Vom gescheiterten Talent zum Aufsteiger der Saison

Einiges durchgemacht und doch noch die Kurve gekriegt: Kevin Mbabu hatte einen schweren Start in seine Karriere. Heute um 16 Uhr trifft er mit YB im Spitzenkampf auf Basel.

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Die YB-Euphorie hat die Schulanlagen erreicht. Auf Berns Fussballplätzen kicken nicht mehr nur die Neymars, Ronaldos und Messis, sondern auch die Hoaraus, Sulejmanis und Mbabus.

Und dieser Kevin Mbabu ist der Publikumsliebling. Bei den Männern, die seine kampfbetonte Art mögen. Bei den Frauen, die vom durchtrainierten Beau mit dem sanften Gesicht schwärmen. Und bei den Kindern, die von den mächtigen Rastas fasziniert sind – seit Mbabu drei war, trägt er sie.

Mbabu ist der YB-Aufsteiger. Er beackert die rechte Seite als offensiver, aggressiver Dauerläufer, beeindruckt mit kraftvollen Dribblings, scharfen Flanken, unbändiger Leidenschaft. «Er ist ein spektakulärer Spieler», sagt sein Trainer Adi Hütter. Und Mbabu meint: «Ich geniesse den Moment, denn es war ein langer Weg für mich.»

Wer sich mit Mbabu unterhält, ist erst mal überrascht, wie leise und zurückhaltend dieser auf dem Rasen so wilde Fussballer spricht. «Ich bin neben dem Platz ein ganz anderer Mensch», sagt der 22-Jährige. «Manchmal bin ich selber überrascht, wenn ich Aufnahmen von unseren Spielen sehe.»

In Newcastle macht der junge Kevin aus Frust zu viel Party

Die Geschichte von Mbabu ist auch ein Beispiel für das Scheitern vieler Schweizer Talente, die zu früh ins Ausland wechseln. Aufgewachsen in Genf, die Mutter Kongolesin und der Vater Franzose, gilt er bald als Hochbegabter. Als der schmächtige Junge mit 13, 14 Jahren einen extremen Wachstumsschub erlebt, fällt er zusätzlich mit seiner Athletik auf. Er ist 16, als Manchester United und Arsenal anklopfen, und ein Jahr später kommen weitere Clubs. Mbabu entscheidet sich gegen den Rat von Familie und Freunden zum Schritt nach Newcastle. Die Premier League ist seine Sehnsuchtsliga, doch er unterschätzt die Begleiterscheinungen des Wechsels. «Ich war viel zu jung und zu wenig reif.»

Oft sitzt der junge Kevin allein zu Hause, ernährt sich ungesund, verletzt sich regelmässig, was auch an seiner Lebensweise liegt, wie er einräumt. «Newcastle ist eine Studentenstadt, es gibt jeden Abend Partys. Und weil ich mich langweilte und frustriert war, übertrieb ich es mit dem Ausgang.» Irgendwann erhält Mbabu eine Chance im ersten Team, brilliert mit einem beherzten Auftritt gegen Chelseas Superstar Eden Hazard, zieht sich aber bald wieder eine Blessur zu. Es bleibt bei fünf Einsätzen für Newcastle, drei in der Premier League. Auch ein leihweises Engagement bei den Glasgow Rangers bringt Mbabu nicht weiter, er gerät in Vergessenheit – und sucht verzweifelt nach einem Ausweg.

YB-Chefscout Chapuisat fädelt den Transfer nach Bern ein

Sein Glück ist, dass die Young Boys kurz vor Ende des Transferfensters im Sommer 2016 Florent Hadergjonaj nach Ingolstadt verkaufen und dringend einen Ersatz als Rechtsverteidiger benötigen. YB-Chefscout Stéphane Chapuisat, der Mbabu seit vielen Jahren kennt, fädelt den Transfer ein, auch Gérard Castella, Ausbildungschef bei den Young Boys, befürwortet den Wechsel. «Ich sah Kevin zum ersten Mal als 14-Jährigen», sagt Castella. «Sein Wechsel nach Newcastle war falsch. Aber er war immer ein besonderer Spieler, mit toller Mentalität. Später war er mein Captain, als ich U-18-Nationaltrainer war.» Mbabu sei ein Kämpfer. «Sein Wille ist einmalig», findet Castella, «er ist hinten und vorne, er ist überall.» Und Chapuisat ergänzt: «Wenn es ihm gelingt, seine enorme Energie zu kanalisieren, ist er kaum zu bremsen.»

