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Ein Abend unter Stammesgenossen

Auch der Fussball hat seine Faszination. Das muss ich als Eishockeymann zugeben.

MeinungKent Ruhnke
Das Team, das den Sieg mehr wollte, bekam ihn: FCB-Sportchef Marco Streller freut sich über Langs Tor. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)
Das Team, das den Sieg mehr wollte, bekam ihn: FCB-Sportchef Marco Streller freut sich über Langs Tor. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Sie verstehen es im Basler St.-Jakob-Park, für eine Show zu sorgen. Ich war am Mittwoch dort, als einige der grossen Namen des Fussballs – Ibrahimovic, Pogba, Mourinho – zu Gast waren, um die Europatauglichkeit des FCB zu testen. Als Nordamerikaner war ich skeptisch. Wir sehen Fussball oft als eine Minute Aufregung und 89 Minuten vergeblicher Versuche, eine Lücke zum Tor zu finden. Aber es geht ja auch um anderes, um Sportkultur. Niemand sang die Nationalhymne vor dem Spiel, und es brauchte auch keine Ehrengarde wie in Amerika, um dem Event Bedeutung zu verleihen. Der Ball wurde einfach auf den Anspielpunkt gelegt, und los ging es!

Es ist schwer vorstellbar, dass 36'000 lärmige Zuschauer eine Atmosphäre kreieren, die sich gemütlich, ja fast schon intim anfühlt. Aber das war der Fall. Und die Gastronomie im Stadion ist grossartig. Mir wurde eine VIP-Behandlung zuteil, die ich nicht erwartet hatte. Von 2004 bis 06 hatte ich versucht, dem EHC Basel eine grosse Bühne zu verschaffen. Vergeblich. Trotzdem empfingen mich die Basler mit offenen Armen.

In der Eishockeyarena über die Strasse hatten wir es einfach nicht geschafft, Tickets zu verkaufen. Ich weiss noch, wie wir 2005 unser erstes Spiel nach dem Aufstieg in die Nationalliga A spielten und gerade mal 2100 Zuschauer kamen. Da wusste ich: Wir haben ein Problem. Rückblickend war es eine Verschwendung von Zeit, Geld und Energie. Basel ist eine Fussballstadt und wird es immer bleiben. Punkt.

Herumgescheucht wie Moskitos

Die erste Halbzeit war nur ein Vor­geschmack. ManU zeigte Ansätze von Brillanz, Power und Tempo. 100-Millionen-Pfund-Mann Paul Pogba beherrschte den Rasen mit seinem aufrechten Stil und seinen überraschend flinken Füssen. Die kräftigeren Red Devils scheuchten die Basler herum wie Moskitos. Sie spielten sich an der Peripherie den Ball zu wie an einem unsichtbaren Faden gezogen, versuchten, die Blau-Roten zu locken. Doch sie bissen nicht zu, hielten ihre ­Positionen und gingen trotz dieses Ansturms mit einem 0:0 in die Pause. Und wie José Mourinho nach dem Spiel sagte: «Wenn du einen solchen Druck überlebst, beginnst du zu glauben, dass du gewinnen kannst.» Wie recht er hatte.

Ach ja, der arrogante Feldmarschall aus Portugal, der selbst ernannte «Special One». Diesmal ging sein Plan nicht auf. Die United-Fans sind zufrieden mit den Resultaten, die er bringt, aber weniger mit dem Spielstil. Ein Anhänger sagte mir: «Mourinho würde eher ein grosses Spiel nicht verlieren, als zu riskieren, es zu gewinnen.» Und dummerweise gibt es noch ein anderes Team aus Manchester: City. In dieser Ära der hochstilisierten «Supertrainer» führt sein Gegenpart Pep Guardiola die Liga an mit einem robusten, offenen, offensiven Stil, der nicht nur effektiv ist, sondern auch schön anzuschauen. Natürlich kann sich Mourinho dem Vergleich nicht entziehen. Und vielleicht realisiert er ja einmal, dass er so speziell gar nicht ist.

Als 63'000 weinten

Wie ich hoch oben sass, dämmerte mir, wieso Fussball seine Fans so in den Bann zieht. Es muss auch etwas zu tun haben mit diesen Stadien, in denen Geschichte geschrieben wird und Träume gelebt werden. Wir Menschen sind Stammeszugehörige. Und in einem Stadion trifft man die, die mit einem eine Leidenschaft teilen. Wie es der Clubname schon suggeriert, stammt der Kern von Manchester City aus der Stadt. Die United-Fans hingegen kommen meist aus der Umgebung. In Basel ist der FCB der Kristallisationspunkt, der die Menschen aus der Stadt und dem Baselland zusammenbringt. Und auch verschiedene Generationen. In diesem Stadion zu sein, bedeutet auch, Teil von etwas Grösserem zu sein.

Erinnern wir uns an die Geschichten, die bei ManU von Generation zu Generation weitergetragen wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Stadion bombardiert, und das Team musste seine Heimspiele in der Maine Road austragen – dem heiligen Rasen von City. Das klingt nach Blasphemie, wäre heute undenkbar. Und als 1958, nach dem Flugzeugabsturz über München, im Old Trafford bekannt gegeben wurde, dass der grosse Duncan ­Edwards gestorben sei, brach fast jeder der 63 123 Anwesenden in Tränen aus. Bobby Charlton, der den Crash überlebte, lag nicht so weit daneben, als er das Old Trafford als «Theater der Träume» bezeichnete.

Und nun lebt also der FCB seine Träume im europäischen Fussball. Als die Basler ihr Tempo in der zweiten Halbzeit erhöhten, schwang Mourinho seine Arme herum, als wolle er seinen Spielern bedeuten: Lasst uns den Ball zirkulieren, das Spiel einschlafen lassen und nach Hause gehen! Aber die Basler waren nicht einverstanden damit. Und als Michael Lang den brillanten Querpass von Raoul Petretta verwertete, erzitterte das Stadion. Wir hatten 88 Minuten gewartet, dass etwas passieren würde – und nun hatte es sich gelohnt.

So musste der Mann, der gegen eine Milliarde Pfund für Transfers ausge­geben hat, seit er 2004 in die Premier League kam, den Basler St. Jakob-Park erneut als Verlierer verlassen. Es war die klassische David-gegen-Goliath-Story. Und obschon ich immer ein Mann des Eishockeys bleiben werde: Fussball live zu sehen, wenn jeder Sitz im Stadion ein guter ist und besetzt, ist faszinierend. Und das Team, das den Sieg mehr wollte, bekam ihn. Gut so!

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