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Ein 1:0 für die Pflicht

Die Schweizer Fussballer bestreiten am Donnerstag gegen Andorra ihr viertletztes Spiel der WM-Qualifikation – die Höhe des Sieges ist dabei nicht einmal entscheidend.

«Wir brauchen nicht zu viel nach­zudenken, wir kennen unsere Aufgabe. Die heisst: Siegen»: Admir Mehmedi beim Training in Rapperswil-Jona. Foto: Walter Bieri (Keystone)
«Wir brauchen nicht zu viel nach­zudenken, wir kennen unsere Aufgabe. Die heisst: Siegen»: Admir Mehmedi beim Training in Rapperswil-Jona. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Es tönt, wie es auf dem Platz auch werden sollte. «Es tönt so einfach», sagt Admir Mehmedi, «Andorra ...»

Ja, Andorra, zwar nicht mehr die Nummer 203 der Weltrangliste wie noch beim ersten Aufeinandertreffen mit der Schweiz vor zehn Monaten, sondern innert weniger Monate dank ein paar positiver Ergebnisse auf Platz 129 geklettert. Aber es ist deshalb nicht grösser geworden als Fussballnation. Es ist noch immer eine der ganz Kleinen der Welt. Und darf aus diesem Grund für die Schweizer heute Abend kein Stolperstein sein.

«Wir brauchen nicht zu viel nach­zudenken», sagt Mehmedi, «wir kennen unsere Aufgabe. Die heisst: Siegen.» Mit einem 1:0 wäre der Arbeiter von Leverkusen schon zufrieden. Weil ein 1:0 gleich viele Punkte wert ist wie ein 5:0.

Drei Punkte am Donnerstag, drei am Sonntag in Riga gegen Lettland, das ist nicht zu viel verlangt von einer Mannschaft, die sich als Gruppenerster direkt für die WM nächstes Jahr in Russland qualifizieren will. Das verlangt sie von sich selbst auch. Mehmedi weiss um den eigenen Anspruch und ebenso um die Erwartungen, die von aussen an sie herangetragen werden. Kollegen fragten ihn im Frühjahr: «Wie habt ihr gespielt?» – «1:0», antwortete Mehmedi. «Gegen wen?», wollten die Kollegen wissen, «gegen Lettland? Was? Lettland? Nur 1:0?» Woraus Mehmedi schliesst: «Wir können es nicht jedem recht machen.»

Das Mahnen von Petkovic

Die Zahlen sprechen derzeit für die Schweiz. Seit zwölf Spielen (und dem 1:2 gegen Belgien am 28. Mai 2016) unbesiegt, sieben Spiele in Folge gewonnen, darunter sechs in der aktuellen Ausscheidung, Gruppenerster vor Europameister Portugal – und als Garnitur gibt es Platz 4 in der Fifa-Weltrangliste.

Das hat den «Blick» bereits dazu verleitet, gross zu träumen und die Schweiz im Halbfinal der WM zu sehen. Wenigstens lässt Nationalcoach Vladimir Petkovic die Realität nicht aus den Augen. Was wie ein guter Witz daherkommt, dieser Platz 4 vor Grössen wie Spanien, Italien, Frankreich oder Chile, das sei «nicht der realistische Zustand im Weltfussball», mahnt er.

Es soll nicht vergessen werden, wen die Schweiz in letzter Zeit besiegte: ­Andorra, Färöer (zweimal), Lettland, Weissrussland. Und auch nicht, dass sie seit 1954 vergebens versucht, an einer Endrunde zumindest einmal über die Achtelfinals hinauszukommen. Und schon gar nicht, dass sie noch viel Arbeit zu erledigen hat, bis sie überhaupt in Russland angekommen ist.

Die Weltnummern 129 und 131

Nach der Tranche mit den Aufgaben gegen Andorra und Lettland stehen im Oktober die beiden letzten Spiele an. Unter der Voraussetzung, dass sie jetzt die Weltnummern 129 und 131 besiegt, brauchen die Schweizer gegen Ungarn und in Portugal bloss noch zwei Unentschieden, um den ersten Gruppenplatz zu sichern. Wenn sie Ungarn besiegen, aber in Portugal verlieren, haben sie zwar mehr Punkte und sind – vorausgesetzt, der Europameister stolpert bis ­dahin nicht mehr – trotzdem nur Zweiter. Der Modus will es so, dass bei Punktgleichheit das Torverhältnis entscheidet, und in dieser Beziehung liegen sie deutlich hinter Portugal zurück (12:3 gegenüber 22:3).

Aber Petkovic mag nicht daran denken, was es für die erfolgreiche Qualifikation noch braucht und was in sechs Wochen sein kann. Er gibt vor, jetzt nur Andorra im Kopf zu haben: «Wir müssen uns auf den ersten Schritt konzentrieren und dürfen erst dann an den nächsten denken.»

«Wie ist das möglich?»

Andorra also, eine Aufgabe wie für den Grossen im Cup gegen den Kleinen. Warnungen gibt es für die Schweizer ­genug, was da passieren kann. Mehmedi erinnert sich an den deutschen Cup, als der VfL Osnabrück jüngst als Drittligist und erst noch 70 Minuten in Unterzahl den Hamburger SV 3:1 besiegte. «Da fragt sich doch auch jeder: Wie ist das möglich?»

Oder die Schweizer denken ans Hinspiel letzten Oktober in den Bergen von Andorra, als sie den Gegner zwar dominierten, doch nur zwei Tore erzielten und in der Nachspielzeit gar Gefahr liefen, den Ausgleich hinnehmen zu müssen. «Zum Glück gibt es diesen Match», sagt Mehmedi, «er zeigt uns, dass man jede Aufgabe ernst nehmen muss.» Ungarn bekam vorgeführt, was im gegenteiligen Fall passieren kann. Im Zwergstaat mit 76 000 Einwohnern, ­davon knapp die Hälfte mit andorranischem Pass, verlor es im Juni 0:1.

96 Spiele bestritten die Andorraner seit 1998 in EM- und WM-Qualifikationen. In acht von zehn Teilnahmen blieben sie ohne Punkt, einmal gar ohne Tor. Sie bezogen 91 Niederlagen, 46 davon in 47 Auswärtsspielen. Die Ausnahme gelang ihnen mit einem 0:0 vor über 12 Jahren in Mazedonien. 25:301 lautet ihr Torverhältnis in allen Wettbewerbsspielen.

Wie auf den Färöern

Ein Gegner mit einer solchen Bilanz verleitet dazu, nur über die Höhe des Sieges zu reden. Die Schweizer geben sich Mühe, dieser Gefahr nicht zu erliegen. Petkovic erwartet von ihnen einfach einen Auftritt wie im Juni auf den Färöern: «Abgeklärt, konzentriert, hungrig.» Sie sollen während 90 Minuten ver­suchen, ihre Leistung zu bringen, und in jeder Minute der Philosophie folgen, ein Tor erzielen zu wollen.

Dass Portugal die Färöer und Andorra jeweils 6:0 abfertigte, während sie nur zweimal 2:0 gewannen, stört ihn nicht weiter. Er verweist auf die Tabelle, und da steht: «Wir haben drei Punkte mehr als Portugal.»

Vielleicht hilft heute Abend die gute Erinnerung an den letzten Besuch im St. Galler Stadion. Das war im Oktober 2015, als die Schweiz auf San Marino traf, 7:0 gewann und sich für die EM in Frankreich qualifizierte.

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