Ein Coach verblüfft

Ende 2018 überzeugt Vladimir Petkovic statistisch, aber er blendet den Ursprung der Wirren rund ums Nationalteam aus.

Petkovic blickt zurück aufs Jahr: «Drei-, viermal war ich schon verabschiedet.» Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

Petkovic blickt zurück aufs Jahr: «Drei-, viermal war ich schon verabschiedet.» Foto: Gabriele Putzu (Keystone)

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Der Tisch steht im Berner Bellevue Palace. Darauf liegt ein A4-Blatt. Und auf dem Blatt stehen ganz viele Statistiken. Zum Beispiel: die längste Serie von Siegen der Nationalmannschaft oder die besten Punkteschnitte von Nationaltrainern.

Oben am Tisch sitzt der Mann, der für beide Bestleistungen steht. Vladimir Petkovic hat die Schweiz zwischen September 2016 und Oktober 2017 bei zehn Siegen in Folge betreut, und er hat in seinen 50 Einsätzen durchschnittlich so viele Punkte gewonnen wie keiner zuvor, kein Roy Hodgson, Ottmar Hitzfeld oder Köbi Kuhn.

Das Bellevue ist Berns vornehmstes Hotel. Im ersten Stock hat der Schweizer Fussballverband einen Saal gemietet, damit Petkovic vor kleiner Runde Rückschau aufs Jahr 2018 halten kann. Am Morgen hat er noch gedacht, er könne gar nicht reden. Seine Stimme war belegt. Ein Arzt hat ihn aufgepäppelt. Dann wird er gefragt, was ihm beim Blick zurück spontan in den Sinn komme: «Das organisierte Chaos.»

Es wurde «auf den Kopf geschossen»

Er lässt den Satz in der Luft hängen. Zuweilen macht er das ganz gerne, um den Zuhörer im Ungewissen zu lassen. Später kommt er darauf zurück, später, als er von dem redet, was ihn nach der Niederlage im Achtel­final der WM störte, was er als «Kriegszustand» bezeichnet und ihm anfänglich «ein wenig auf die Nerven ging».

Nach der WM war dieses Interview von Alex Miescher, das alles neu entfachte, was in Russland selbst gelodert hatte, dieses berühmt-berüchtigte Doppelbürgerinterview, das Miescher später nach offizieller Sprachregelung zum Rücktritt zwang. Erstaunlicherweise war es aber nicht das, was Petkovic störte. Nein, ihm missfiel, was sonst in Zeitungen oder Onlinebeiträgen stand: «Dass man nicht flach schoss, sondern auf den Kopf. Dass der eine oder andere billige Schuss abgegeben wurde.» Dass, übersetzt, er das Ziel der Kommentare war und seine Entlassung gefordert wurde.

Der schöne Berufswunsch

Natürlich, der eine oder andere Beitrag in der Aufarbeitung der WM mag überzogen gewesen sein («Blick fordert: Treten Sie ab, Herr Petkovic!»). Es mag für seinen Geschmack zu viel Polemik gegeben haben. «Drei-, viermal war ich schon verabschiedet», sagt er. Und natürlich ist ihm das Urteil vorbehalten, was er als «lächerliche, seriöse oder kindische» Kritik erachtet. Aber erstaunlich ist, dass er mit vier Monaten Distanz ausblendet, wo der Ursprung ­allen Übels war: bei Doppeladler und Doppelbürger, bei Konflikten, die nicht von aussen in die Mannschaft getragen wurden, sondern hausgemacht waren.

«Was würden Sie in diesem Jahr anders machen, wenn Sie könnten?», wird Petkovic gefragt. «Vielleicht würde ich Journalist werden.» Er lacht. Aber es ist ihm Ernst mit dem Hinweis, dass er nicht gerne habe, wenn es heisse: «Was wäre, wenn…» Allerdings könnte der Journalist Petkovic davon profitieren, einen anderen Blick auf die Tage in und nach Russland zu werfen. Einen, der ihn nicht zwingt, Rücksicht auf den Verband zu nehmen.

Keine «grosse Schnauze»

Petkovics Stimme leidet nicht während der 75 Minuten. Er lässt das eine oder andere im Vagen, zum Beispiel die Zukunft der ­alten Recken Stephan Lichtsteiner, Blerim Dzemaili oder Johan Djourou. Oder die eigene Zukunft. Ob er 2020 noch bei der Schweiz ist, weiss er nicht. «Der Trainerberuf», sagt er und meint damit die schwierige Planbarkeit in seinem Metier. Ob er als Trainer einmal noch in der Champions League dabei sein möchte, mag er nicht beantworten: «Es ist gefährlich, das zu sagen. Man kann sonst viel schreiben.»

Acht Spielern verhalf er dieses Jahr zum Debüt im Nationalteam, Oberlin, Mvogo, Mbabu, Sow, Fassnacht, Lacroix, Ajeti und Benito. Er hat nicht nur personell am Umbau der Mannschaft gearbeitet, sondern auch vom System und Spielstil her. Er hat die Schweiz weit vorne in der Weltrangliste etabliert. Kein Team hat in der Liga A der Nations League mehr Punkte gewonnen und mehr Tore erzielt als seines. Das 5:2 gegen Belgien, die Nummer 1 der Fifa-Welt, ist ein kräftiges Ausrufezeichen hinter ein turbulentes Jahr gewesen.

«Wir wollen dominieren, wir sind in Topf 1 der EM-Auslosung», sagt Petkovic. Zwei Atemzüge später: «Warum sollten wir jetzt eine grosse Schnauze haben? Warum?»

Erstellt: 28.11.2018, 06:21 Uhr

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