Ein Giftpfeil aus dem Büro des Präsidenten

Sepp Blatters Stab mischt sich in den Fifa-Wahlkampf ein – mit fragwürdigen Methoden.

Legt sein Amt am 26. Februar 2016 nach 18 Jahren nieder: Fifa-Präsident Sepp Blatter.<br />Foto: Keystone

Legt sein Amt am 26. Februar 2016 nach 18 Jahren nieder: Fifa-Präsident Sepp Blatter.
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Die beiden wichtigsten Männer im Weltfussball, Sepp Blatter und Michel Platini, mögen sich nicht mehr. Der Franzose war einst ein Zögling des Schweizers und als künftiger Fifa-Präsident vorgesehen. Aber die Freundschaft kühlte sich ab, weil Blatter seine Macht nicht abgeben wollte, und nach dem jüngsten Korruptionsskandal ist daraus eine offene Feindschaft geworden.

Nun wird Blatter am 26. Februar 2016 sein Amt nach 18 Jahren niederlegen. Platini kandidiert als Nachfolger, und mit David Nakhid gab gestern ein eins­tiger Spieler von Trinidad und Tobago seine Kandidatur bekannt. Platini aber hat als Uefa-Präsident weiterhin die besten Chancen, den Walliser zu beerben.

«Platini: Leichen im Keller»

Das will Blatters Umfeld verhindern – offenbar um jeden Preis. Seine Helfer mischen sich mit ungewöhnlichen PR-Methoden in den Wahlkampf ein. Thomas Renggli, Mitarbeiter im Executive Office of the President im Fifa-Hauptquartier, verfasste und verbreitete ein Porträt, in dem Platini attackiert wird. In dem Text, der dem TA vorliegt, heisst es: «Er [Platini] war einer der grössten Ballzauberer, den Europa je gesehen hat. Doch ist er auch gross genug, um Fifa-Präsident zu werden? Wer in ­Richtung Katar blickt, kann nur zu einer Antwort kommen: Nein.»

Diese Streitschrift schickte der Blatter-Mitarbeiter dann mindestens einem Schweizer Journalisten, wie die deutsche «Welt» zuerst berichtete. Die Idee dahinter: Stimmung gegen den Kandi­daten Platini zu machen, der heute als Vizepräsident der Fifa amtet. Martin Spieler, Ex-Chefredaktor der «SonntagsZeitung» und jetzt freier Publizist, be­stätigt dem TA, das Porträt per E-Mail erhalten zu haben. «Ich habe es aber nicht einmal gelesen, ich bekomme täglich solche PR-Texte.» Er habe das ­Dokument auch nicht weitergeleitet.

Klar ist, dass der Stoff zum Abdruck ­geeignet war – der Text ist journalistisch aufbereitet, die Schlagzeile knallt («Platini: Leichen im Keller»), der Anriss regt zum Lesen an: «Michel Platini war einer der grössten Spielmacher der Geschichte. Jetzt will er Sepp Blatter als Fifa-Präsident beerben. Doch die Vergangenheit könnte ihm im Wege stehen.»

Fragen nicht beantwortet

Im 9500-Zeichen-Stück wird Platini als Teil des alten Fifa-Systems dar­gestellt. Der Franzose stecke in einem «ara­bischen Dilemma», so der Verfasser: ­Platini stimmte für die WM 2022 in Katar, und kurz vor der Abstimmung traf er im Elysee den damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und den katarischen Thronfolger Tamim bin Hamad al-Thani. Er steht bis heute dazu, seine Stimme ­Katar gegeben zu haben. Dazu kommt, dass sein Sohn nach der WM-Vergabe im Wüstenstaat zu arbeiten begann. «Wie durch Zufall erhielt sein Sohn Laurent ein Jahr später ein Jobangebot von einem der führenden Finanz­konzerne des ­Emirats», heisst es im Text.

Autor Renggli kritisiert sodann, dass Blatter und Platini von den Medien ­ungleich behandelt würden: «Man stelle sich vor, Sepp Blatter hätte seiner ­Tochter Corinne in Russland oder Katar einen lukrativen Job verschafft, die ­west­­europäischen und die US-amerikanischen Medien würden seine standesrechtliche Hinrichtung fordern. Platini dagegen ­lächelt die Vorwürfe weg.»

Dem TA bestätigte Thomas Renggli, den Platini-Text mitverfasst zu haben. Wer die Co-Autoren waren, wollte er nicht ­sagen, eine Reihe von Fragen des TA ­beantwortete er nicht.

Renggli ist ein Profi. Er arbeitete früher als Sportjournalist für NZZ, «Blick» und «Schweizer Illustrierte», sein Vater war der berühmte Sportreporter Sepp Renggli. Bei der Fifa arbeitete Renggli ­Junior zuerst als Chefredaktor der Hauszeitschrift «The Fifa Weekly», später wechselte er ins Büro des Präsidenten, wo er direkten Zugang zu Blatter hat.

Wer war auf dem Verteiler?

Die «Welt» hatte geschrieben, der Auftrag für den Platini-Text sei vom Präsidenten persönlich gekommen. Renggli bestreitet das. Er sagt, er habe das ­Porträt auf eigene Initiative an Martin Spieler geschickt. Bei der Fifa selbst nahm gestern auf Fragen des TA niemand Stellung, auch Blatter nicht. Ob weitere Journalisten mit dem Text ­bedient wurden, ist ungewiss, mögliche Empfänger wie «Blick», «NZZ am Sonntag», «SonntagsZeitung» oder «Schweiz am Sonntag» haben laut eigenen Angaben kein solches Mail erhalten.

Damit scheiterte der Versuch, in den Wahlkampf einzugreifen, schon im ­Anfangsstadium: Bis gestern Abend ­erschien das «Leichen-im-Keller»-Porträt in keinem deutschsprachigen Medium.

Erstellt: 12.08.2015, 23:19 Uhr

Will Fifa-Präsident werden: Uefa-Präsident Michel Platini. Foto: Keystone

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