht.

Denn die Teams starteten auch diese Saison mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und Erwartungen. Die Berner Young Boys als Titelverteidiger und der FC Basel als abgelöster Serienmeister traten nicht nur wegen ihres Renommees als Favoriten an, sondern auch, weil sie weitaus am meisten Geld zur Verfügung haben. Über die genauen Budgets für die erste Mannschaft geben die meisten Clubs zwar keine Auskunft. Wie ambitioniert sie sind, zeigt aber auch der Marktwert ihres Teams. Je teurer die Spieler, desto mehr wird von ihnen erwartet.

Nur Sion ist schlechter als GC

Das YB-Kader war Anfang Saison über 69 Millionen Franken wert – fast siebenmal mehr als dasjenige von Neuchâtel Xamax, wie Zahlen der Seite Transfermarkt.ch zeigen. Dass die Berner ihrer Favoritenrolle gerecht geworden sind und den Meistertitel verteidigten, ist also nur folgerichtig. Basel und Luzern erfüllten die Erwartungen ebenfalls. Alle anderen Mannschaften schnitten entweder besser oder schlechter ab, als man von ihnen erwarten konnte.

Am meisten enttäuschten die Grasshoppers und Sion, die über das viert- respektive drittteuerste Kader verfügen, aber eine Saison zum Vergessen erlebten. Sion-Präsident Christian Constantin gab wieder einmal viel Geld aus, entliess zwei Trainer und landete mit seiner Mannschaft am Schluss trotzdem nur auf dem enttäuschenden achten Rang. Die Grasshoppers stiegen sogar erstmals seit 70 Jahren aus der höchsten Schweizer Liga ab, obwohl sie vergleichsweise teure Spieler in ihren Reihen hatten.

Ganz anders Xamax: Es konnte sich lediglich Spieler leisten, die zusammen auf einen Marktwert von 10,9 Millionen Franken kamen, und verhinderte trotzdem den direkten Abstieg, mit dem zu Beginn der Saison die meisten gerechnet hatten. Für die grösste Überraschung sorgte aber Lugano, das sechs Plätze besser abschnitt als in der Marktwerttabelle. Auch Thun hat viel aus sich herausgeholt und es in die Europa League geschafft.

Ist das nur Zufall? In einer einzelnen Saison kann ja viel passieren. Wir haben uns deshalb angeschaut, wie die aktuellen Mannschaften der höchsten Schweizer Liga in den letzten 14 Jahren performten. Seit der Saison 2005/2006 erhebt Transfermarkt.ch die Marktwerte aller Super-League-Teams.

Mit Abstand am meisten aus seinen Möglichkeiten macht gemäss unserer Auswertung der FC Thun. Zusammengezählt über alle Jahre haben die Berner Oberländer 34 Plätze besser abgeschnitten, als es ihre finanziellen Möglichkeiten erahnen liessen. Auch Luzern und Lugano gehören mit 13 respektive 11 gutgemachten Plätzen zu den Overperformern der Liga.

Überraschend nicht zu den Overperformern gehören YB und Basel. Dass die beiden Topclubs eine negative Bilanz aufweisen, hat aber einfach damit zu tun, dass sie oft ihre hohen Erwartungen erfüllten, nicht mehr und nicht weniger. Die Basler etwa hatten jahrelang das teuerste Kader, gewannen damit aber auch mehrmals die Meisterschaft. Sie leisteten sich also teure Spieler, dafür mit Erfolg.

Das können die Grasshoppers wahrlich nicht von sich behaupten. Die Mannschaft war nicht nur in der aktuellen Saison ihr Geld nicht wert, sondern fast permanent in den letzten Jahren. Und so resultiert für GC ein Minus von 17 Plätzen. Noch schlechter ist nur Sion, das kumuliert fast doppelt so viele Ränge verlor und damit bei weitem der grösste Underperformer der Liga ist. Immerhin gewannen die Walliser seit der Saison 2005/2006 viermal den Cup, was die schlechten Leistungen in der Liga ein wenig entschädigt.

