Durchschnitt, doch weltberühmt

Rurik Gislason spielt 2. Bundesliga und ist bekannt geworden – als schöner Mann. Seine Geschichte zeigt, wie heute das Fussballgeschäft funktioniert.

Der neue Rurik Gislason. Auch mal im Sakko ohne etwas drunter.

Der neue Rurik Gislason. Auch mal im Sakko ohne etwas drunter. Bild: Instagram Screenshot

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«Wie ist es nur möglich, dass man so schön ist?», schrieb die brasilianische Schauspielerin Gabriela Lopes am 16. Juni auf ihrem Instagram-Kanal, dem mehr als zwei Millionen Menschen folgen, während des WM-Gruppenspiels zwischen Argentinien und Island. Sie meinte Rurik Gislason, der in der 63. Minute beim Stand von 1:1 eingewechselt worden war. Island hielt das Unentschieden, auf der Tribüne in Moskau rang Diego Maradona um Fassung, es war die erste Überraschung des Turniers. Gislason spielte solide. Als er in der Kabine aufs Handy schaute, wie er es immer nach Spielen zu tun pflegt, dachte er: «Habe ich etwas falsch gemacht?» Vor dem WM-Spiel hatte er bei Instagram 36’000 Abonnenten, nun waren es rund 400'000 zwei Tage später.

Heute sagt der unscheinbare zweite Bundesligaspieler über das Jahr, das sein Leben verändert hat: «Ich erzähle keinen Scheiss, wenn ich es einen Hype nenne. Ich bin froh, dass ich 30 Jahre alt bin, während es passiert.» Und nicht etwa 20. Dann, glaubt er nämlich, würde er es vielleicht nicht verkraften.

Inzwischen folgen ihm mehr als 1,1 Millionen, sehr viele Frauen, viele aus Südamerika. Sie posten Herzen unter seine Beiträge, Komplimente für seine blauen Augen oder seinen Körper. Es gibt Fan-Accounts in Deutschland, Italien, Kanada, Argentinien, Venezuela, Kolumbien, Peru.

Vor Gislasons Instagram-Sturm.

Nach Gislasons Instagram-Sturm (man beachte auch die Likes).

«Ich geniesse es», sagt Gislason. «Ich bekomme so viel Liebe und Unterstützung. Und wer will schon keine Liebe und Unterstützung haben?» Er wird oft als Model angefragt, er war auf dem Cover der Glamour in Island, ihn begleitete vor Weihnachten ein TV-Sender für eine Homestory. Aber er sagt auch: «Ich bin ein Fussballer. Ich will mich auf Fussball konzentrieren. Fussball wird noch ein paar Jahre mein Job bleiben.» Und das bedeutet: «Es ist knifflig.»

Nun ist die Geschichte von Rurik Gislason, 30, aus Reykjavik zunächst eine erfreuliche für alle Beteiligten, auch für seinen Arbeitgeber. Sandhausen, 15'000 Einwohner, 2. Bundesliga. Zum Trainingsplatz gehen die Spieler über den Zebrastreifen. In diesem Jahr fragten die Menschen vor Autogrammstunden auf dem Weihnachtsmarkt: Kommt Gislason? Auf dem Plakat fürs nächste Heimspiel: Gislason. Das meistverkaufte Trikot: Gislason.

Sie mussten sich zusammenreissen, um nicht die gesamte Kommunikationsstrategie darauf auszurichten, als sie im Sommer plötzlich einen weltbekannten Fussballer im Kader hatten. Zumal Trainer Uwe Koschinat sagt, dass Gislason zwar wichtig fürs Team sei, ein «Mentalitätsspieler». Aber der Körper des Rechtsaussen mache nicht mehr immer so mit, wie es Zweitligafussball verlangt. Der Klub ist zur Winterpause Fünfzehnter. Gislasons Bilanz: 14 Spiele, vier Vorlagen, null Tore.

