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Ein Mann von gestern

Die Entrüstung über Christian Constantins Prügelangriff zeigt, wie sehr Gewalt im Alltag heute geächtet ist.

Christian Constantins Angriff löst Empörung aus. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)
Christian Constantins Angriff löst Empörung aus. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Er hat mich geärgert, ich habe ihn geschlagen, danach ging es mir besser: Solche Logik wird auch Vierjährigen nicht mehr durchgelassen. Die Empörung über den Angriff des Sittener Fussballchefs Christian Constantin auf Ex-Nati-Trainer Rolf Fringer ist enorm. Hier ging einer zu weit.

Der Vorfall zeigt auf, wie sehr körperliche Gewalt im Alltag geächtet ist. Wer in der Schweiz, ja in weiten Teilen Europas heute öffentlich seine Freundin schlägt, seine Schüler züchtigt oder einen Konkurrenten in den Hintern tritt, der wird Widerspruch und hoffentlich juristische Konsequenzen erfahren. Gewalt als Lösungsstrategie unter Privaten ist unstatthaft geworden, Notwehr die einzige Ausnahme.

Fröhlich ungehemmtes Kopulieren

Für den Soziologen Norbert Elias war das Verschwinden offener Gewalt ein zentraler Effekt des Zivilisationsprozesses. Der Mensch, schrieb er 1939, reift vom mittelalterlichen Unflat dank Selbstkontrolle und Scham zum modernen Anstandswesen – wie ein Kind, das erwachsen wird.

Zwar sieht die Forschung Elias heute kritisch: Er hat einerseits das Mittelalter verklärt als Zeit des ungehemmt lustigen Kopulierens und Flatulierens, andrerseits aber die Beherrschtheit der Moderne überschätzt. Auf Elias folgten noch viele menschliche Grausamkeiten. Gewalt, glaubt der Essayist Wolfgang Sofsky, ist immer um uns.

Eines aber stimmt bei Elias. Seit der Aufklärung und der Idee der Menschenrechte wird Gewalt durch Private immer mehr delegitimiert. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Wer sonst noch schlägt und schiesst, ist ein Gangster.

Man muss nicht so weit gehen wie der Psychologe Steven Pinker und von «der friedlichsten aller Zeiten» reden, um anzuerkennen, dass Wirtshausschlägereien, Duelle, körperliche Strafen und Vergewaltigungen immer breiter abgelehnt werden und deshalb in der Zahl zurückgehen.

Sicher, die Jugend sucht weiter Gewalt – beim Fussball, an Demos, im Ausgang. Aber das wird als Problem diskutiert, nicht als Normalität. Man kann nicht länger hauen und doch ein respektabler Bürger sein. Constantin führt es uns vor.

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