Thun ist eine Ausnahmeerscheinung

Umso erschreckender ist die Leistung der Grasshoppers, wenn man bedenkt, dass sie in der aktuellen Saison am meisten Geld pro Punkt ausgegeben haben. Um diesen Betrag zu berechnen, haben wir den Marktwert der Teams durch die Anzahl Punkte geteilt, die sie am Ende auf dem Konto hatten. Gemäss dieser Berechnung hat GC mehr als 1 Million Franken pro Punkt gebraucht. Zum Vergleich: Bei Xamax waren es 290'000 Franken.

Über alle ausgewerteten Saisons gesehen ist es aber Sion, das mit fast 600'000 Franken pro Punkt am meisten investiert, vor dem langjährigen Ligakrösus aus Basel und den Grasshoppers. Rekordmeister GC leistete sich jede Saison ein teures Kader, holte aber wenig Punkte und kommt auf durchschnittlich 450'000 Franken – beinahe doppelt so viel wie Thun, das mit Abstand am günstigsten fuhr.

Auch Xamax kam mit einem verhältnismässig günstigen Kader zu seinen Punkten. Im Unterschied zu Thun zahlte sich das aber kaum aus. Die Neuenburger klassierten sich in ihren sieben Saisons in der Super League seit 2005 stets in der hinteren Hälfte der Tabelle und stiegen zweimal ab. Besonders der Konkurs und die Zwangsrelegation 2012 unter dem tschetschenischen Besitzer Bulat Tschagajew bleibt in Erinnerung. Thun qualifizierte sich im selben Zeitraum mehrere Male für europäische Wettbewerbe, 2005/2006 spielten die Berner Oberländer sogar Champions League.

Damit gehört Thun sicher zu den Ausnahmen. Denn tendenziell gilt auch in der Schweiz: Geld schiesst Tore. Die Clubs leisten sich immer teurere Spieler. Seit der Saison 2005/2006, als Transfermarkt.ch zum ersten Mal die Marktwerte aller Super-League-Teams schätzte, hat sich der Gesamtmarktwert der Liga mehr als verdoppelt: von 116 Millionen Franken auf gut 284 Millionen Franken.

Auch in der Schweiz fliesst also immer mehr Geld in den Fussball. Aber was hat das für Auswirkungen? Ist ein Club auch in der Super League erfolgreicher, wenn er mehr Geld investieren und sich ein teures Team leisten kann?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir die Marktwerte und erzielten Punkte aller Mannschaften seit 2005 ins Verhältnis gesetzt. Die Auswertung zeigt: Je teurer das Kader, desto mehr Punkte holt ein Team (siehe Trend).

Die Grafik zeigt aber auch, dass es immer wieder Ausreisser gibt, also Ausnahmen von der Regel. Letzte Saison überraschten zum Beispiel die Young Boys. Ihr Marktwert war mit 25 Millionen Franken nicht einmal halb so gross wie derjenige des FC Basel. Trotzdem holte YB ganze 84 Punkte und wurde Meister. Dem FC Zürich gelang dieses Kunststück 2005/2006 sogar mit einem Marktwert von nur gut 11 Millionen. Und Thun schafft es regelmässig, mit einer No-Name-Mannschaft vergleichsweise viele Punkte zu holen.

Am anderen Ende der Gefühlsskala befinden sich die Grasshoppers in der aktuellen Saison. Sion schafft es ebenfalls immer wieder, deutlich unter den Erwartungen zu bleiben. Und wenn es mal läuft wie in der Saison 2011/12, macht sich der Club selbst das Leben schwer: Er verpflichtete trotz einer Transfersperre der Fifa mehrere Spieler, was schliesslich einen Abzug von 36 Punkten zur Folge hatte. Sion schaffte es wie durch ein Wunder doch noch in die Barrage und sicherte den Ligaerhalt.

Genau solche Geschichten und die Tatsache, dass in der Schweiz immer noch Clubs erfolgreich sein können, die nicht über das grosse Portemonnaie verfügen, machen die Super League aber spannend. Auch wenn im Vergleich mit den grossen Ligen wie in England oder Deutschland weniger fussballerische Qualität geboten wird, so ist doch zumindest für Spannung und Überraschung gesorgt. Oder wer hätte vor der Saison darauf gewettet, dass Lugano und Thun die Plätze drei und vier belegen würden?

Erstellt: 28.05.2019, 13:50 Uhr

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