Bunter Lebenslauf

Gislason gehört zur Generation der besten Fussballer in Islands Geschichte. Er ging schon mit 16 zum RSC Anderlecht, wechselte zu Charlton Athletic, wurde 2013 dänischer Meister mit dem FC Kopenhagen. 2015 dann Nürnberg, 2016 war er an der EM nicht dabei. Seit Januar 2018 ist er in Sandhausen. Die WM in Russland war sein grösster Erfolg. Wer will, kann seinen Lebenslauf auch auf Instagram zurückverfolgen. Mehr als 400 Beiträge, ein Foto von seinem Hund 2011, Urlaub in Las Vegas 2013, Oktoberfest 2015, dazwischen viele Fussballbilder. 2018 sind die jüngsten Beiträge alle Modefotografien. Eine zeigt seinen nackten Oberkörper unterm Sakko.

Seine Geschichte erzählt auch etwas über den Fussball im Jahr 2018. Spieler sind eigene Medienunternehmen, sprechen und werben auf ihren Kanälen in den sozialen Netzwerken, die oftmals das Klischee einer oberflächlichen Branche bedienen. Torwart Loris Karius, 2,3 Millionen Follower und vielleicht das prägnanteste Beispiel des Jahres, meldete sich nach seinen Fehlern im Champions-League-Finale mit dem FC Liverpool im Sommer mit einem Video zurück, das an die Rettungsschwimmer von Malibu erinnerte. Er löschte den Beitrag nach heftiger Kritik.

Gislason findet es gestrig, wenn Leute sich über die Präsenz von Fussballern auf Instagram aufregen. Ihn störe zwar, wie unpersönlich der Kontakt sei, einerseits. Andererseits seien die Fans den Spielern heute näher als je zuvor. Er betreue seinen Account am liebsten selbst, sagt er, auch wenn sich unzählige Berater bei ihm meldeten und er in diesem Jahr eine Agentur beauftragt hatte. Er schaue allerdings weniger rein als früher. Denn mit dem Antworten komme er niemals hinterher.

Dass sich sein Leben verändert hat, merkte er zuerst im Sommer in Miami, als sich nicht ein Fan mit ihm fotografieren lassen wollte, wie im Urlaub zuvor - sondern fast alle, «überall, wo ich hinkam». Er merkte es am Medieninteresse, Frauenzeitschriften erfragten seinen Beziehungsstatus. Er merkte es an den Angeboten: Eine eigene Unterwäschelinie? Eine eigene Schuhkollektion? Ein Besuch beim Bambi? Gislason erhielt aber auch Nachrichten, die eine andere Lesart seiner Geschichte vorschlugen und ihn nachdenklich machten: Ob es nicht sexistisch sei, wie er dargestellt werde? «Ich fühle mich nicht auf Äusserlichkeiten reduziert. Sexismus ist ein grosses Problem unserer Gesellschaft, das wir bekämpfen müssen. Aber wir dürfen auch niemand anders entscheiden lassen, ob wir uns gut oder schlecht fühlen.» Er sagt: «Ich kann mich nicht beschweren.»

Er mag New York

Gislason wurde zum Jahresende in eine argentinische TV-Show eingeladen. Er antwortete zunächst mit der Forderung einer höheren Gage, denn er will sich nicht zu billig verkaufen. Er sagt, dass er die meisten Angebote seit dem Sommer abgelehnt habe, am liebsten für den guten Zweck werbe. Er kann sich vorstellen, mal in den USA zu leben, er mag New York. Er könnte wohl bereits vom Ruhm im Internet leben. Aber er will noch eine Weile weiterspielen. «Die Modeindustrie kann sehr einsam sein», sagt er. Und er glaubt, dass er noch besser werden kann. Als Fussballer.

Neulich waren seine Eltern zu Besuch, sie sprachen über das Jahr, die WM und die gemeinsamen Tage in Russland, über den Hype und darüber, wie schwierig es sein kann, bei so viel Aufmerksamkeit auf dem Boden zu bleiben. «Ihre Meinung ist mir viel wert», sagt Gislason. «Manchmal sorgen sie sich, dass ich nicht bescheiden bleibe. Aber ich verspreche es ihnen.»

Seine Eltern hätten ihn gelobt, sagt er, für seine Leistung als Fussballer. Sie sahen im Stadion, wie Sandhausen 1:2 gegen Heidenheim verlor.

Erstellt: 01.01.2019, 11:26 Uhr

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