Doping-Gerüchte, die jetzt wohl nie geklärt werden

Vor elf Jahren deckte die spanische Polizei den Dopingring rund um den Gynäkologen Eufemiano Fuentes auf. Nun hat ein spanischer Richter ein bedeutendes Urteil gefällt.

Der frühere Radsport-Teamarzt soll etliche internationale Athleten betreut haben.

Der frühere Radsport-Teamarzt soll etliche internationale Athleten betreut haben. Bild: Keystone

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Der «Operación Puerto» ist der Todesstoss versetzt worden. Elf Jahre nach der spektakulären Aktion der spanischen Polizei, die zur Zerschlagung des Dopingrings rund um den Gynäkologen Eufemiano Fuentes führte, untersagte es nun ein spanischer Richter in einem «erläuternden Beschluss», die seinerzeit sichergestellten Blut- und Plasmabeutel der Sportler für neue Disziplinarverfahren zu nutzen. Damit steht mehr denn je infrage, ob die Beutel noch offiziell mutmasslichen Dopingsündern zugeordnet werden können.

Eine ganze Buchstabensuppe an Verbänden – Italiens Olympisches Komitee (Coni), die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), der spanische sowie der Welt-Radsportverband (RFEC und UCI) – hatten sich für die Blutkonserven interessiert. Ihnen wurde nun mitgeteilt, dass ihnen etwas anderes ausgehändigt wird als Blutkonserven: die Rechnungen für die Kosten der Verfahren, die Mitte 2016 mit Freisprüchen für die Mitglieder des Fuentes-Rings endeten.

Der Beschluss des Madrider Gerichts ist Folge eines Antrags von Fuentes, der nach seinem Freispruch die Aushändigung der Beutel verlangte, die er für Blutdopingpraktiken verwahrt hatte. Fuentes hatte unter anderem argumentiert, dass die seinerzeit vom Berufungsgericht ausdrücklich genehmigte Herausgabe der Beutel an die genannten Verbände nur der «medialen Steinigung» seiner vormaligen Klienten dienen würde.

Wada scheut sich, Namen publik zu machen

Im richterlichen Beschluss, der schon am Mittwoch vergangener Woche erging, aber erst am Freitag an die Öffentlichkeit durchsickerte, heisst es nun zwar einerseits, dass Fuentes keinen Anspruch auf die Beweismittel habe. Andererseits wird klargestellt, dass die Beutel ausschliesslich für bereits eröffnete, nicht verjährte Disziplinarverfahren genutzt werden dürfen.

Das riecht förmlich nach Kunstgriff. Denn: Es gibt in der Puerto-Affäre kein einziges offenes Verfahren. In Spanien waren unmittelbar nach dem Ausbruch der Affäre nur Dopingverfahren gegen Dutzende Radprofis eröffnet worden, wenige Stunden danach waren sie wieder eingestellt worden. Überhaupt wurden in der Puerto-Affäre fast ausschliesslich nicht spanische Radprofis mit Sperren belegt, unter ihnen Jan Ullrich. Die einzige spanische Ausnahme: Alejandro Valverde. Er wurde vom Olympischen Komitee Italiens bestraft. Die Italiener hatten sich einen Blutbeutel Valverdes beschaffen können und belegten den Spanier mit einer Sperre. Gerüchte um die Verstrickung von Profis aus anderen Sportarten wurden nie geklärt.

In Spanien sorgte der richterliche Beschluss für Überraschung, da er in radikalem Widerspruch zur Entscheidung aus dem Jahr 2016 steht, die vom selben Richter unterzeichnet worden war. «Um jeden Zweifel auszuschliessen», halte man «nicht nur den RFEC, sondern auch das Coni, den UCI und die Wada für berechtigt, die (Blut-)Proben zu erhalten, um mögliche Disziplinarverfahren gegen die Profis anzustrengen, die als Folge der Analysen identifiziert werden können», formulierte der Richter 2016. Die Wada erhielt darauf Blutproben, scheute sich aber bisher, Namen publik zu machen – angeblich aus Angst vor etwaigen Regressforderungen betroffener Sportler.

Kein Einspruch mehr möglich

Die Gründe für die nun in Spanien erfolgte richterliche Kehrtwende sind unklar. Aber: Die Sportzeitung «As» legte eine kuriose, mit Ironie gespickte Spur. «Als gute Demokraten wollen wir in die Unabhängigkeit und die gute Praxis der Justiz vertrauen. Ebenso darauf, dass (die obersten Sportbehörde) CSD unter José Ramón Lete und (Sport-)Minister Íñigo Méndez de Vigo, der (Parlaments-)Abgeordneter für Palencia ist, den gleichen Willen wie ihre Vorgänger zeigen, um für die Wahrheit zu kämpfen», kommentierte das Blatt.

Der Verweis auf Palencia ist interessant. Die Stadt ist nicht nur Wahlkreis von Minister Méndez de Vigo, sondern auch Heimat der früheren Leichtathletin Marta Domínguez, die 2015 vom CAS zu einer dreijährigen Dopingsperre verurteilt wurde und zahlreiche internationale Titel aberkannt bekam. Die heute 41-Jährige ist übrigens Parteifreundin von Méndez de Vigo in Spaniens regierender Volkspartei PP. Domínguez wurde 2011 für die konservative PP in den Senat gewählt. 2015 wurde sie wegen ihrer Dopingaffäre hastig von der PP-Kandidatenliste fürs Parlament gestrichen.

Auch Domínguez steht unter Verdacht, von Fuentes getunt worden zu sein. Laut spanischer Polizei fanden sich unter den offiziell 211 Blutbeuteln auch solche, die mit dem Namen «Urco» versehen waren. So hiess ein Rottweiler, der zur fraglichen Zeit Domínguez’ Ehemann Diego Bercianos gehörte. In der Puerto-Affäre dürfte sie nun nichts mehr zu befürchten haben: Das Urteil, mit dem Fuentes und Komplizen freigesprochen wurden, war letztinstanzlich. Ein Einspruch gegen den neuen Beschluss ist daher auch nicht möglich. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 19.06.2017, 15:23 Uhr

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