Ein Fussballspiel elektrisiert ganz Deutschland

RB Leipzig (2:0 gegen Hertha) und Bayern München (1:0 in Darmstadt) gewannen und führen die Rangliste punktgleich an. Am Mittwoch kommt es zum Direktduell.

«Das Spiel gegen Leipzig muss gewonnen werden»: Hoeness und Hasenhüttl vor dem grossen Duell Bayern gegen Leipzig.
Video: Reuters

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Vom Marketing, das muss man ihnen schon lassen, verstehen sie bei RB Leipzig das eine oder andere. Am Samstag liessen sie unter den rund 42 000 Zuschauern rot-weisse Weihnachtsmannmützen verteilen, und auf den Mützen waren ein paar Stationen des zu Ende gehenden Jahres aufgedruckt. Sehr gut sichtbar unter anderen auch «Rekordaufsteiger». Ja, das ist und bleibt RB Leipzig nach menschlichem Ermessen auf sehr lange Zeit, «Rekordaufsteiger». Ganz unabhängig davon, wie die Partie von übermorgen Mittwoch beim FC Bayern ausgeht, zu der Leipzig auf Augenhöhe anreisen wird.

Wer hätte das gedacht, wäre man ­geneigt zu schreiben, wenn es nicht so platt wär, nur: Es hilft ja nichts, es ist wirklich so. Wer also hätte das gedacht. «Das war nicht vorherzusehen, dass wir so eine gewichtige Rolle spielen und so gut umsetzen, was wir uns vornehmen», sagte etwa Leipzigs österreichischer ­Defensivspieler Stefan Ilsanker nach dem 2:0-Sieg gegen Hertha BSC, den seine Mannschaft auf famose Weise herausgespielt hatte.

Die Berliner hatten sich streng wie selten nach dem Gegner ausgerichtet, hatten dessen Konterstärke durch eine defensive Formation begegnen wollen. Doch die Leipziger bewiesen, dass sie mit dem Ball durchaus etwas ­anzustellen wissen, wenn sie ihn durch die eigenen, diszipliniert positionierten Reihen zirkulieren lassen müssen. Es spielte ihnen zwar in die Hände, dass die Berliner personell geschwächt angereist waren und rasch den mutigen Mitchell Weiser durch eine Muskelverletzung verloren.

«Da war nichts drin für uns»

Aber es blieb beeindruckend, wie die Leipziger ihre Gäste aus der Hauptstadt derart zermürbten, dass diese zu keiner Torchance kamen und hinterher bloss eingestehen konnten, dass «die zu schnell waren», wie Trainer Pal Dardai resümierte, «da war nichts drin für uns». «Die wollten unbedingt», berichtete ­Ilsanker mit Blick auf den resoluten Körpereinsatz der Berliner, «aber sie haben einfach kein Mittel gefunden.» Das lag auch daran, dass die Leipziger sich nicht beirren liessen: weder von der ersten Saisonniederlage der Vorwoche in ­Ingolstadt, die als Vorbote des vermeintlich unausweichlichen Niedergangs der Sachsen (fehl)interpretiert worden war, noch von den Chancen, die sie anfangs gegen Hertha liegen liessen.

Eine Reaktion gezeigt

«Wir haben von der ersten Sekunde an gezeigt, was wir wollen», erklärte Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl. Erst traf der wegen seiner Schwalbe aus dem Schalke-Spiel aufs Derbste beschimpfte Timo Werner (41.) zur Führung, nach rund einer Stunde wuchtete Captain Willi Orban den Ball nach einem Eckball per Kopf zum 2:0-Endstand ins Tor. «Wir wollten nach der Vorwoche eine echte Reaktion zeigen, und die ­haben wir ­gezeigt, über 90 Minuten», sagte Orban, nachdem er in der Kabine die Glückwünsche des RB-Chefs Dietrich Mateschitz entgegengenommen hatte. Oder beglückwünschte sich der von der örtlichen Volkszeitung mit ­religiös-stalinistischem Furor verehrte Alu-Bonze Mateschitz gar selbst, weil er das Seinige zum Sieg beitrug?

Glücksbringer Mateschitz

Wer abergläubisch ist, könnte das so ­sehen, zumindest hat Mateschitz noch nie einer Niederlage von RB Leipzig beigewohnt. «Wir sehen ihn immer gern im Stadion, hoffentlich kommt er im nächsten Jahr wieder, sagte Torhüter Gulacsi. Dass sich der Österreicher auch für den Mittwoch in München angekündigt hat, hielt Gulacsi für weniger wichtig. Es fehlen empirische Belege dafür, dass Mateschitz auch jenseits Leipzigs als Amulett taugt. Captain Willi Orban wiederum erinnerte daran, dass Mateschitz nicht mitspielt. «Wir müssen unsere Arbeit selber machen», sagte er.

Wie diese im Detail aussehen wird, ist unklar. «Wir haben uns noch nicht mit Bayern München beschäftigt», sagte ­Gulacsi. Sehr wohl hat man beim Aufsteiger den gestrigen 1:0-Sieg der Münchner in Darmstadt verfolgt. Dass dieser Erfolg sehr knapp ausfiel und nur dank eines Traumtors des 26-jährigen Brasilianers Douglas Costa nach 71 Minuten realisiert wurde, ­bestärkt die Leipziger in ihrem Glauben, dass in München am Mittwoch etwas möglich ist.

Klar ist nur: Bei den Leipzigern werden wohl im letzten Spiel vor der Winterpause die ordnenden Gedanken des Naby Keita fehlen, der zentrale Mittelfeldspieler zog sich eine Oberschenkelblessur zu und wird gegen die Bayern wohl passen müssen. Doch der Enthusiasmus, den die Leipziger verströmen, dürfte einiges aufwiegen.

Die Freude auf den Mittwoch

Noch auf dem Platz scharte Trainer ­Hasenhüttl sein Team um sich und erinnerte es mit vehementen Gesten und weit aufgerissenem Mund daran, dass nur noch ein Spiel anstehe in diesem Jahr. Dass dieses Jahr 2016, in dem man die ersten 36 Punkte der eigenen Bundesliga-Geschichte geholt habe, noch nicht vorüber sei. Dass es noch ein ­Finalspiel bereithalte. «Alles, was wir uns hier hart erarbeitet haben, führt jetzt dazu, dass wir am Mittwoch ein Spiel spielen dürfen, das ganz Deutschland elektrisiert und die Leute über die Landesgrenzen hinaus begeistern wird», sagte Trainer Hasenhüttl später.

Diese Einladung zum Genuss wurde von seinem Team dankbar aufgenommen. «Wir treffen nun auf die über Jahre, Jahrzehnte fast schon beste Mannschaft Deutschlands. Darauf freuen wir uns riesig», sagte Ilsanker. Vor allem aber sagte er, wie unbekümmert man sei: «Für uns spricht einiges. Wir müssen nicht, wir wollen. Und wir können, wie man heute wieder gesehen hat.» Leicht klang das, einerseits, und andererseits doch wie eine Warnung.

Dass auch die Münchner dem Spiel gegen Leipzig spezielle Beachtung zollen, belegt die Tatsache, dass Bayern-Trainer Carlo Ancelotti in Darmstadt ohne die angeschlagenen Arjen Robben und Philipp Lahm spielen liess. Am Mittwoch sollten beide fit sein.

Erstellt: 19.12.2016, 14:19 Uhr

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