Bei YB benötigt Mbabu eine gewisse Eingewöhnungszeit. «Ich war am Anfang nicht restlos von ihm überzeugt», sagt Trainer Hütter, «aber er hat seine defensiven Mängel wie die Stellungsfehler dank intensiver Arbeit korrigiert.» Für Mbabu bedeutet der Wechsel zu YB die Chance, sich bei einem Schweizer Spitzenclub zu präsentieren. «Ich habe alles in meinem Leben verändert und dem Fussball untergeordnet», sagt er.

Weg von den Verlockungen der Stadt

Mbabu zieht ins freiburgische Hinterland, weit weg von den Verlockungen der Stadt, stellt die Ernährung komplett um, kocht ausgewogen und gesund wie die Mutter, lebt seriös, arbeitet auch im Kraftraum hart. «Es ist beeindruckend, wie er auf seinen Körper achtet», sagt Hütter. Auch YB-Sportchef Christoph Spycher lobt die Entwicklung von Mbabu: «Er hat aussergewöhnliche Fortschritte gemacht. Mit seiner Einstellung ist er ein Vorbild für die anderen Jungen.»


Video: Das sagte Mbabu nach dem letzten Sieg gegen den FCB


Bereits im letzten Sommer stehen ausländische Clubs wieder Schlange bei Mbabus Berater. Der ehrgeizige Fussballer ringt lange mit sich, beschliesst dann aber, zu bleiben. «Das Projekt faszinierte mich», sagt er. «Ich sah die Gelegenheit, mit YB Geschichte zu schreiben.» Er ist in dieser Saison rechts auf der Überholspur unterwegs, im Winter will er gar nicht erst wissen, welche Vereine an ihm interessiert sind. «Wir ziehen das hier durch und haben grosse Chancen, Meister und Cupsieger zu werden», sagt er vor dem Gipfeltreffen gegen Basel.

Mit seiner Art gehört Mbabu eigentlich ins WM-Kader

Im Sommer dürfte Mbabu wie einige Mitspieler in eine Topliga weiterziehen. «Er muss zu einem Verein wechseln, der auch eine offensive Spielweise pflegt», sagt Hütter. «Dann kann er seine Stärken ausspielen.» Mbabu selber meint gelassen: «Irgendwann will ich wieder im Ausland spielen.»

Sein Werdegang hat ihn Demut und Geduld gelehrt. Das gilt auch für seine Perspektive im Nationalteam. Eigentlich müsste der langjährige Nachwuchsnationalspieler an der WM ja im Schweizer Kader stehen, mit seiner teilweise verrückten Art könnte er auch als Einwechselspieler für Impulse sorgen. Mbabu spricht bescheiden von der starken Konkurrenz mit Stephan Lichtsteiner, Michael Lang, Silvan Widmer und davon, dass er noch jung sei. Der Verband Kongos hat ihn mehrmals aufgeboten, doch Mbabu will sich in der Schweizer Auswahl durchsetzen. «Ich habe der Schweiz viel zu verdanken», sagt der Fondue- und Raclette-Liebhaber. «Sie ist meine Heimat.»

Nur einmal blitzt im Gespräch Mbabus Kampfeslust auf – als er gefragt wird, ob es ein Fehler gewesen sei, mit 17 die Schweiz verlassen zu haben: «Nein, warum glauben Sie das? Ich bereue nichts. Ohne die Erfahrungen, die ich in Newcastle gemacht habe, wäre ich nicht der Mensch und Fussballer, der heute vor Ihnen sitzt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2018, 10:48 Uhr

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