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Ein dunkler Schatten liegt über der Fussball-WM in Russland

Er habe Beweise für staatlich organisiertes Doping bei russischen Fussballern, liess ein Ex-Funktionär verlauten. Nun lebt er unter Schutz des FBI in den USA. Und was macht die Fifa daraus?

Geheimsache Doping: Klartext wird zwischen Wladimir Putin und Gianni Infantino – wenn überhaupt – nur hinter den Kulissen gesprochen. Foto: Ivan Sekretarew (AP/Keystone)
Geheimsache Doping: Klartext wird zwischen Wladimir Putin und Gianni Infantino – wenn überhaupt – nur hinter den Kulissen gesprochen. Foto: Ivan Sekretarew (AP/Keystone)

Der Ton in der Sache ist gesetzt, und das wenig subtil, nein, er wurde richtiggehend gestanzt. Der Mann müsse erschossen werden, so habe das schliesslich Stalin mit Lügnern auch gehandhabt. Der Mann, dem die Kugeln gelten, heisst Gregor Rodtschenkow, Whistleblower und einer der Auslöser des russischen Dopingskandals. Der Absender der gekugelten Worte ist Leonid Tjagatschow, Ehrenpräsident des russischen Olympischen Komitees, ehemaliger Skirennfahrer und Skilehrer Wladimir Putins.

Man möchte nicht wissen, wie Tjagatschows Gesichtsfarbe ausgesehen hat, als Rodtschenkow vor Tagen über seinen Anwalt verlauten liess, er habe Beweise für staatlich organisiertes Doping bei russischen Fussballern. Und er frage sich, weshalb die Fifa nie mit ihm Kontakt aufgenommen habe. Er, der vom IOK als glaubwürdige Quelle eingestuft wird. Er auch, der Leiter des Anti-Doping-Labors von Moskau war und nun unter Schutz des FBI in den USA lebt.

Was geschah mit den Proben?

Doping und Fussball: Es ist eine der grössten Sorgen von Russland, aber auch der Fifa. Im kommenden Sommer findet die WM in Putins Reich statt, es sollen Festspiele werden. Doch die Verdachtsmomente gegen das Land sind erdrückend und stets präsent, es verdirbt allen Beteiligten die Laune, so auch an der Auslosungsveranstaltung in Moskau.

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Dort war auch Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura; sie hat der Welt das neue WM-Logo vorgestellt (ein Torhüter im Nostalgie-Chic), den WM-Pokal in einer Coca-Cola-Vitrine präsentiert (die Sponsoren sind wichtig, dazu später) und schliesslich auch Fragen zum ­Doping beantwortet (eher unliebsam). Samoura ist eine Frau mit gewinnendem Lachen, doch bei kritischen Fragen blockt und bockt sie. Eben, die Dopingsache. ­Samoura mäandriert mit ihrer Antwort, ihre Sätze unterscheiden sich kaum von denen, die sie bereits im Sommer dieser Zeitung gegeben hat. Damals hat die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada der Fifa 155 verdächtige, aber ungeprüfte russische Fussballerproben übermittelt. Es ist ­unklar, was die Fifa damit gemacht hat.

Die Richtlinien verletzt

Samoura sagt, der Weltverband überlasse das Ermitteln in der Sache der Wada – auch darum habe die Fifa bisher das Gespräch mit Rodtschenkow nicht gesucht. Das ist erstaunlich. Denn mit diesem Verhalten verletzt sie die Wada-Richtlinien. Matthias Kamber, Chef von Antidoping Schweiz, sagt: «Die Fifa als internationaler Verband muss hier prüfen und kann die Sache nicht delegieren.» Seit Juni sind Monate vergangen, die Fifa aber ist noch immer nicht weiter. Es scheint, als ob sie die Sache aussitzen wolle. Das überrascht nur ­beschränkt: Bereits 2004 und 2009, als die Wada ihre neuen Richtlinien verankern wollte, sträubte sich die Fifa so lange wie kein anderer Verband, das ­Papier zu unterzeichnen .

Rodtschenkow hat jüngst in der «New York Times» Auszüge aus seinem Tagebuch veröffentlicht. Die Notizen sind mit Tinte und von Hand geschrieben, vor ­allem aber sind sie brisant. Es verbindet die Worte Doping und Russland mit ­einem noch röteren Faden, als bisher bekannt war. Die Fäden in der Hand hat demnach Witali Mutko. Er hat die Manipulationen bei den Olympischen Spielen in Sotschi koordiniert, er ist Vize-Premierminister von Russland, und: Er ist Vorsitzender des russischen WM-Organisationskomitees und Präsident des russischen Fussballverbandes.

Es ist daher naheliegend, dass er einen dritten Faden in der Hand hält, der zum Fussball geht. Denn im Zuge der Dopingenthüllungen tauchte auch eine Liste mit 34 russischen, stark unter Dopingverdacht stehenden Fussballern auf – darunter das ganze WM-Team von 2014. Doch auch hier ist nichts geschehen, die Fifa bleibt passiv, Sanktionen gibt es keine. Samoura sagt in Moskau, nach ­ihren Informationen sei Doping im russischen Fussball «nicht weitverbreitet».

Ihr Chef Gianni Infantino schweigt hartnäckig zum Thema. Vergangenen Freitag sass er neben Mutko und konnte beobachten, wie der Russe zu einer neunminütigen Wutrede anhob, Mutko sprach darin bemerkenswerte Sätze. Etwa: «Es hat nie und wird niemals ein staatlich ­gelenktes Dopingsystem in Russland geben.» Oder: «Wie soll das gehen, zu ­dopen, wenn du Trainer aus dem Ausland hast?» Was tat Infantino? Er nickte. Er weiss, eine WM ohne Gastgeber kann sich die Fifa nicht erlauben. Und er weiss, er kann sich das Aussitzen leisten, die Fifa ist mächtig und reich genug.

Sponsoren? Kein Interesse

Die Fifa hat in Russland Baustellen. Doping ist eine davon, die Sponsoren eine andere. Sechs Monate vor Turnierstart fehlen 19 lokale Geldgeber, schreibt die «New York Times», erst einer konnte verpflichtet werden. 2014 hiess es zum selben Zeitpunkt: «Ausverkauft». Die Fifa plagt ein Imageproblem, der letzte neue europäische oder amerikanische Sponsor stammt aus dem Jahr 2011, Johnson & Johnson hiess er. Seit Infantino an der Macht ist, hat der Weltverband zudem erst mit Firmen aus Russland, Katar und China neue Verträge abgeschlossen. Wohlgesinnt ausgedrückt, macht das Sinn, es sind die neuen Zielmärkte der Fifa. Kritisch formuliert, sind dies allesamt Länder, deren Kultur wenig kritisch mit Korruption umgeht. In der westlichen Welt dagegen traut sich kaum mehr jemand, mit der Marke Fifa zu werben.

Aus dem Fifa-Inneren ist zu hören, dass die Sponsoren-Akquise schon einfacher war; doch man werde das Budget einhalten können, selbst wenn nicht alle Sponsorenslots verkauft werden. 100 Millionen Dollar Gewinn will der Verband im Zyklus 2015–2018 machen. Zum Vergleich: 2007-2010 hatte er noch über 630 Millionen betragen.

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